«Der Frieden hat in Israel keine Verbündeten»

Von Claudia Kühner und Luciano Ferrari. Aktualisiert am 09.12.2009 5 Kommentare

Der israelische Schriftsteller David Grossman über sein Land, das gelähmt ist wie das Kaninchen vor der Schlange. Aber auch über die Angst vor dem Islam und über das Nein der Schweiz zum Bau von Minaretten.

David Grossman: «In Europa herrscht eine tiefe Furcht vor Muslimen, vor dem Anderen überhaupt.»

Dominique Meienberg

Israelischer Bestsellerautor

David Grossmann, 1954 in Jerusalem geboren, ist als Kinderbuchautor weltberühmt geworden. Mit Amos Oz und anderen gehört er zu den prominentesten Stimmen in Israel, die für eine Zwei-Staaten-Lösung eintreten. Während des Libanonkriegs 2006 publizierte er zusammen mit anderen einen international beachteten Aufruf, den Krieg zu beenden. Wenig später, in den letzten Stunden des Krieges, fiel sein Sohn Uri, 20 Jahre alt, eines seiner drei Kinder. Damals schrieb Grossman schon an seinem neuen Roman «Eine Frau flieht vor einer Nachricht» über eine Mutter, deren Sohn an einem gefährlichen Armeeeinsatz teilnehmen muss.

Dürfen Muslime in Israel und den besetzten Gebieten Minarette bauen?
Ja, sicher, wo immer sie leben.

Wie kommentieren Sie das Ja zur Anti-Minarett-Initiative?
Würde man in anderen Ländern darüber abstimmen, käme man wohl zu einem ähnlichen Ergebnis. In Europa herrscht eine tiefe Furcht vor Muslimen, vor dem Anderen überhaupt, und sie ist leicht mobilisierbar.

Offenbar vor allem dort, wo gar keine Muslime leben.
Das ist immer so. In Polen gibt es kaum mehr Juden, und der Antisemitismus ist erheblich. Was man braucht, ist die Vorstellung des Anderen, um ihn zu hassen, nicht dessen reale Präsenz.

Woher kommt diese Furcht vor dem Islam in Europa?
Für mich drückt sich darin ein tiefer Mangel an existenziellem Grundvertrauen aus. Die Menschen fühlen sich nicht mehr sicher in dieser Welt, und wenn sie sich dann von Fremden überrannt fühlen, die sie nicht dekodieren können, begeben sie sich in die Schützengräben. Die grosse Herausforderung einer Demokratie ist es, die Balance zu finden zwischen diesen Ängsten und rechtsstaatlichen Prinzipien. Das hat mich am Abstimmungsresultat schockiert: Die Schweiz hat mit dem Votum gegen ihre demokratischen Grundsätze verstossen.

Ist die Angst vor dem Anderen hier gar grösser als in Israel?
Das lässt sich kaum vergleichen. Was wir insgesamt erleben, sind aber urwüchsige Gefühle von tief unten, die an die Oberfläche drängen. Sie werden Europa und die europäischen Gesellschaften verändern. Unsere Welt ist in Bewegung geraten, die Migration wird weiter zunehmen. Das wirft neue, schwierige Fragen auf: Wie kann man mit dem Anderen zusammenleben und trotzdem sich selber bleiben? Wie kann man die Identität des eigenen Landes bewahren und sie trotzdem so flexibel gestalten, dass sich auch andere Staatsangehörigkeiten integrieren lassen? Die Abstimmung in der Schweiz zeigt, dass die Menschen Angst haben vor dieser Anstrengung. Sie wischen das Problem lieber mit einem formalen Entscheid vom Tisch.

