Das Gesicht des aufgeklärten Islam

Der Ägypter Gamal al-Banna setzt dogmatischen Schriftgelehrten eine zeitgemässe Interpretation des Korans entgegen und hofft auf eine Reformation des Islams.

Provokateur: Der Ägypter Gamal al-Banna, Bruder des Gründers der Muslimbruderschaft, lehnt die «mittelalterliche» Interpretation der Islamisten ab und verficht einen Islam, der auf der Freiheit des Individuums beruht (Foto von 2006).

Provokateur: Der Ägypter Gamal al-Banna, Bruder des Gründers der Muslimbruderschaft, lehnt die «mittelalterliche» Interpretation der Islamisten ab und verficht einen Islam, der auf der Freiheit des Individuums beruht (Foto von 2006). Bild: AFP

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Was für ein Mensch! Er sprüht vor Witz und Leidenschaft und Lebenslust, bewegt sich trotz seinen 91 Jahren behende in seinem Sessel hin und her, auf und ab, unterstreicht gestikulierend mit beiden Händen jeden seiner Sätze. Natürlich weiss er Bescheid um die Wirkung seiner Worte. Die fliessen aus seinem Mund eher leise und dröhnen dennoch umso lauter wie Donnerhall. Explodierenden Sprengsätzen gleich – und drüben in der Al-Azhar-Universität knirschen sie dann mit den Zähnen, möchten schier rasen vor Wut ob der unerhörten Ketzerei dieses Häretikers. Nur dies so laut zu sagen, dass aus ihren Worten heraus auch die der Scharia, des islamischen Rechts, entsprechenden Strafen folgen würden, das trauen die altehrwürdigen Herren sich dann doch nicht.

Nicht bei einem Mann, der ausgerechnet diesen Namen trägt: Gamal al-Banna. Sein Bruder, Hassan al-Banna, war der Gründer der Muslimbruderschaft, und deren mittelalterlicher Gedankenwelt setzt der Bruder seit Jahr und Tag seine radikale, laizistische Interpretation des Islam entgegen. Eine, die den Islam endlich ins 21. Jahrhundert führen soll, und dabei gilt für Gamal al-Banna nur eines: der Koran. Allerdings könne und müsse das Buch heute im Kontext seiner Entstehungsgeschichte gelesen und interpretiert werden. Mit den Mitteln der Vernunft, und nur mit denen. Nur so könne der Islam zu seiner Menschlichkeit zurückfinden.

Düstere Prognose für Ägypten

Dass die Muslimbruderschaft in Ägypten schon im ersten Wahlgang mit annähernd 40 Prozent einen fulminanten Sieg eingefahren hat, wird Gamal al-Banna nicht verwundern. Schon im Sommer hat er ihn in dieser Höhe prognostiziert. Auch dass die radikaleren Salafisten mühelos deutlich mehr als 20 Prozent der Stimmen erreichen werden. «Die Mehrheit der Muslime sind heute Salafisten», bedauert er knapp. Landauf, landab drohten geifernde Prediger und Imame all denen Höllenstrafen an, die sich der mittelalterlichen Interpretation des Islam jener Imame verweigerten. Düstere Aussichten für Ägypten, denn: «Wenn die Muslimbruderschaft einmal an der Macht ist, wird sie die so schnell nicht wieder aus der Hand geben. Sie werden alle Gegner und Andersdenkenden gnadenlos und inquisitorisch verfolgen.»

Gamal al-Banna setzt seine Worte und Vergleiche sehr bewusst. Den heutigen Islam verortet er dort, wo sich das Christentum vor 500 Jahren befunden hat. In den schlimmsten Zeiten blutigster Inquisition. All die sich so gelehrt gebenden Lordsiegelbewahrer des seit «mehr als tausend Jahren im Dogmatismus erstarrten» Islam muss das, was dieser alte Herr mit seinen 91 Jahren so unermüdlich von sich gibt, innerlich zum Kochen bringen. Die Hüter der islamischen Gesetzlichkeiten würden ihn gerne viel mehr als nur verdammen, können das jedoch nun einmal nicht. Das wissen sie, und das macht die Sache umso schlimmer. Für sie.

Krankheit ist heilbar

Ergreift Gamal al-Banna öffentlich das Wort, kommt dies in der ägyptischen Öffentlichkeit immer einem Beben gleich. Wenn er wieder einmal «die Krankheit des Islam» diagnostiziert und das «Barbarische, das Archaische des Scharia-Islam» geisselt, dann rüttelt er an den Grundfesten all dessen, was sie dort hinten in den uralten Gemäuern der Al-Azhar-Universität, der Stätte höchster sunnitischer Gelehrsamkeit, seit Jahr und Tag lehren und als unumstössliches Dogma verkünden. Mittelalterlich anmutende Lehrsätze sind das, und die sind für Gamal al-Banna eine der wesentlichen Ursachen «der Krankheit des Islam. Das ist nicht nur eine Krise, das ist viel schlimmer.» So konstatiert er das.

