Ausland
Cabindas Unglück ist das Erdöl
Von Johannes Dieterich, Cabinda. Aktualisiert am 30.01.2010
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Wenn Cristovao Luemba ein SMS erhält, scheint in seiner Tasche ein Kleinkrieg auszubrechen – Gewehrschüsse gellen, Querschläger heulen, Schreie. Dabei handelt es sich nicht etwa um einen makaberen Signalton, den sich der Angolaner irgendwo vom Internet heruntergeladen hätte, sondern um die Tonaufzeichnung einer realen Szene, die der Reporter vor drei Wochen am eigenen Leib miterlebt hat: Der Rebellenangriff auf den Bus der togoischen Fussballnationalmannschaft, der zwei Menschenleben forderte, die Welt aufschreckte und einen Schatten auf den in Angola ausgetragenen Afrika-Cup warf.
Luemba sass während des Überfalls im Auto direkt hinter dem Team-Bus der Togoer: «Es waren die schlimmsten zwanzig Minuten meines Leben.» Dass der Journalist die Erinnerung daran im Handy mit sich führt, hat nichts mit Angeberei oder merkwürdiger seelischer Verarbeitung zu tun: «Ich will jedem vor Ohren halten», sagt der Reporter, «was hier wirklich vor sich geht.»
Im Kriegszustand
Tatsächlich weist in dem Städtchen Cabinda – an der Küste der gleichnamigen angolanischen Exklave zwischen der Republik Kongo im Norden und der Demokratischen Republik Kongo im Süden gelegen – kaum etwas darauf hin, dass sich zumindest Teile der Bevölkerung im Kriegszustand wähnen. Auf den Restaurant-Terrassen sitzen Müssiggänger in der schwülen Hitze, durch die Strassen kreuzen neben rollenden Wracks auch verblüffend grosse Karossen, am unbefestigten Hafen puhlen Fischer ihren Fang aus den Netzen.
Nur die an jeder zweiten Strassenecke postierten Polizisten weisen darauf hin, dass mit dem vor 35 Jahren von den Angolanern annektierten Landstrich nicht alles so gut bestellt ist wie die angolanische Regierung glauben machen möchte: Die massive Präsenz der Sicherheitskräfte sei nur dem Fussballturnier zu verdanken, heisst es in Luanda, der Hauptstadt Angolas.
Verhaftungswelle nach Überfall
Madelena Bras weiss eine andere Geschichte zu erzählen. Seit ihr Ehemann, Universitätsprofessor Belchior Tati, vor zwei Wochen verhaftet wurde, ist die 43-Jährige auf keiner Restaurant-Terrasse mehr zu sehen: Tag für Tag eilt sie nach Dienstschluss ins Gefängnis, um ihrem Gatten Essen zu bringen, zu Gesicht bekommt sie ihn dabei nicht.
Warum Tati verhaftet wurde, weiss die Personalchefin des Spitals von Cabinda nicht. Als das Polizei-Aufgebot in ihrem Haus auftauchte, sei nicht viel gesprochen worden. Sicher ist, dass die Festnahme im Zusammenhang mit dem der «Front für die Befreiung der Exklave Cabinda» (Flec) zugerechneten Bus-überfall steht: Denn die Flec-Rebellen kämpfen seit 35 Jahren für die Unabhängigkeit Cabindas – und für die macht sich auch Professor Tati stark.
Verhaftungswelle der Regierung
«Bestimmt werden sie auch mich holen», murmelt Rechtsanwalt Martinho Nombo in seiner Kanzlei im Stadtzentrum Cabindas. Sein Kollege Francisco Luemba wurde bereits verhaftet – gemeinsam mit Madalenes Ehemann und dem katholischen Priester Raul Tati. «Die Regierung nutzt den Überfall zu einer Verhaftungswelle», sagt Nombo: Er selbst gehöre wie die drei Verhafteten zu den Gründungsmitgliedern der vor drei Jahren verbotenen Menschenrechtsorganisation Mpalabanda, was so viel heisst wie «man kann es schneiden, aber es wächst trotzdem wieder». Mpalabanda habe sich für die Opfer des staatlichen Terrors gegen die Cabinder eingesetzt, fährt der Anwalt fort. Noch immer würden Regimegegner verschwinden, werde in Polizeigewahrsam gefoltert und Cabinda wie ein besetztes Territorium behandelt.
Cabindas Unglück sei das schwarze Gold, das vor Jahrzehnten vor seiner Küste gefunden wurde, sagt Nombo: «Alle reden nur vom Erdöl, wenn sie von Cabinda sprechen. Dabei wären wir lieber arm und glücklich als reich und voller Angst.» In der Exklave, mit 7300 Quadratmeter etwas grösser als Graubünden, wird mehr als die Hälfte der angolanischen Öl-Einnahmen erzielt – allein im vergangenen Jahr waren das rund fünf Milliarden Dollar.
Stadion statt Hafen gebaut
Trotz dieses Reichtums seien in Cabinda kaum Jobs zu finden, schimpft der Anwalt. Zudem seien die Strassen schlecht, gebe es fast keine Schulen, und ständig falle der Strom aus. Weil sie befürchte, den Unabhängigkeitsdrang der Cabinder zu stärken, weigere sich die Zentralregierung, einen nötigen Hafen zu bauen. Stattdessen sei jetzt ein unnützes Stadion für den Afrika-Cup errichtet worden. «Dabei waren wir froh, dass Angola im Viertelfinal aus dem Turnier ausschied», lacht Nombo.
