Ausland

Das Rätsel des verschwundenen Präsidenten

Aktualisiert am 07.01.2010 3 Kommentare

Seit sechs Wochen liegt Nigerias Präsident schwer krank in einer Klinik – angeblich. Denn seither wurde er nicht mehr gesehen und im Land bildet sich ein Machtvakuum. Jetzt fordern Politiker Beweise, dass er noch lebt.

1/4 Sorge um den Präsidenten
Umaru Yar'Adua liegt angeblich schwer krank in Saudi-Arabien.
Bild: Keystone

   

Die nigerianische Opposition fordert einen sichtbaren Beweis, dass Umaru Yar'Adua noch lebt und seine Gesundheit es zulässt, dass er weiterregieren kann. Seit dem 23. November liegt er angeblich mit einem schweren Herzleiden in einer saudiarabischen Klinik – seither wurde er in der Öffentlichkeit nicht mehr gesehen. Es wird spekuliert, dass er bereits gestorben sein könnte. Im bevölkerungsreichsten Staat Afrikas hat sich ein gefährliches Machtvakuum gebildet. Seine Nachfolge ist nicht klar geregelt und könnte auch zu religiösen Spannungen führen.

«Wir sind 150 Millionen Schafe ohne einen Hirten», hiess es jüngst in einem Leitartikel der nigerianischen Zeitung «Next».

Internationale Beobachter zeigen sich besorgt. Der Afrikaexperte Richard Joseph von der Northwestern University im US-Staat Illinois sagt: «Man kann kein Land mit 140 bis 150 Millionen Einwohnern ohne wirkliche Führung lassen.» Etwas müsse passieren, fordert der Politikprofessor.

«Das Staatsschiff segelt immer noch»

Doch die Regierung in Nigeria beschwichtigt. Das politische Geschäft gehe wie gewohnt seinen Gang, versichert Vizepräsident Goodluck Jonathan. «Das Staatsschiff segelt immer noch.» Er verspricht auch eine baldige Rückkehr des Präsidenten. Jonathan behauptet weiter, er habe vorgestern mit dem 58-jährigen Präsidenten telefoniert. Zu Details des Gesprächs äusserte er sich jedoch nicht.

Informationsministerin Dora Akunyili wollte auf Anfrage nichts zur Abwesenheit des Präsidenten sagen. Der Präsident spreche gut auf die Behandlung an, sagte sie lediglich.

Gefälschte Unterschrift?

Jüngste Entwicklungen nähren allerdings die Gerüchte, dass es um die Gesundheit von Umaru Yar'Adua schlecht steht. So behaupten oppositionelle Politiker, die Unterschrift des Präsidenten unter dem Gesetz für das neue Budget sei im letzten Monat von seinen Mitstreitern gefälscht worden. Die Opposition fordert die Polizei auf, eine Untersuchung einzuleiten.

Die Regierung erklärt jedoch, Präsident Umaru Yar'Adua habe den Haushalt während seiner Behandlung im Spital mit seiner Unterschrift abgesegnet.

Eine Gruppe von Aktivisten hat sogar vorgeschlagen, den Präsidentin als vermisste Person zu melden und einen Suchtrupp loszuschicken.

Schier unfassbare Armut

Nigeria ist trotz seines Rohstoffreichtums immer noch ein Land mit schier unfassbarer Armut. Hinzu kommt epidemische Korruption, die in einem Klima der politischen Unsicherheit noch weiter gedeihen kann. Auf dem Uno-Entwicklungsindex (HDI) steht Nigeria auf Rang 158 von 182 erfassten Staaten.

Zuletzt war es Yar'Adua gelungen, ein Friedensabkommen mit Rebellengruppen in den ölreichen Gegenden des Niger-Deltas zu schliessen. Wenn die örtliche Bevölkerung besser an den Gewinnen der Ölförderung beteiligt wird, kann es einen dauerhaften Frieden geben und die Produktion könnte wieder deutlich gesteigert werden. Zuletzt war der Ausstoss um täglich rund eine Million Barrel gefallen, womit Nigeria bei den afrikanischen Ölproduzenten hinter Angola nur noch auf Rang zwei steht. Yar'Adua hat das Friedensabkommen kurz vor Beginn seiner langen Abwesenheit ausgehandelt - wer dessen Erfüllung nun garantieren und überwachen soll, ist noch völlig unklar.

Es kommt immer wieder zu Gewalttaten

Yar'Adua kam 2007 an die Macht: Die Präsidentschaftswahl war von Manipulationen, Einschüchterung und Gewalt überschattet - und doch war es der erste demokratische Machtwechsel seit der Unabhängigkeit von Grossbritannien im Jahr 1960. Mit Yar'Aduas Amtsantritt hat eine Phase der Stabilisierung eingesetzt, obgleich auch die religiösen Spannungen zunahmen.

Seit mindestens 12 der 36 Staaten Nigerias, vor allem jene aus dem Norden, 1999 mit der Einführung des islamischen Rechts, der Scharia, begonnen haben, kommt es immer wieder vereinzelt zu Gewalttaten, teils auch zu offenen Kämpfen zwischen Regierungstruppen und Militanten. Zuletzt wurden bei Kämpfen zwischen Extremisten und Sicherheitskräften im nördlichen Staat Bauchi am Dienstag 35 Menschen getötet.

Seit dem Beinahe-Attentat eines Nigerianers auf ein Passagierflugzeug im Landeanflug auf Detroit stellt sich zudem verstärkt die Frage, ob radikale Islamisten in dem Land an der Westküste Afrikas an Stärke gewinnen.

Nun drohen sich die Spannungen durch das Machtvakuum noch zu verschärfen. «Die Situation ist ziemlich ernst», sagt John Campbell, der von 2004 bis 2007 US-Botschafter in Lagos war. Die Offenheit mit der die Krankheit des Präsidenten kommuniziert worden sei, deute auch darauf hin, dass es sehr schlecht um ihn stehen müsse, meint der frühere Diplomat. Politisch herrsche derzeit in Nigeria absoluter Stillstand, sagt Campbell. (bru)

Erstellt: 07.01.2010, 15:21 Uhr

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3 Kommentare

rolf wittwer

07.01.2010, 19:16 Uhr
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Leider kann man dem "schlafenden Riesen" Afrikas in beinahe sämtlichen Lebensbelangen kein gutes Zeugnis ausstellen. Die tatsächlich vorhandene tiefe Armut der täglich über den Tisch gezogenen Bevölkerung durch die macht- und geldgierige sich erfolgreich abschottende korrupte sog. "Elite" des Landes ist himmelschreiend. Dieselbe ist verantwortlich für jeweils aufflammenden "Religions"-Kämpfe! Antworten


Ronnie König

07.01.2010, 19:33 Uhr
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Dann wird wohl das Öl bald teurer und Flüchtlingsströme werden uns mehr als beschäftigen! Und wir sind natürlich auch hier wieder völlig unschuldig. Toll was wir mit unseren Vorstellungen alles fertig bringen. Die Welt droht mehr denn je aus den Fugen zu geraten. Und die Reichen jammern wegen der Finanzkrise. Antworten



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