Das Pulverfass im Herzen Frankreichs

Weil sie ihre Jobs verlieren könnten, drohen frustrierte Arbeiter damit, ihre Fabrik in die Luft zu sprengen. Für Emmanuel Macron wird der Konflikt zur ersten Bewährungsprobe.

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Schon an seinem ersten Arbeitstag erreichte den neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron gestern ein verzweifelter Appell: Es müsse etwas geschehen, forderte der lokale Regionalratspräsident Alain Rousset mit Blick auf den zahlungsunfähigen Autozulieferer GM&S. Die Situation dort als explosiv zu bezeichnen, ist keine Übertreibung: Die Angestellten drohen die Fabrik in die Luft zu sprengen. Sie hätten das Werk mit Gasflaschen und Benzinkanistern umstellt, verkündeten sie letzte Woche. «Wir haben es satt, dass man uns zum Narren hält», sagte ein Gewerkschaftsvertreter.

Die Belegschaft kämpfe seit sechs Monaten um ihre Arbeitsplätze, nun stehe trotz allem die Schliessung des Werks an. «Sollte das passieren, wird die Fabrik nicht heil übergeben werden.» Bilder zeigen, wie wütende Arbeiter Stapel von Pneus verbrennen und mit dem Schneidbrenner eine Presse zerstören. Auf einen haushohen Gastank hat jemand einen Spruch gesprüht: «Bis zur Explosion fehlt noch ein Funke».

Prominente Unterstützer

GM&S ist der zweitgrösste Arbeitgeber im strukturschwachen Département Creuse in Zentralfrankreich. Würden die 279 Angestellten ihren Job verlieren, hätten sie wenig Aussicht auf eine andere Stelle in der Industrie. Sie werfen den Autokonzernen PSA Peugeot Citroën und Renault vor, dem Zulieferer zu wenig Aufträge zu vergeben. Bis spätabends rangen gestern Manager von PSA, Renault sowie Gewerkschaftsvertreter und lokale Politiker um einen Weg, die Zukunft des Werkes zu sichern – ohne Resultat. Man habe aneinander vorbeigeredet, war aus Gewerkschafterkreisen zu hören. Erst hiess es, ein Elysée-Vertreter aus Paris solle am runden Tisch teilnehmen, doch dies blieb offenbar ein Gerücht. Immerhin soll der Präsident zwei enge Mitarbeiter mit dem brisanten Dossier betraut haben, meldet ein lokaler Vertreter von Macrons Bewegung «En marche!».

Die Belegschaft des Werkes im kleinen Dorf La Souterraine weiss, wie sie medienwirksam protestiert: Schon gestern versammelten sich während der Verhandlungen rund 100 Angestellte rund um brennende Paletten und Pneus vor dem Firmengebäude. Emmanuel Macron solle persönlich vermitteln, forderten Angestellte und Lokalpolitiker. Heute Nachmittag geht es mit einer Solidaritätskundgebung weiter; die bekannten Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon und Philippe Poutou, beide waren Präsidentschaftsanwärter, haben ihr Erscheinen angekündigt. Und bereits kündigen die Gewerkschaften weitere «Aktionen in Paris» an.

Die Zeit drängt

GM&S will Renault und PSA zu neuen Aufträgen verpflichten, um die Chance zu erhöhen, dass ein anderer Zulieferer das marode Werk übernimmt. Die französische Firma GMD hat Interesse bekundet. Nächste Woche sollen die Richter entscheiden, ob das Werk liquidiert wird.

Die Zeit drängt, auch für Emmanuel Macron. Der Schwung seines Amtsantritts würde gedämpft, käme es schon in seiner zweiten Woche als Präsident zum Eklat in La Souterraine. Die französischen Angestellten gehören zu jenen, die seinen Plänen kritisch begegnen werden: Macron will den Arbeitsmarkt reformieren, ihn unternehmerfreundlicher gestalten und Frankreich wettbewerbsfähiger machen. Schon sein Vorgänger François Hollande hatte entsprechende Versuche gestartet – und wütende Proteste provoziert.

Der Frust der Franzosen, der das Land auseinanderdriften lässt und viele Wähler in die Hände von Populisten wie Marine Le Pen oder Jean-Luc Mélenchon treibt, hat seinen Ursprung auch in den schlechten wirtschaftlichen Aussichten. Eine wichtige Personalie steht diesbezüglich morgen in Paris an: Es wird erwartet, dass Macron seine Regierung und damit auch den neuen Wirtschaftsminister bekanntgibt. (thu)

Erstellt: 16.05.2017, 17:11 Uhr

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