Ausland

«Das ist Krieg, das war geplant»

Von Martin Sturzenegger. Aktualisiert am 02.02.2012 30 Kommentare

Das ägyptische Militär bezeichnet die Ausschreitungen im Spiel zwischen al-Ahly und al-Masry als tragisches Sportereignis. Doch mehrere Indizien sprechen dafür, dass der Gewaltausbruch von langer Hand geplant wurde.

1/17 Kurz nach dem Abpfiff bricht das Chaos im Stadion: Fans stürmen den Rasen im Stadion von Port Said. (1. Februar 2012)
Bild: Reuters

   

Ein schwarzer Tag für den Fussball. (Video: Reuters )

Über 70 Tote

Bei den schwersten Ausschreitungen in einem Fussballstadion seit mehr als 15 Jahren sind am Mittwochabend in der ägyptischen Stadt Port Said mindestens 73 Menschen ums Leben gekommen. Zudem wurden rund 1000 Menschen nach Schätzungen der Behörden verletzt.

Bereits während des Spiels hatten Fans des Gästeteams mit provozierenden Plakaten die heimischen Zuschauer gegen sich aufgebracht. Die Zusammenstösse begannen, nachdem Fans von al-Masry nach dem 3:1-Sieg gegen den Tabellenführer und Erzrivalen der ägyptischen Premier League al-Ahly Sekunden nach dem Abpfiff das Spielfeld gestürmt hatten. Die Fans hätten Steine, Feuerwerkskörper und Flaschen geworfen. Unter den Toten sollen auch mehrere Sicherheitskräfte sein. Einige Spieler wurden den Angaben zufolge verletzt, obwohl die Mannschaften schnell in die Kabinen in Sicherheit gebracht wurden. (dapd)

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Die Reaktion des Militärrats auf das jüngste gewaltreiche Ereignis in der Post-Revolutionszeit in Ägypten liess nicht lange auf sich warten: «Das wird Ägypten nicht kleinkriegen», sagte Feldmarschall Hussein Tantawi auf einem Stützpunkt der Luftwaffe nahe Kairo. «Solche Ereignisse passieren überall auf der Welt. Wir werden die Verantwortlichen nicht davonkommen lassen.»

Nur wer sich schon halbwegs für Fussball interessiert, könnte die Aussage des Obersten Rats der Streitkräfte ohne zu zögern bestätigen: Die Geschichte des Fussballs ist voll von tragischen Ereignissen, bei denen es zur tödlichen Konfrontation rivalisierender Fanlager kam: Die «Katastrophe vom Heysel» etwa, dem Endspiel um den Pokal der Landesmeister im Jahr 1984/85 zwischen dem FC Liverpool und Juventus Turin, dem 39 Menschen zum Opfer fielen. Oder im Jahr 1996 als im WM-Qualifikationsspiel zwischen Guatemala - Costa Rica 90 Menschen bei einer Massenpanik ums Leben kamen. Fussball und Gewalt gehen seit jeher zusammen.

Jahrelange Rivalität

Auch zwischen den beiden Klubs al-Masry and al-Ahly besteht eine jahrelange Rivalität. Immer wieder kam es in der rund hundert Jahre alten Geschichte der Vereine zu kleineren Ausschreitungen oder Sabotageaktionen: Vor wenigen Jahren etwa brachen Fans des älteren Klubs al-Ahly im Klubhaus des Rivalen ein, um Trophäen zu entwenden, wie das US-amerikanische Magazin «Foreign Policy» schreibt.

«Es stimmt, dass die Konkurrenz zwischen den beiden Teams gross ist. Doch was hier geschehen ist, damit hat nun wirklich niemand gerechnet», äussert sich ein Fan gegenüber der BBC. «Es ist das grösste Disaster in der Fussballgeschichte des Landes», sagte der ägyptische Gesundheitsminister. Ein ganzes Land befindet sich im Schockzustand. Doch ein Blick ins Internet reicht, um festzustellen, dass viele Leute nicht an die Zufälligkeit der Ausschreitungen glauben und eine politische Komponente dahinter vermuten. «Ägyptische Sicherheitskräfte nehmen Rache an Ultras», twittert ein aufgebrachter Blogger. Der Eintrag steht exemplarisch für den allgemeinen Tenor in den sozialen Medien.