Einig scheinen sich die Cabinder allerdings nicht zu sein, räumt ein katholischer Priester ein, der seinen Namen nicht gedruckt sehen will: «Unsere Gemeinde befindet sich in einem schrecklichen Zustand: Wir sind tief gespalten.» Auf der einen Seite stehe der aus Luanda stammende Bischof, dem aber nur ein paar verwirrte Schäfchen folgten. Auf der anderen Seite die grosse Schar der Gläubigen. Gewiss gebe es viele Cabinder, die nach aussen hin so täten, als ob sie gerne Angolaner wären: «Aber bei einer Volksabstimmung würden 100 Prozent der Bevölkerung für die Unabhängigkeit stimmen.» Verschwörerisch holt der Priester Fotokopien historischer Dokumente hervor, die belegen, dass Cabinda vor der angolanischen Unabhängigkeit als eigenständiger Teil des portugiesischen Kolonialreichs behandelt wurde. «Lassen Sie sich damit aber bloss nicht erwischen», sagt er: «Schon dafür könnten Sie hier ins Gefängnis kommen.»
Das lange Warten
In der ausserhalb der Stadt gelegenen Siedlung «Nova Era» (Neue Ära) stossen wir auf Tiago Makoso, der als Rebell mehr als 30 Jahre lang im Busch gegen die Angolaner gekämpft hat. Doch als Flec-Generalsekretär Bento Bembe vor vier Jahren gegen den Willen des Flec-Präsidenten N`Zita Henriques Tiago mit Luanda eine Vereinbarung zum Ende des bewaffneten Kampfes unterzeichnete, schloss sich Oberst Makoso dem Renegaten an: Seither wartet er mit ein paar Dutzend Mitkämpfern in der aus 23 provisorischen Appartementblocks bestehenden Siedlung, dass ihm die Zentralregierung wie versprochen ein Häuschen baut. Seinen Entschluss, die Waffen niederzulegen, um nach 30 Jahren endlich wieder nach Hause zurückkehren zu können, hat Makoso nicht bereut: Doch mit der Einlösung der Regierungsversprechen könnte es schon etwas schneller gehen, klagt der Kommandant im Ruhestand.
«Wir konnten ja nicht ewig weiter- kämpfen», meint André Kuango, der seinem Freund Bembe aus dem Busch in die VIP-Lounges folgte: Während der ehemalige Flec-Generalsekretär inzwischen als Minister in Luanda amtiert, leitet Kuango das von der Regierung etablierte «Forum für Dialog in Cabinda». «Hinwendung zur Realpolitik» nennt Kuango den Gesinnungswandel: «Wir mussten einsehen, dass wir den Kampf gegen Luanda ohne Unterstützung aus dem Ausland nie gewinnen würden und lieber etwas für die Entwicklung der Bevölkerung Cabindas unternehmen sollten.»
Grosse Erfolge kann der Forumskoordinator dabei allerdings nicht vorweisen: «Es ist wahr, dass entscheidende Passagen des zwischen uns und der Regierung im Juli 2006 unterzeichneten Memorandums bislang nicht umgesetzt worden sind.» Über Details, wie die umstrittene Verteilung der in Cabinda erzeugten Öl-Einnahmen, will Kuango nicht reden: «Das sind Fragen, die man nicht in aller Öffentlichkeit ausbreiten sollte.» Auch von einem Volksentscheid hält der Regierungsbeamte nichts: Ein solcher würde nur wieder gefährliche Wirren verursachen. Dennoch zeigt sich Kuango davon überzeugt, dass der Buschkrieg «ein für allemal vorüber» sei: Attacken wie die auf den Togo-Bus hätten Seltenheitswert und würden von weniger als 200 versprengt operierenden Kämpfern ausgeübt.
Rebellen wollen weiterkämpfen
Für Joaquim Zenga handelt es sich bei solchen Äusserungen um das «Geschwätz eines Verräters». Während über ihm Militärhelikopter kreisen, erzählt der Spross einer Flec-Familie in Cabinda, dass noch immer «Tausende von Flec-Kämpfern» der Besatzungsarmee empfindliche Schläge beibrächten: «Unzählige angolanische Soldaten sterben, ohne dass ihre Familien jemals erfahren, was ihnen zugestossen ist.» Cabinda sei in einen «zweiten Unabhängigkeitskrieg» verwickelt, sagt Zenga: Nach den Portugiesen gelte es jetzt, die Angolaner aus dem Land zu jagen. Angriffe wie der auf den Togo-Bus seien zwar bedauerlich, weil dabei auch Unschuldige sterben müssten, meint der 34-jährige Chevron-Angestellte: «Doch in einem Krieg ist so etwas nicht immer auszuschliessen.» Flec habe die angolanische Regierung davor gewarnt, Cabinda als Austragungsort des Afrika-Cups zu wählen, fügt der Vater von drei Burschen, die später Buschkämpfer werden sollen, hinzu: «Aber wieder einmal wollten sie nicht auf uns hören.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.01.2010, 04:00 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
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