Der Zukunftskanzler

Jens Spahn ist jung, konservativ, schwul und Merkels stärkster Widersacher in der CDU. Er will nach ganz oben.

Will Deutschland entkrampfen. Jens Spahn, 37, Bundestagsabgeordneter und Hoffnungsträger der CDU.

Will Deutschland entkrampfen. Jens Spahn, 37, Bundestagsabgeordneter und Hoffnungsträger der CDU. Bild: Keystone

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Um Angela Merkel, 62, gedeiht nicht viel. Die deutsche Kanzlerin hat um sich wenige Menschen versammelt. Die meisten von ihnen sind grauhaarig und ihr loyal. Es gibt die Junge Union, klar, aber als Förderin politischer Talente ist Merkel in ihrer zwölfjährigen Kanzlerschaft nicht aufgefallen. Der Innenminister ist 63, der Finanzminister 74, die Verteidigungsministerin 58, der Gesundheitsminister 56, die Bildungsministerin 66, der Chef des Kanzleramts 58. Merkel hat in der Partei eine unheimliche Dominanz entwickelt. Zehnminütige Standing Ovations an Parteitagen, trotz Unzufriedenheit über ihre Asylpolitik, sind normal. Ihre Wiederwahl als Kanzlerin im September scheint so gut wie sicher. Wie könnte es in der CDU aber weiter gehen, wenn Merkel einmal abdankt?

Man landet schnell bei: Jens Spahn. Es ist nicht so, dass Merkel ihn gefördert hätte, im Gegenteil. Spahn, 37, ist eher aus dem Widerspruch zu ihr überhaupt gewachsen. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schrieb vor Kurzem in einem Porträt: «Spahns Geschäftsmodell ist die Dissidenz» – und das trifft die Sache gut. Spahn lehnt sich auf, grenzt sich ab und stösst Debatten an: Er war gegen eine Rentenerhöhung der Grossen Koalition, er äussert sich kritisch zu Merkels Flüchtlingspolitik; er wirbt für Leitkultur und für ein Islam-Gesetz. All das zeigt auch, wohin die Reise in der CDU nach Merkel gehen könnte: Nach rechts, oder vielmehr, zurück in die Mitte, wo sie mal war.

Die FAZ schreibt: «Jens Spahn gilt als kommender Mann der CDU.» Die Zeit nennt ihn «die Kanzlerhoffnung nach Merkel». Der Guardian: «der Mann, der Merkel als Kanzler ablösen könnte». Zwischen einer solchen Ablösung steckt noch viel Konjunktiv, «könnte» und «vielleicht». Immerhin scheint Spahn selbst schon sehr lange darauf zuzuarbeiten. In seiner Abiturzeitung steht unter Berufswunsch: Bundeskanzler.

Ein griechischer Kopf

Wir treffen uns im Abgeordnetenrestaurant des Bundestags, das elegant und exklusiv klingt, aber beides nicht ist. Schwarze Tücher liegen auf quadratischen Tischen. Um zwei Uhr nachmittags wirkt der Raum so, als hätte hier vor Kurzem ein nicht sehr geselliges Leichenmahl stattgefunden. Wenige Leute beleben schwach den Raum und trinken Rhabarber-Schorle, ein lachsfarbenes Getränk. Früher wurde hier bestimmt einmal Wein getrunken oder zumindest Kaffee; Getränke, die etwas auslösen. Auch Spahn bestellt eine Rhabarber-Schorle, so viel Konsenskultur darf sein.

Er wird oft als bullig beschrieben, und es stimmt. Spahn hat einen markanten, griechischen Kopf, eine dominante Stirn und die Masse eines Schwingers: breites Kreuz, 1,92, Schuhnummer 49. Dass er nicht erklären würde, er wolle Merkel ablösen, war zu erwarten. «Wir haben eine sehr gute Bundeskanzlerin», meint er. Der Blick ironisch und fragend: Glauben Sie im Ernst, ich sei so doof?

Spahn stammt aus dem Münsterland in Nordrhein-Westfalen, aus Ottenstein, einem Ortsteil von Ahaus, mit 3700 Einwohnern. Nach dem Gymnasium machte er eine Lehre als Bankkaufmann, 2003 hängte er ein Fernstudium der Politikwissenschaft an. 2017, vierzehn Jahre später, schloss er es ab. «Was ich anfange, will ich zu Ende bringen», sagt er, «auch wenn es länger dauert.» Ein bisschen peinlich scheint ihm die Studiendauer zu sein. Aber Spahn war ja auch immer beschäftigt.

