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4 Millionen Aidskranke ohne Medikamente

Afrika leidet unter einem immer gefährlicheren Mangel an Aidsmedikamenten. Eine Folge der Wirtschaftskrise. Kritik geht auch an die G-8.

Es kommt zu immer mehr Engpässen bei Aidsmedikamenten in Afrika.

Es kommt zu immer mehr Engpässen bei Aidsmedikamenten in Afrika. (Bild: Keystone)

Hunderttausende aidskranker Afrikaner drohen zu sterben, weil die Ausgabe lebensrettender Medikamente auch angesichts der derzeitigen Weltwirtschaftskrise nicht wie geplant vonstatten geht. Während einer gestern zu Ende gegangenen internationalen Aidskonferenz in Kapstadt wiesen führende Experten auf zunehmende Mängel bei der Pillenversorgung hin: «Wir befinden uns in einer richtigen Krise», sagte Stephen Lewis, ehemaliger Uno-Sonderbeauftragter für Aids in Afrika.

Selbst in relativ wohlhabenden Staaten wie in Südafrika komme es immer wieder zu lebensgefährlichen Engpässen bei der Ausgabe der Medikamente, klagte die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. In der Provinzstadt Pietermaritzburg waren davon kürzlich 11 000 Aidskranke betroffen. In ganz Südafrika würden gegenwärtig keine neuen Patienten mehr in die staatlichen Programme für Aidscocktails aufgenommen. Derzeit werden 750'000 von 5,5 Millionen HIV-Infizierten versorgt.

Ausser in Südafrika komme es auch in Uganda, Malawi, Guinea, Zimbabwe und dem Kongo immer wieder zu Engpässen in der Versorgung, teilte die Ärzteorganisation weiter mit, ohne dass die dortigen Regierungen mit der nötigen Entschiedenheit auf solche Krisen reagierten. Grund sollen ausser logistischen Mängeln auch Sparmassnahmen sein: Die Weltbank warnte kürzlich in einer Studie davor, dass im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise mit einem weiteren starken Rückgang der Ausgaben in diesem Bereich gerechnet werden müsse.

Unterbruch kann tödlich sein

Experten verweisen darauf, dass selbst eine nur kurzfristige Unterbrechung der Einnahme von Aidscocktails tödliche Folgen haben kann, weil bei einer Wiederaufnahme der Behandlung aus Gründen der Resistenzbildung andere Medikamente benutzt werden müssen. Diese sind jedoch wesentlich teurer und in Afrika meist unerschwinglich. Schon heute fällt es einer wachsenden Zahl an Patienten, die die kostengünstigeren Aidscocktails nicht vertragen oder Resistenzen entwickeln, schwer, die teureren Ausweichtabletten zu bekommen: «Dies ist eine riesige Herausforderung für den Kontinent», sagte Uno-Aids-Chef Michel Sidibe. Von sechs Millionen aidskranken Afrikanern, die eigentlich antiretrovirale Medikamente erhalten sollten, kommen derzeit lediglich 2,2 Millionen in den Genuss der lebensrettenden Pillen.

Kritik wurde während der dreitägigen Aids-Konferenz auch an den Regierungen der G-8-Staaten geübt. Diese hätten bei ihrem Treffen im schottischen Gleneagles vor vier Jahren noch den «universalen Zugang» zu den Medikamenten bis 2010 versprochen: Beim jüngsten Gipfel im italienischen L'Aquila sei das Thema nicht einmal mehr auf der Tagesordnung erschienen. «Dies ist vollkommen inakzeptabel», sagte der Präsident der Internationalen Aids-Gesellschaft, der kanadische Wissenschaftler Julio Montaner. Einer Uno-Aids-Studie zufolge flossen im vergangenen Jahr mit 7,7 Milliarden Dollar zwar so viel Mittel wie noch nie zum Kampf gegen Aids in die Entwicklungsländer. Das sei allerdings nur die Hälfte der tatsächlich benötigten Summen.

Massnahmen direkt nach Diagnose

Für Aufsehen sorgte auf der Konferenz auch eine Studie, die eine viel frühere Verabreichung von Aidscocktails an HIV-Infizierte nahelegt. Forschungen sollen ergeben haben, dass die Überlebenschancen von Aidspatienten um ein Vielfaches höher liegen, wenn sie gleich nach der Diagnose mit antiretroviralen Medikamenten versorgt werden. Bislang waren Experten davon ausgegangen, dass die Pillen am besten helfen, wenn sie erst bei einem CD-4-Wert von unter 200 verabreicht werden (der CD-4-Wert gibt die Zahl der noch verbliebenen Antikörperchen wieder). Die frühzeitige Versorgung mit Aidscocktails soll ausserdem die Wahrscheinlichkeit von Neuansteckungen stark vermindern: Da die Zahl der HI-Viren bei mit antiretroviralen Medikamenten behandelten Infizierten gegen null gehe, steckten die Behandelten viel seltener andere Personen an, heisst es in der im renommierten «Lancet»-Magazin veröffentlichten Untersuchung.

Allein in Südafrika liessen sich bei einer frühzeitigen Verabreichung von Aidscocktails in den nächsten fünf Jahren 76'000 Todesfälle vermeiden, wurde auf der Konferenz behauptet. Allerdings würden in diesem Fall die Kosten für die Medikamentenversorgung weiter in die Höhe schnellen: Angesichts der weitverbreiteten Sparmassnahmen sei es unwahrscheinlich, dass «getan wird, was eigentlich getan werden müsste», klagte Aidsexperte Julio Montaner.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.07.2009, 23:26 Uhr

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