Stösst Marion ihre Tante Marine vom Thron?

Nach der Wahlniederlage will sich der Front National neu orientieren. Marine Le Pens Nichte Marion Maréchal-Le Pen gilt dabei vielen als Geheimwaffe.

Selbe Partei, andere Linie: Marine Le Pen (links) und ihre Nichte Marion Maréchal-Le Pen.

Selbe Partei, andere Linie: Marine Le Pen (links) und ihre Nichte Marion Maréchal-Le Pen. Bild: Keystone

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Als Marine Le Pen nach der verlorenen Präsidentschaftswahl vor die Medien trat, gab sie sich als Siegerin. Der Front National sei die einzig wahre Oppositionskraft. Mit Blick auf die kommenden Parlamentswahlen im Juni verspricht sie eine tiefgreifende Reform ihrer Partei – inklusiv eines Namenswechsels. «Wir bilden eine neue politische Kraft», sagt Le Pen.

Damit erhofft sich die Parteileitung eine Image-Korrektur. Noch immer haftet der Partei der Schmuddel vergangener Tage an. Damals, als Jean-Marie Le Pen, Vater der heutigen Parteichefin, die Politik durch rassistische und antisemitische Rhetorik prägte. Das schrecke potenzielle Wähler ab, so die Annahme der Parteileitung: «Eine Namensänderung öffnet uns Türen zu anderen Persönlichkeiten», sagt Steeve Briois, Interimspräsident des Front National. Damit strebt die Partei die vollständige Transformation von der Nischen- zur Volkspartei an.

Die Nichte als radikale Alternative

Doch innerhalb des Front National herrscht Widerstand. Er stammt vornehmlich aus der alten Garde. Diese sieht die ursprünglichen Ideale der Partei verraten. Jean-Marie Le Pen bezichtigte seine Tochter gerne des «Vatermords», seit er 2015 aufgrund antisemitischer Äusserungen aus der Partei geworfen wurde. Der Parteichefin dürfte dies egal sein. Trotz der Wahlniederlage erreicht der Front National historische Höchstwerte. Die 48-Jährige sieht sich als Vertreterin der parteipolitischen Zukunft und untermauert ihren Führungsanspruch: «Ich werde an der Spitze dieses Kampfes sein.»

Machtpolitischer Widerstand droht ihr ausgerechnet aus der eigenen Familie. Nichte Marion Maréchal-Le Pen ist für viele in der Partei ein grosses Versprechen. Bei jenen, die einen strammen Rechtskurs verfolgen. Die 27-jährige ist entgegen ihrem jugendlichen Aussehen überaus wertkonservativ. Sie spricht sich offen gegen Schwule, Migranten und Muslime aus und nimmt kein Blatt vor den Mund. Arme Menschen in den Vorstädten bezeichnete sie auch schon mal als «Gesindel». Damit unterscheidet sie sich von ihrer Tante, die zumindest in der Öffentlichkeit einen moderateren Ton anschlägt. Parteigründer Jean-Marie Le Pen hält die Enkelin für geeigneter als seine Tochter, wenn es darum geht, das Präsidentenamt zu erobern.

Steile Karriere

Trotz ausgrenzender Rhetorik erreicht Marion Maréchal-Le Pen breite Bevölkerungsschichten. Ihr Aufstieg verlief rasant. 2012 wurde sie im Alter von 22 Jahren als jüngste Abgeordnete in die Nationalversammlung der Fünften Französischen Republik gewählt. Bei den Regionalwahlen drei Jahre später erreichte sie im ersten Wahlgang bereits ähnlich viele Stimmen wie Marine Le Pen. Es war ein untrügliches Zeichen: Die Neue ist der Parteichefin auf den Fersen. MMLP, wie sie sich selbst nennt, gilt vielen in der Partei als Geheimwaffe für die Zukunft.

Der Umstand, dass Marine Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen weniger Stimmen erhielt als prognostiziert, könnte ihrer Nichte nun zugutekommen. Politologe Markus Wagner von der Universität Wien vermutet etwa, dass es in der Partei nun zu inhaltlichen Debatten kommen wird: «Die Ergebnisse zeigen, dass ihr moderater Kurs nicht zum erhofften Erfolg führte», sagt er zum «Kurier». Ihr traditioneller, rechter Ansatz, der sich auf konservative soziale Werte konzentriert, könnte der jüngeren Le Pen bei einer allfälligen Neuausrichtung zugutekommen.

Der Blick ins Jahr 2022

Prompt äusserte Marion Maréchal-Le Pen nach dem verlorenen Wahlkampf leise Kritik an der politischen Ausrichtung ihrer Tante: «Es ist jetzt wichtig, dass wir die richtigen Lehren ziehen», sagte sie dem TV-Sender France 2. Man habe es verpasst, aus brennenden politischen Themen wie Migration oder öffentliche Sicherheit politisches Kapital zu schlagen. Offiziell attestiert sie Marine Le Pen eine gute Kampagne. Doch politisch zielt sie in eine andere Richtung: weniger Mainstream, mehr aggressive Rechtsrhetorik. So wie einst ihr Grossvater.

Für die Marionisten, wie ihre Anhänger in Frankreich genannt werden, ist klar: Marion Maréchal-Le Pen ist die einzig valable Kandidatin für die nächste Präsidentschaftswahl im Jahr 2022. Die Jungpolitikerin winkt ab: «Ich habe absolut keine Lust.» Mit ihrer Tante Marine stehe bereits eine «junge Kandidatin» zur Verfügung. Doch diese Aussage ist relativ. In fünf Jahren ist die aktuelle Parteichefin 53 Jahre alt. Emmanuel Macron ist heute, zum Zeitpunkt seiner Wahl, 39 Jahre jung. Jugendlichkeit ist in der aktuellen französischen Politik ein schlagkräftiges Verkaufsargument. Vielleicht wird sich Marion Maréchal-Le Pen in fünf Jahren darauf zurückbesinnen. Es wäre nicht der erste familieninterne Machtkampf, der den Front National entzweit.

(mrs)

Erstellt: 09.05.2017, 15:05 Uhr

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