Als andere anfingen zu kiffen oder sich vom Hockeyclub abmeldeten, ging Spahn in die Junge Union. Da war er fünfzehn. Er habe Spass am Diskutieren gehabt. «Mein Bruder ging jeden zweiten Abend zum Fussball, ich ging jeden zweiten Abend zur Jungen Union.» Aus einem politischen Haushalt komme er nicht. «Otto Normal», sagt er. Der Vater Angestellter, die Mutter Sekretärin, zwei Geschwister. Mit 22 Jahren wurde er per Direktmandat in den Bundestag gewählt, seit 15 Jahren sitzt er im Parlament – normal ist das natürlich nicht. Spahn zuckt mit den Schultern, grinst. Alles wirkt bei ihm ziemlich leicht.

Spahn gehört nicht der ersten Nachkriegsgeneration an, wie die meisten deutschen Politiker in Gestaltungsrollen. Das könnte ein Vorteil sein, manches nüchterner zu sehen, lockerer. Die Zeit meinte: «Vielleicht wirkt wirklich kein deutscher Politiker so modern wie er, vielleicht möchte man keinen anderen deutschen Politiker derzeit so gerne im ausführlichen Interview hören.»

Ein guter Mann

Dass Spahn so modern wirkt, hat auch mit seiner Sexualität zu tun. Wäre er nicht schwul, würde es den deutschen Medien leichtfallen, ihn als Reaktionär abzutun. Spahn sagt, dass viele Leute denken würden, Schwule seien links. Das sei natürlich «total gaga». Wenn man ihn als konservativ oder rechts bezeichnet, dauert es nicht lange, bis er einen Satz sagt, den er in jedem Interview bringt: «Der Kampf für Frauen- und Schwulenrechte war einmal was Linkes.» Damit ist zweierlei gesagt: Er ist ein Guter, und die Linken haben sich verirrt.

Spahns Sprache ist, trotz fünfzehn Jahren Bundestag, erstaunlich frisch geblieben, oft erzählt er unbeschwert drauf los. In der Welt ärgerte er sich, dass «arabische Muskelmachos» in seinem Fitnesscenter zum Duschen aus Scham die Unterhose nicht ausziehen würden. Es drohe der «Rückfall in alte verklemmte Spiessigkeit». Auch einer Burka wolle er in Deutschland nicht begegnen müssen, sagte Spahn und nannte sich «in diesem Sinne burkaphob». Es ist ein Satz, den die meisten Politiker beim Redigieren eines Interviews streichen würden. «Burkaphob» – so etwas wird einem noch Jahre um die Ohren gehauen. Die Gay-Medien schrieben über die Dusch-Passage: «Der Spahn will doch nur die Schwänze sehen!»

Der Aufstieg von Jens Spahn in der CDU ist umso bemerkenswerter, als ihn Merkel nicht wollte. 2014 sollte Gesundheitsminister Hermann Gröhe ins CDU-Präsidium gewählt werden. Spahn – und solche Kapriolen sieht man bei der CDU nicht gern – machte eine Kampfkandidatur. Manche CDU-Leute dachten, er hätte sich damit selbst erledigt. An Ungeduld und Ehrgeiz würde das Jungtalent zu Grunde gehen. Aber Spahn gewann. Er wurde gewählt als konservatives Korrektiv.

Zwei Jahre später setzte er sich am Parteitag offensiv für eine Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft ein. Die Partei folgte ihm. Merkel zeigte gleich, dass sie der Entscheid nicht im Geringsten interessiert. Auf diese Abstimmung wird man vielleicht einmal zurückkommen: Die Macht war noch bei Merkel, die Leute waren schon bei Spahn.

Ein mächtiger Förderer

Sein Ermöglicher ist Finanzminister Wolfgang Schäuble, ebenfalls eher eine halbloyale Figur an Merkels Seite, die sich gern sibyllinisch ausdrückt. Als die Flüchtlingskrise im November 2015 akut war, sagte er: «Lawinen kann man auslösen, wenn irgendein etwas unvorsichtiger Skifahrer an den Hang geht und ein bisschen Schnee bewegt.» Das sind so Schäuble-Sätze, dahingeworfene, an denen sich die Presse exegetisch abarbeitet. Spahn ist deutlicher, und Schäuble gibt ihm Rückendeckung. Unter ihm macht er als Parlamentarischer Staatssekretär im Finanzministerium seine abschliessenden Lehrjahre. Daneben hat er sein Bundestagsmandat.

