Ausland
Bart weg, Burka weg
Von Oliver Meiler, Marseille. Aktualisiert am 28.05.2010 21 Kommentare
Das Porträt wird zum Politikum. In der algerischen Presse und auf den panarabischen Fernsehsendern wird heftig debattiert darüber, ob der Staat bei der Einführung des biometrischen Passes, die ja spätestens 2015 vollendet sein soll, die Bürger zu einer körperlichen «Entblössung» zwingen kann – einer kleinen, aber offenbar entscheidenden. Algeriens Innenminister Yazid Zerhouni beschied den Frauen, dass sie den Hijab, das Kopftuch, beim Fototermin bis zum Haaransatz anheben und die Ohren freimachen müssten. Die Form der Ohren sei ein wichtiges Erkennungsmerkmal, genauso wie die genaue Distanz zwischen den Augen. Den Männern mit langen Bärten trug er auf, diese für das Passfoto zu stutzen: Das Barthaar muss laut internationalen Vorgaben ganz zu sehen sein, darf also nicht am Bildrand verschwinden.
Viel Aufregung
Seither herrscht viel Aufregung, weit über die Grenzen hinaus. In Algerien trägt mehr als die Hälfte der Frauen den Hijab, und viele Männer bezeugen ihre Religiosität mit langen Bärten. Die konservativen arabischsprachigen Zeitungen, sekundiert von muslimischen Vereinigungen, laufen Sturm gegen eine angebliche «Säkularisierung der Republik». Die Regierung beuge sich dem Druck des Westens. Der Minister kontert, man passe nur die eigenen Standards jenen im Rest der Welt an. Das Ziel sei es vielmehr, die Sicherheit des Volkes zu erhöhen und den Terrorismus weiter und effizienter zu bekämpfen. Er traf sich schon mit Geistlichen, damit ihm diese helfen bei seiner Kampagne. Mit wenig Erfolg.
Wahrscheinlich kommt Zerhouni die Polemik über das regelkonforme Passfoto dennoch gelegen: Sie verdeckt einen anderen, heikleren Aspekt dieser administrativen Grossoperation.
Detaillierte Registrierung
«Was ist denn nun das wahre Problem?», fragt die Zeitung «Le Soir d'Algérie». Die Regierung fordert die Bürger nämlich auf, mit dem Antrag für den neuen Pass ein 12-seitiges Formular auszufüllen, in dem sie erstaunlich detailliert Bescheid wissen will über jeden Einzelnen. So müssen die Algerier ihre gesamte Schullaufbahn nachzeichnen und dazu die Namen, Telefonnummern und E-Mail-Adressen von drei Kameraden angeben. Das gilt auch für die militärische Ausbildung. Bei der Präsentation des Dossiers muss jeder Antragsteller zudem einen Zeugen mitbringen, der die gemachten Angaben persönlich bestätigt. Das dürfte besonders jene Algerier vor Probleme stellen, und es sind viele, die im Ausland leben und dort ihre Schulen absolviert haben. Menschenrechtsorganisationen monieren, der Staat wolle mit dem Vorwand der Terrorbekämpfung seine Bürger fichieren. Er verletze damit das Recht auf Privatsphäre. «Und wer garantiert uns», fragt «Le Soir d'Algérie», «dass diese Angaben nicht bald die ausländischen Nachrichtendienste nähren und für politische Zwecke genutzt werden?» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.05.2010, 23:54 Uhr
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21 Kommentare
Die Art und Weise wie berichtet wird, missachtet die Tatsache dass vor 20 Jahren keine Frau mit Burka herumlief in Alger, Tizi Ouzou usw. Lange Bärte waren auch nicht Mode. Ich weiss das weil ich dort war. Die Art und Weise in welcher gegen die biometrische Erfassung protestiert wird ist ein weiteres Indiz für die schleichende Radikalisierung des Islams leider nicht nur in diesem Land. Antworten
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