Debatte um «Lüge für Sex» in Israel

Aktualisiert am 28.07.2010 15 Kommentare

Lügen für Sex - das passiert jeden Tag überall auf der Welt. In Israel aber kann das happige Konsequenzen haben.

Er habe nie behauptet, Jude zu sein: Sabor Kaschor.

Er habe nie behauptet, Jude zu sein: Sabor Kaschor.
Bild: Reuters

Israel ist aber das vermutlich einzige Land, in dem man dafür zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden kann. So geschehen gerade im Fall eines 30-jährigen Palästinensers, der seiner israelischen Spontanbekanntschaft den Eindruck vermittelte, er sei ebenfalls Single und jüdisch. Seine Verurteilung zu 18 Monaten Haft und 10'000 Schekel (2000 Euro) Geldstrafe hat nun in Israel eine Diskussion ausgelöst, ob der Fall rassistisch gehandhabt worden sei und der Staat sich aus derlei intimen Dingen heraushalten sollte.

Was war geschehen? Sabor Kaschor, verheiratet und zweifacher Familienvater, wurde im September 2008 in der Jerusalemer Innenstadt von einer jungen Frau angesprochen, als er gerade sein Motorrad geparkt hatte. Er stellte sich als «Dudu» vor – ein weit verbreiteter jüdischer Spitzname. Von Frau und Kindern sagte er nichts. Innerhalb einer halben Stunde hatten die beiden im Treppenhaus eines Bürogebäudes Sex. Zwei Monate später wurde er verhaftet: Die Frau hatte ihn beschuldigt, sie vergewaltigt zu haben. In der vergangenen Woche erging das Urteil: Haft und Geldstrafe für «Vergewaltigung durch Betrug» – ein Tatbestand, den es so vielleicht nur in Israel gibt.

Folgenreiches Missverständnis

Er ermöglichte es dem Gericht, zu dem Schluss zu kommen, dass die Frau zwar dem Sex zugestimmt habe, aber nur, weil Kaschor ihr den Eindruck vermittelt habe, er sei wie sie ein jüdischer Single. «Wenn sie nicht gedacht hätte, der Beschuldigte sei ein alleinstehender jüdischer Mann, dem es um eine ernsthafte Liebesbeziehung geht, hätte sie nicht mitgemacht», sagte Richter Svi Segal in der Urteilsbegründung. Das Gericht müsse die Öffentlichkeit vor gerissenen Individuen schützen, die unschuldige Opfer verführten.

Kaschor legte Berufung ein und ist bis zu einer Entscheidung des höchsten israelischen Gerichts weiter unter Hausarrest - wie seit zwei Jahren schon. Er hat sich öffentlich zu dem Fall geäussert, über die Klägerin sind nur die Initialen M.T. bekannt - Vergewaltigungsfälle werden in Israel unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt. Im Interview mit der Nachrichtenagentur AP sagte Kaschor, er habe der Frau nie gesagt, dass er Jude sei. «Ich sagte, mein Name sei Dudu und sie fragte, ob ich Single sei und ich sagte, ich sei alleinstehend», erzählt er in akzentfreiem Hebräisch in seiner Ostjerusalemer Wohnung. «Ich sagte nicht, dass ich ein Jude sei.» Den hebräischen Spitznamen habe er seit seiner Kindheit. Seiner Frau habe er keine Details über die Affäre erzählt. Die Ehe halte.

«Lügen gehört zur Natur menschlicher Beziehungen»

Die Leiterin einer Beratungsstelle für Gewaltopfer, Dana Pugatsch, sagt, das Gesetz gehe zu weit. «Ich denke schon, dass Frauen Schutz brauchen», sagt die Leiterin des Noga-Zentrums. «Aber ich denke, das Strafrecht sollte sich nicht in jedem Fall angewendet werden. Notlügen und Schwindeleien sollten irgendwie geduldet werden. Lügen gehört leider zur Natur menschlicher Beziehungen, und man kann nicht jede Lüge juristisch verfolgen. Es dürfte aber schwer sein, die Grenzen zu definieren. Mann sollte in jedem Fall Logik anwenden.» Allerdings weist Pugatsch darauf hin, dass der Fall nicht deswegen vor Gericht landete, weil er Palästinenser und sie Israelin war. «Auch nicht weil er vorgab, Jude zu sein, sondern weil sie sagte, sie sei vergewaltigt worden.» Gericht und Verteidigung einigten sich dann auf den minder schweren Tatbestand «Vergewaltigung durch Betrug».

«Das scheint eine gefährliche Entscheidung zu sein», sagt der Rechtsprofessor Sejev Segal, der juristische Fälle für die Zeitung «Haaretz» analysiert. «Das Recht sollte sich nicht in den heiklen Bereich zwischen Mann und Frau hineinbegeben.» Für den Historiker Tom Segev handelt es sich um einen Fall, «in dem es offensichtlich nicht um Vergewaltigung sondern Betrug geht, und es riecht nach Rassismus». In Spanien gibt es den Tatbestand «Vergewaltigung durch Betrug» auch – allerdings nur in Fällen, in denen das Opfer unter 16 Jahre alt ist. (mt/Amy Teibel/dapd)

Erstellt: 28.07.2010, 14:57 Uhr

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15 Kommentare

Ernst Leuthold

28.07.2010, 15:14 Uhr
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Wahrlich ein skurriler Fall - wer glaubt denn schon, dass es der Dame um eine 'ernsthafte Beziehung' ging, da sie sich innerhald einer halben Stunde auf ein Schäferstündchen einliess... Immerhin - dass der Journalist so mühsam insistiert, dass es den Strafbestand 'Vergewaltigung durch Betrug' "vielleicht nur in Israel" gibt ist mühsam und falsch: gewisse afrikanische und US-Staaten kennen ihn auch Antworten


josef Pugatsch

28.07.2010, 15:34 Uhr
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Ich lebe in Israel und verfolge die Nachrichten stündlich. Von solch einer Debatte habe ich aber noch nichts vernommen. Glaube eher, dass hier eine pikante Geschichte aufgebauscht wird. Antworten



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