Als Spahn 2015 sein Buch «Ins Offene» veröffentlichte und Merkels Flüchtlingspolitik mit Begriffen wie «Staatsversagen», «Skandal» und «Disruption» traktierte, bewies er strategisches Geschick. Er selbst trat hauptsächlich als Herausgeber auf, während er kritische Texte von prominenten Politikern und Intellektuellen aus allen Denkrichtungen publizierte. Spahn stützte sich breit ab. Eine Sarrazin-Figur konnte man aus ihm nicht machen.

Im Buch schreibt Spahn: «Wir dürfen nicht die alten Fehler von falsch verstandener Toleranz gegenüber anderen Kulturen wiederholen, deren Folgen in zu vielen deutschen Stadtteilen in Form regelrechter Parallelgesellschaften sichtbar sind.» Aber wie steht es um Deutschland heute?

Spahn sagt: «Wir sind weit davon entfernt, zu entscheiden, wer nach Europa kommt. Das machen die Schmuggler.» Nach wie vor kämen zu viele Leute irregulär und unregistriert ins Land. Die Diskussionskultur zum Thema Migration sei «immer noch verkrampft, aber deutlich offener als vor zwei Jahren», sagt er. Mittlerweile würden selbst linke Frauen- und Schwulenrechtler merken, dass Multikulti nicht funktioniere.

Ein komisches Land

Die Logik sei in Deutschland immer: «Das ist eine andere Kultur, wir müssen Verständnis haben.» Spahn fragt: «Warum muss ich Verständnis haben, wenn eine andere Kultur Frauen gern in eine Verschleierung packt, wenn sie Zwangshochzeiten veranstaltet, wenn Antisemitismus bei ihr zum Alltag gehört?» Das sei das «Komische an Deutschland», sagt Spahn, «man gesteht den Leuten, die zu uns kommen mehr eigene Kultur zu als wir uns selbst». Das zeige sich auch in der Diskussion um die Leitkultur.

Innenminister de Maizière formulierte unlängst die zehn Gebote für den alltäglichen Umgang in Deutschland. Zum Beispiel: «Wir geben uns zur Begrüssung die Hand, wir zeigen unser Gesicht.» Das war für viele Journalisten und Politiker schon zu viel. Staatsministerin Aydan Özoguz (SPD), die Integrationsbeauftragte vom Bund, erklärte: Eine deutsche Kultur sei jenseits der Sprache «schlicht nicht identifizierbar». Spahn findet das «unglaublich». «Ich möchte mal sehen, was passieren würde, wenn ein französischer Minister sagt: Es gibt keine französische Kultur.» Spahn sagt: «Der könnte zurücktreten.»

Eigentlich ist Spahn Gesundheitspolitiker. Aber er breitet sich immer weiter aus. Vor allem geht er dahin, wo es in Deutschland heikel wird, wo gestritten werden kann – da, wo die CDU nicht gerne ist. «Die deutsche Gesellschaft hat verlernt, kontroverse Debatten auszuhalten», sagt Spahn. Die Ankunft einer grossen Zahl von Migranten stelle das Land aber vor Probleme, über die gestritten werden müsste, «ohne gleich die grosse Keule rauszuholen: Rassismus hier, Phobie da». Spahn sagt: «Das muss auch die CDU lernen.»

Eine der wichtigsten Zukunftsfragen im westlichen Europa sei: «Wie ist unser Verhältnis zum Islam, und wie ist das Verhältnis des Islams zu uns?» Spahn sagt, er wolle das Problem lösen. «Notfalls müssen wir halt deutsches Steuergeld nehmen und vorübergehend Moscheen finanzieren.» Imame sollen in Deutschland ausgebildet, Moscheen nicht aus der Türkei oder Saudiarabien finanziert werden. «Deutschland hat sich zu lange mit den Falschen verbunden», sagt er. «Wir haben uns konservativ-reaktionäre Verbände wie Ditib zu Partnern gemacht und gaben ihnen sogar noch Geld anstatt diejenigen zu unterstützen, die für einen offenen und toleranten Islam stehen.»

Spahn fordert ein Islam-Gesetz, das ausser ihm in der CDU fast niemand will. Er sucht wieder die Konfrontation. Es gehe ihm aber nicht darum, aus Prinzip dagegen zu sein, sagt Spahn: «Dissidenz als Geschäftsmodell ist Quatsch.»

Im Widerspruch zur politischen Konsenskultur in Deutschland ist Spahn schon ziemlich gross geworden. An ihr könnte er aber auch zerbrechen. Dass er sich selber brav einreiht, ist eher unwahrscheinlich. Ängstlich blickt dieser Mann nicht in die Zukunft. (Basler Zeitung)

Erstellt: 21.06.2017, 07:09 Uhr

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