Doch was könnte den Militärrat dazu bewogen haben, eine solche Auseinandersetzung zu planen, wenn er doch angesichts der Machterhaltung auf eine Beruhigung im Land hofft? «Sie wollen die Revolution schwächen», sagt Essam al-Erian, ein einflussreiches Mitglied der Muslim-Bruderschaft, gegenüber der «New York Times». Es ist bekannt, dass die Anhänger des Klubs al-Ahly an vorderster Front bei den ägyptischen Aufständen mitmischten. Etwa damals, als das Militär im letzten Februar Kamelreiter auf die Demonstranten hetzte, hätten sich die Ultras von al-Ahly schützend vor die Massen gestellt, schreibt die Bloggerin Dima Kathib, die den Protesten auf den Tahrir-Platz beiwohnte. «Immer wieder gaben sie den Aufständischen mit ihren Sprechchören moralische Unterstützung.» Auch das Verhältnis zu den Polizisten im Stadion, war schon seit jeher angespannt und durch Pöbeleien geprägt, wie die New York Times berichtet.

Nur wenig Sicherheitsleute im Stadion

Auch der portugiesische Trainer von al-Ahly schiebt den schwarzen Peter den Offiziellen zu: «Die Schuld hat einzig und allein die Polizei. Sie sind plötzlich alle verschwunden oder haben gar nichts unternommen», sagte der 65-Jährige kurz nach den Zwischenfällen im Telefoninterview mit dem portugiesischen TV-Sender SIC. «Das ist Krieg, das war geplant», wird der Mannschaftsarzt von al-Ahly auf der Internetseite «Egypt Independent» zitiert. Der Mediziner sprach von Chaos und forderte eine umgehende Untersuchung. «Das war eine Terror-Atmosphäre», sagte Sayed Hamdi, ein Spieler von al-Ahly. Teamkollege Mohammed Abu Trika erhob schwere Vorwürfe gegen die Polizei, die laut seiner Aussage tatenlos zusah und keine Anstrengungen unternahm, die Krawalle zu unterbinden.

Der aus westlichen Medien bekannte Blogger Mohamed al-Dashan glaubt nicht, dass die Gewaltquelle bei den Hooligans zu suchen ist. «Das ist keine Fussballgewalt», schreibt er in einem Blog.

Al-Dashan hinterfragt einen Aspekt, der der Logik von herkömmlicher Fussballgewalt widerspricht: Die meisten Opfer gehören al-Ahly an, dem Verein, der das Spiel mit 1:3 verloren hat. «Weshalb sollten die Fans der siegreichen Mannschaft die gegnerische Minderheit attackieren?», fragt der Blogger. Der ägyptische Parlamentarier Mohamed Abou Hamed weist darauf hin, dass weder der Gouverneur noch sein Sicherheitschef dem Spiel bewohnten – zum ersten Mal in der Geschichte. Auch sei das Sicherheitsdispositiv äusserst mager besetzt gewesen. Und dies obwohl bekannt sei, dass die Spiele zwischen den beiden Teams ein grosses Gewaltpotenzial bergen. Die Sicherheitskontrollen beim Einlass des Publikums seien mangelhaft gewesen, die Polizisten seien frühzeitig aus dem Stadion abgezogen.

Entsetzter Sepp Blatter

Inzwischen hat sich auch Fifa-Präsident Sepp Blatter entsetzt über die Ausschreitungen geäussert. «Meine Gedanken sind bei den Angehörigen der Todesopfer. Ihnen gilt mein tiefes Mitgefühl. Zu den Gründen der Katastrophe kann ich mich nicht äussern, eines aber steht fest: Es ist ein schwarzer Tag für den Fussball», sagte Blatter. Ein solches Drama sei jenseits des Vorstellbaren und dürfe nicht geschehen.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.02.2012, 10:38 Uhr

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30 Kommentare

Franz Bollenmoser

02.02.2012, 11:30 Uhr
Melden 37 Empfehlung

Wann werden diese Killerspiele endlich verboten? Antworten


Ronnie König

02.02.2012, 10:57 Uhr
Melden 35 Empfehlung

Der Kommentar von Blatter ist peinlich, aber typisch für Profiteure! Und nach dem Lesen des Berichts werden meine Befürchtungen bestätigt. Es handelt sich da um religiös-politische Unruhen. Das Militär und die Islamisten brauchen diese Schlagzeilen. Nur werden damit keine anderen Probleme gelöst, lediglich verschoben. Ein arabischen Grundproblem. Leider. So hat Ägypten keine Zukunft und verliert. Antworten



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