Das Ende eines indischen Traums

Von Tim Sullivan, AP. Aktualisiert am 19.03.2010

Jahrzehnte lang galt es als das grösste Statussymbol der indischen Arbeiterfamilien: Das Bajaj, ein einfacher Motorroller. Jetzt schliesst die Firme ihre Tore – die Inder sind schlicht zu reich geworden.

1/4 Eine Ära geht zu Ende. Das Bajbaj, hier in Neu-Delhi, wird bald nicht mehr produziert.

   

Es war eine denkwürdige Anschaffung. Erst die langen Jahre auf der Warteliste. Dann der Stolz der ersten Fahrt, wenn man sich durch den Verkehr schlängelte, erfüllt von dem Hochgefühl, es endlich, endlich zu etwas gebracht zu haben. Nüchtern betrachtet war es bloss ein Motorroller; ein spotzender Zweitakter der indischen Marke Bajaj mit drei Gängen, gern in ekligem Spinatgrün. Doch in Zeiten leerer Regale und lahmender Wirtschaft war es das Zeichen des Erfolgs.

«Das war eine ganz grosse Sache», erklärt Yash Tekwani. Der wohlhabende Geschäftsmann aus Neu-Delhi erinnert sich gut an den Tag Anfang der 70er Jahre, als sein Vater, der einen Tabakladen führte, auf einem blauen Bajaj nach Hause kam. In dem Arbeiterviertel, wo die meisten nur Fahrräder besassen, liefen die Nachbarn zusammen und staunten. «Das war ein freudiges Ereignis!»

«Die Leute haben jetzt mehr Geld»

Jetzt ist Schluss mit lustig. Diesen Monat rollt der letzte Roller aus Bajajs letztem Rollerwerk. Eine Ära geht zu Ende auf Indiens Weg aus Planwirtschaft zum Kaufrausch. Die einstigen Symbole des Aufstiegs in den Mittelstand bleiben den Gebrauchtfahrzeughändlern und Hinterhofschraubern überlassen - bescheidene Zuverlässigkeit ist im Indien von heute einfach nicht mehr genug.

«Die Leute haben jetzt mehr Geld zum Ausgeben», stellt der Zweiradhändler Pradeep Tyagi fest. In seiner Nachbarschaft im Stadtviertel Karol Bagh drängen sich in den engen Strassen Dutzende Gebrauchtwagen- und Motorradhändler und ein paar Rollergeschäfte. «Keiner will das Geld für einen Roller ausgeben.»

Die Ansprüche haben sich gewandelt. Es gibt zwar noch immer bittere Armut in Indien, mehr als ein Drittel der Bevölkerung hat weniger als umgerechnet 0,75 Euro täglich zum Leben. Doch zugleich ist es eine konsumfreudige Nation geworden, deren Kaufverhalten von einer wachsenden Wirtschaft, leicht verfügbaren Krediten und unablässiger Werbung beflügelt wird. In Karol Bagh bedeutet das: Wer sich früher einen Roller gewünscht hätte, will heute ein Motorrad. Und alles träumt von einem Auto.

Motorrad für echte Männer

Maug Lal ist keine Ausnahme. Der 32-jährige Müllmann steht vor einem Laden in Karol Bagh und betrachtet sehnsüchtig ein Motorrad. Eine Honda, rot mit Renndekor, kaum gebraucht. Eigentlich wollte Lal sich Roller ansehen, dann blieb er bei den Motorrädern hängen. Leisten könnte er sich keines: Eine billige gebrauchte Maschine kostet umgerechnet rund 250 Euro - ein anständiger gebrauchter Roller wäre für weniger als die Hälfte zu haben. Aber, murmelt Lal, irgendwann wird er sich seinen Traum schon zusammensparen können. Dauert ja nur vier Jahre. «Das Motorrad ist ein Fahrzeug für echte Männer», erklärt sein Freund Mohammed Tajuddin Khan. «Wenn du darauf sitzt, siehst du stark aus.»

Vor 30 Jahren, als ausländische Firmen vom indischen Markt noch weitgehend ausgeschlossen waren und kaum jemand sich mehr leisten konnte als ein Fahrrad, trat die Familie Bajaj mit ihrem auf Baumwolle und Stahl gegründeten Firmenimperium auf den Plan und stieg ins Rollergeschäft ein. Sie machte die Massen mobil mit ihrem bezahlbaren Maschinchen, das mit ein bisschen gutem Willen eine ganze Familie befördern konnte. Dieser Anblick - Papa am Lenker, ein Kind zwischen seinen Knien stehend, auf dem Sozius Mama mit dem Baby im Arm - wurde zum Sinnbild für Indiens Aufbruch in die Moderne.

Trauer um «Ikone»

Auf dem Höhepunkt wurden vom bestverkauften Bajaj-Modell Chetak monatlich 100'000 Stück abgesetzt. Bis zu einem Jahrzehnt konnte das Warten dauern. Ungeduldige Kunden berappten saftige Aufschläge auf den Listenpreis, um an das Objekt der Begierde zu kommen. Eine Zeitlang war Bajaj der weltgrösste Rollerhersteller. Eine patriotische Werbekampagne der 80er Jahre wurde selbst zum Renner. «Der Bajaj ist unser», lautete der Slogan, unter Missachtung der Tatsache, dass das Design weitgehend von der italienischen Vespa abgekupfert war.

So löste Bajajs Ankündigung zum Jahresende, dass man die Rollerproduktion einstellen und sich auf Motorräder konzentrieren wolle, nationale Trauerkundgebungen aus. Alte Werbespots wurden Hits im Fernsehen und Internet, Leitartikel beklagten den Wandel der Zeiten und das Verschwinden einer «Ikone». Doch Bajaj entschied unsentimental. Der Rollerabsatz war seit Jahren eingebrochen, das Motorradgeschäft gewachsen. Schon vor vier Jahren wurde die Rollerproduktion heruntergefahren. «Wir sind auch wehmütig, weil die Bajaj-Roller der indischen Mittelklasse so teuer waren», sagte ein Unternehmenssprecher. «Aber das Geschäft muss weitergehen.»

«Ich werde immer welche verkaufen»

Die wachsende Mittelklasse kauft jetzt lieber Motorräder - und Autos. Der Pkw-Absatz lag im Februar 33 Prozent höher als ein Jahr zuvor und erreichte mit fast 154'000 eine neue Rekordhöhe. Voriges Jahr kam der Tata Nano auf den Markt, der mit umgerechnet rund 1800 Euro das billigste Auto der Welt sein will. Noch läuft die Produktion nicht auf vollen Touren und man seht den Nano eher selten, doch Fachleute erwarten, dass er bald überall auf den Strassen ist.

Dass darüber die geliebten Roller nicht in Vergessenheit geraten, dafür wollen Leute wie Neeraj Marwah sorgen, Gebrauchtrollerhändler in zweiter Generation. Die jungen Leute heutzutage zögen Motorräder vor, räumt er ein. aber es gebe immer noch Millionen Inder, die von ihrem ersten Bajaj-Roller träumten. Billig sind die kleinen Flitzer, zuverlässig und leicht zu reparieren. Noch jahrzehntelang werde er sie herrichten und verkaufen, versichert Marwah. «Jeden Tag verkaufe ich mindestens eins von diesen Dingern», sagt er schulterzuckend. «Bajaj kann dicht machen, aber ich werde sie immer noch verkaufen. Die Leute werden sie immer haben wollen, und ich werde immer welche zu verkaufen haben.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.03.2010, 16:10 Uhr

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