Der deutsche Winter-Albtraum

Deutschland machte sich zum offenen Tor für eine vermeintlich verfolgte Welt. Doch die Regierung eines Landes muss sich um die eigene Bevölkerung kümmern und nicht um das Elend der Welt.

Deutschland ist fassungslos, aber auch ausser Kontrolle.

Deutschland ist fassungslos, aber auch ausser Kontrolle. Bild: Keystone

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Vor zehn Jahren war es, da sollte Deutschland im eigenen Land Fussball-Weltmeister werden. Schliesslich wurde die Mannschaft von Jürgen ­Klinsmann Dritter. Im kleinen Final schlug man Portugal mit 3:1. Das Motto der Bewerbung 1997 lautete: «Wir sehen uns im Herzen Europas.» Für die Endrunde hiess es dann: «Die Welt zu Gast bei Freunden». Der Slogan sollte die Verbundenheit der Deutschen mit dem Sport und ihre Gastfreundschaft ausdrücken.

Deutschland hat in den letzten zehn Jahren den Begriff der Gastfreundlichkeit weit über dessen eigentliche Bedeutung erweitert. Deutschland machte sich zum offenen Tor für eine vermeintlich verfolgte Welt. Blind war das, unüberlegt und mit bösen Folgen. Das vermeintliche Sommermärchen ist zu einem Winteralbtraum geworden.

Nach dem blutigen Anschlag in Berlin weint ein ganzes Land. Es verharrt in Schockstarre. Weihnachtsgottesdienste wurden zu Trauerandachten. Das offenherzigste Land der Welt steht plötzlich mit blutverschmierter Weste da und kann sich nicht mehr wehren – gegen die eigene Unvernunft nicht, aber auch gegen die omnipräsente Gefahr vor weiteren Anschlägen.

Ein Warnsignal für ganz Europa

Deutschland ist fassungslos, aber auch ausser Kontrolle. Die Ordnung, eine der wichtigen Tugenden, ist zerbrochen. Wenn Deutschland ­orientierungslos und führungslos wird, dann ist dies mehr als nur eine erschütternde Nachricht, es ist auch ein Warnsignal für ganz Europa. Nur wenn Deutschland endlich begreift, dass niemand die Welt retten kann, so wie niemand Deutschland zu retten versuchen wird, gibt es eine Chance, ­dieses schreckliche Ausmass an Verwirrung und Selbsttäuschung zu überwinden. Die Welt ist nicht gut und sie wird es nie sein.

Die Regierung eines Landes muss sich um die eigene Bevölkerung kümmern und nicht um das Elend der Welt. Mit Blick auf Europa bedeutet dies, dass jene, die der Union schon längst das Ende voraussagen, ein Stück mehr recht erhalten haben. Deutschland wird im nächsten Jahr wählen. Mit Blick auf die Parteien, die in dieser Krise alle versagt haben, eine düstere Aussicht auf das beste, was die Welt anbieten kann: Demokratie! (Basler Zeitung)

Erstellt: 27.12.2016, 10:56 Uhr

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