Fakten und Fiktionen

Die Herrschaft des politisch Korrekten wurde erst durch das Informationsmonopol der Leitmedien möglich. Dieses Monopol ist brüchig geworden.

«Was die Regierung tut, ist alternativ­los»: Jeder weiss, dass Politiker manchmal die Unwahrheit sagen.

«Was die Regierung tut, ist alternativ­los»: Jeder weiss, dass Politiker manchmal die Unwahrheit sagen. Bild: Keystone

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Alle Einwanderer sind Flüchtlinge! Sie werden für die Renten von morgen aufkommen! Terror und Islam haben nichts miteinander zu tun! Grenzen können nicht geschützt werden! Alles, was die Regierung tut, ist alternativ­los!

Jeder hat diese Sätze schon gehört. Politiker, die so sprechen, wollen rechtfertigen, was sie getan haben, und mitteilen, was sie noch tun werden. Jeder weiss, dass sie manchmal die Unwahrheit sagen, wenn ihnen die Lüge einen Vorteil verschafft. In der politischen Auseinandersetzung geht es nicht darum, ob jemand schlechthin die Wahrheit sagt, sondern darum, ob man für das, woran man glaubt, Unterstützung mobilisieren kann. Wer erklärte, gelogen zu haben, um sich Vorteile zu verschaffen, würde sich selbst zur Waffe des politischen Gegners machen. Niemand hat jemals geglaubt, die Politik sei eine Arena der Aufrichtigkeit.

Im Dienst der Aufklärung

Der Beruf des Journalisten aber steht im Dienst der Aufklärung. Die Bürger erwarten, dass Journalisten im Modus der Wahrhaftigkeit schreiben und nicht verschweigen, was sie wissen. Wer Nachrichten unterschlägt oder weglässt, was für die Beurteilung eines Sachverhaltes unverzichtbar ist, verstiesse gegen den Ehrenkodex des Journalismus: dass nämlich beschrieben werden muss, was der Fall ist, ganz gleich, welchem Politiker eine solche Offenbarung schaden könnte. Inzwischen aber halten sich manche Journalisten für die eigentlichen Politiker, und sie machen von ihrer Macht, die Verhältnisse nach ihren Vorstellungen zuzurichten, auch Gebrauch. Im Duktus von Volksaufklärern teilen sie mit, was zu glauben und was zu verachten sei. Zu diesem Zweck bereiten sie Nachrichten so auf, dass sie sich in ihre Weltanschauung einfügen lassen. Politiker haben Grund genug, sich vor Journalisten zu fürchten, seit man ihnen die Entscheidung darüber überlassen hat, welche Auffassungen noch als vertretbar gelten dürfen. Die Herrschaft des politisch Korrekten ist überhaupt erst durch das Informationsmonopol der Leitmedien eine Möglichkeit geworden.

Dieses Monopol ist brüchig geworden, weil die Bürger in den sozialen Medien einander unvermittelt mitteilen können, wie sie die Welt sehen. Die Gegenöffentlichkeit aber soll nun aus der Welt geschafft werden. Man müsse Falschmeldungen in den sozialen Medien bekämpfen, so lautet die Forderung jener, die ihre Definitionsmacht schwinden sehen.

Richtig, falsch

Aber warum soll in der Gegenöffentlichkeit verboten sein, was andernorts erlaubt ist? Und wer soll entscheiden, was als falsche Nachricht zu gelten hat? Jedes einzelne Ereignis in einer Geschichte kann falsch sein, sagt der Philosoph Bernard Williams, und dennoch kann die Geschichte wahr sein, weil man sie für vernünftig hält. Umgekehrt kann jedes Ereignis richtig, die Geschichte aber falsch sein. Die Herstellung von Zusammenhängen ist ein kreativer Akt, der zwar auf Fakten beruht, aber auf Vorannahmen zurückgreifen muss, die das Geschehen plausibel erscheinen lassen.

Es wäre die eigentliche Aufgabe von Journalisten, mitzuteilen, warum Geschichten von manchen für überzeugend gehalten und von manchen abgelehnt werden. Denn jeder Bürger kann selbst entscheiden, welchem Begründungszusammenhang er zustimmen mag.

Verschwörungstheorien

In Wahrheit ist die Zensur völlig ungeeignet, die Gegenöffentlichkeit aus der Welt zu schaffen. Wer einmal in einer Diktatur gelebt hat, weiss, dass den Herrschenden niemand glaubt. Die ­Zensur bereitet den Verschwörungstheorien überhaupt erst den Weg. Sie bedroht nicht nur die Freiheit. Sie ist auch das Ende jenes Nachrichtenmonopols, das sie bewahren will.

Der deutsche Historiker Jörg Baberowski ist regelmässiger Kolumnist der Basler Zeitung. (Basler Zeitung)

Erstellt: 20.01.2017, 09:42 Uhr

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