Aber: Die Krise des Islam sei überwindbar, die Krankheit heilbar. Nur: Vor jeder Therapie stehe nun einmal die Diagnose. Auch wenn – und da gibt er sich keinen Illusionen hin – dies «mehr als nur 50 oder 60 Jahre dauern kann», bis der Islam zu einer «zeitgemässen, aufgeklärten Version gefunden haben wird». Vom Hier und Jetzt an müsse man diese Zeitspanne kalkulieren. 1000 Jahre Stillstand zu überwinden, das gehe eben nicht von heute auf morgen. Al-Banna kritisiert die Vorgehensweise islamischer Gelehrter als dumm und dumpf. Den führenden islamischen Geistlichen wirft er vor, dass sie nichts anderes täten, als die Koran-Kommentare längst verblichener Kommentatoren zu kommentieren, die ihrerseits schon vor Jahrhunderten nichts anderes zu tun wussten.

Über 35'000 Bücher gelesen

Für al-Banna ist dies unerträglich. Er möchte den Islam vom Ballast all der angeblichen Taten und Sprüchen des Propheten Mohammed befreien und ihn so aus dem «Gefängnis der Scharia» entlassen. Es schüttelt ihn schier angesichts von Hadithen, Empfehlungen aus jener Zeit, die beispielsweise Frauen mit Hunden und Kühen vergleichen, weshalb Frauen bei Fehlverhalten oder gar Ungehorsam naturgemäss zu prügeln seien. Folgerichtig erklärte Gamal al-Banna in einem 2008 geschriebenen Buch 653 solcher Lehrsätze für dumm und nichtig.

Besuch bei einem islamischen Denker, der sich selbst als «Islamist» bezeichnet, schelmisch dabei grinst und heiter meckernd lacht, weiss er doch, welche Irritation diese Art der Selbstbezichtigung hervorrufen kann. In diesen Zeiten sowieso. Wer ihn aufsucht in seiner Wohnung im Kairoer Stadtteil Bab El-Sharia, unweit der grossen El-Sharani-Moschee, muss erstarren, wenn er die Menge an Büchern in dieser Oase universeller Gelehrsamkeit sieht. Weit mehr als 35'000 Bücher stapeln sich in den hohen Zimmerfluchten. Gelesen hat er sie alle, mehr als hundert selbst geschrieben, auf Arabisch wie auf Englisch. Der islamische Geistliche war zeit seines Lebens immer auch politischer Vordenker, radikaler Demokrat und sozialrevolutionärer Gewerkschaftsaktivist. Also wundert man sich nicht, dass er im modisch wirkenden Mao-Look empfängt.

Frei sein im Denken

Die unbedingte Freiheit des Individuums zu denken und zu meinen, ist Richtschnur seines Denkens und Handelns. Die Universalität der Allgemeinen Menschenrechtserklärung der UNO ist unantastbar. Da ist es nur folgerichtig, dass al-Banna wie selbstverständlich das Recht eines jeden Muslims propagiert, wann immer er will, warum auch immer er will, vom Islam abzufallen, den Glauben zu wechseln oder gar – horribile dictu – zum Atheisten zu werden. «Natürlich hat jeder Muslim dieses Recht, und selbstverständlich hat er auch das Recht, dies öffentlich zu propagieren», sagt al-Banna. Er beruft sich dabei auf den Koran und weiss natürlich, dass die überwiegende Mehrzahl seiner Landsleute für solchen Frevel nur eine Strafe kennt: den Tod gemäss der Scharia.

Nein, als Tabubrecher sieht er sich nicht. Das wäre nur billige Effekthascherei, und darum ist es ihm ein Leben lang nie gegangen. Ihm geht es um den Islam des Koran, nicht um den Islam der Scharia. Der Islam brauche jetzt eine Reformation, vergleichbar der Reformation des Christentums durch Martin Luther. Das ist es, was er sich erhofft. Eine Erschütterung der islamischen Welt, die all den Mief und Muff, den Staub und Schutt und Dunst von mehr als 1000 Jahren unter den gelehrten Talaren hervorfegen und ihn endlich wegblasen wird.

Islam als humane Richtschnur

Es muss einem gläubigen Muslim wie al-Banna bitter aufstossen, dass es all das schon einmal im Islam gegeben hat. Nämlich eine islamische Aufklärung, wenngleich vor 1000 Jahren, zu einer Zeit, als die christliche Welt in tiefster Barbarei gefangen war. «Nein», wehrt er ab. «Was damals unter dem Primat der Ratio gedacht werden konnte, ist auch heute noch in der Welt.» Darauf setzt er. Auf die Freiheit des Denkens. Auf die Kraft des von der Vernunft geleiteten muslimischen Individuums. Fern aller dogmatischen Zwänge der Gemeinschaft, der muslimischen Umma.

Nur dann könne der Islam eine humane Richtschnur für das Leben der Gläubigen sein. «Für das Leben», bekräftigt er, «nicht für das Sterben.» Er weiss natürlich um den Satz Bescheid: «Ihr liebt das Leben, wir den Tod.» Im Hier und Jetzt müsse der Gläubige leben und handeln, «unter den Bedingungen der Humanitas». Gamal al-Banna weigert sich, als islamischer Gelehrter die Alltäglichkeiten der mit dem Islam verschlungenen Scharia auszublenden, und findet kategorische Worte.

«Das Kopftuch ist kein religiöses Symbol»

Steinigung? Warum auch immer? Gamal al-Banna schüttelt heftig den Kopf. «Das ist barbarisch.» Das Abhacken von Händen und Füssen, warum auch immer? «Widerwärtige Strafen! Weg damit!», fordert er kategorisch. Auspeitschen? «Unmenschlich.» Das Verschleiern von Frauen? Da grinst er über das ganze Gesicht, lacht wieder meckernd, er weiss, da kann ihm niemand etwas anhaben. Gamal al-Banna kennt seinen Koran. Wort für Wort. Buchstabe für Buchstabe. «Man zeige mir auch nur eine einzige Stelle, auch nur einen einzigen Vers im Koran, in dem geschrieben steht, dass eine Frau ein Kopftuch tragen muss. Geschweige denn den Niqab, die Burka.» Begriffe, die er beinahe ausspuckt. Wer will, mag da Verachtung spüren. «Das Kopftuch ist kein religiöses Symbol», hält er fest.

Es sei vielmehr eine vorislamische, patriarchalische Stammestradition. Unnötig und in keiner Weise zeitgemäss. In seinem Buch «Die Frau zwischen der Befreiung durch den Koran und der Fesselung durch die Schriftgelehrten» belegt al-Banna anhand der entsprechenden Koranverse, dass Frauen in der Öffentlichkeit lediglich Brüste und allzu tief ausgeschnittene Décolletés verschleiern müssten. Verschleiern oder verdecken? Er schmunzelt und winkt ab. Das sei einzig und allein die Entscheidung der Frauen. Niemand habe ihnen Vorschriften zu machen. «Wenn Allah gewollt hätte, dass Frauen sich mit dem Kopftuch bedecken, sich von Niqab oder Burka gefangennehmen lassen müssen, dann stünde dies genau so im Koran. Wort für Wort. Buchstabe für Buchstabe», lächelt er feinsinnig. «Man zeige mir die diesbezüglichen Stellen. Es gibt sie nicht.»

«Lieber eine kluge Frau als ein dummer Mann»

Wahre Entrüstungsstürme islamischer Gelehrter löst Gamal al-Banna in schöner Regelmässigkeit aus, wenn er gemäss dem Koran – und eben nicht der Scharia – die Gebote und Verbote Allahs für den Menschen interpretiert und in heiterer Gelassenheit provokativ kommentiert. Natürlich könne man beispielsweise im Ramadan öffentlich rauchen, wann immer, wo immer man das wolle. Es habe nun mal zu Zeiten des Propheten noch keine Zigaretten oder Ähnliches gegeben, kein Wunder also, dass ein Rauchverbot im Ramadan im Koran nicht zu finden sei. «Rauchen ist sicherlich nicht nur während des Ramadans töricht und ungesund», bemerkt al-Banna, «aber Sie finden nun einmal im Koran kein Rauchverbot für die Zeit des Fastens.»

Ebenso sei das Küssen zwischen Männern und Frauen in der Öffentlichkeit mitnichten – wie islamische Gelehrte dies behaupten – eine Vorstufe zur Prostitution. «Kann es falsch sein, wenn Menschen offen ihre Liebe zueinander zeigen?» Da kann es nicht sonderlich erstaunen, wenn Gamal al-Banna wie selbstverständlich festhält, dass Männer und Frauen dieselben Rechte und Pflichten hätten und daher gleich seien. Ohne jede Einschränkung, im Alltag, in der Moschee, im Gebet. «Es ist mir doch allemal lieber, wenn eine kluge Frau die Rolle des Imam übernimmt und nicht ein dummer Mann», hält Gamal al-Banna nüchtern fest. (Basler Zeitung)

(Erstellt: 21.12.2011, 14:25 Uhr)

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