Es ist eine Flucht vor der Realität. In Ihrem Buch flieht Ora, die Mutter des Soldaten, um dessen Leben sie fürchtet, auch vor der Realität der drohenden, schlimmen Nachricht. Ist Ora ein Sinnbild für Israel, das sich nicht der Wahrheit stellen will?
Das hat etwas: Israel befindet sich in einer merkwürdigen Situation. Es stellt sich schlafend und taub, weil es nicht fähig ist, seiner komplexen und bedrohlichen Lage zu begegnen. Ora aber entflieht nicht aus Eskapismus. Sie hat diese magische Eingebung. Sie weiss, dass es für eine schlechte Nachricht zwei braucht: den Überbringer und den Empfänger. Ich habe schon von Frauen gehört, die in Vorahnung einer schlechten Nachricht das Namensschild an der Haustür übermalt haben, um nicht gefunden zu werden. Ora sieht darin den einzigen Weg, ihren Sohn zu beschützen. Indem sie auf der Flucht vor der Nachricht dem Vater die Lebensgeschichte des Sohnes erzählt, hofft sie, diesem gleichsam Leben und Kraft einzuflössen.

Was lähmt Israel?
Dieses Land, das so voll ist von Talenten, Fähigkeiten, Tatkraft, ist erstarrt wie ein Kaninchen vor der Schlange angesichts des Unvermeidlichen, das zu tun wäre, und das jeder kennt.

Ist niemand da, der das Land aus seiner Starre befreien könnte?
Wenn es um Politiker geht, habe ich gelernt, dass man sie nach ihren Taten und nicht nach ihren Worten beurteilen muss. Bei Benjamin Netanyahu beobachte ich eine ähnliche Entwicklung wie bei Ariel Sharon oder Ehud Olmert. Bevor sie gewählt wurden, gaben sie die grossen Ideologen, hetzten das Volk auf, ermutigten die Siedler, bestätigten alle Ängste und Befürchtungen der Bevölkerung. Wenn sie dann aber die Verantwortung haben, können sie sich nicht mehr so kindisch verhalten. So hat auch Netanyahu seine Einstellung geändert. Ich weiss, wie schmerzlich es ausgerechnet für ihn gewesen sein muss, einen Siedlungsstopp auszusprechen. Und ich denke, die Palästinenser machen gegenwärtig einen grossen Fehler, ihn jetzt nicht beim Wort zu nehmen. Sie sollten ihn zu Verhandlungen verpflichten in den Monaten des Siedlungsstopps, den er versprochen hat. Sonst werden zweitausend neue Siedler in die Westbank ziehen.

Müssten nicht auch die USA Netanyahu beim Wort nehmen und wieder auf den Plan treten?
Ja, natürlich. Es gibt nur die eine Hoffnung für eine Lösung, und das ist Präsident Obama. Die beiden Parteien selber sind unfähig zur Tat. Ich fürchte aber, dass er zu wenig entschlossen ist.

Weshalb kann Israel nicht den ersten Schritt von sich aus machen?
Das Misstrauen gegenüber den Arabern sitzt mittlerweile so tief, dass es kein Vertrauen in unsere Zukunft mehr gibt. Das Gefühl der Verletzlichkeit des Staates ist in den letzten Jahren stets gewachsen. Es ist schrecklich, dass wir nach 61 Jahren staatlicher Existenz immer noch Angst um Israel haben.

Eine Angst, die von der Politik geschürt wird.
Ja, und das macht die Menschen noch unsicherer. Jeder Angriff wird als der finale wahrgenommen. Das ist fast nicht zu verstehen, wenn man Israel von aussen betrachtet und als eine regionale Supermacht wahrnimmt. Dennoch scheint uns die Zukunft alles andere als sicher. Erst wenn wir Frieden haben, werden wir eine Form von existenziellem Vertrauen bilden können und uns in der Welt zu Hause fühlen. Meine Definition des Juden ist die von jemandem, der sich in der Welt nie zu Hause fühlen konnte. Die Tragödie ist, dass Israel nicht das Heim wurde, als das es gedacht war. Und es wird es nicht sein, solange wir nicht jene festen Grenzen haben, die wir nie hatten.

Warum fühlt sich das Land nicht sicher, obwohl jeder in Israel mit der Armee zu tun hatte, gedient hat, ihre Stärke erlebt hat? Kann es sein, dass diese Erfahrung die Furcht nährt, statt sie zu verringern?
Tief im Innern glauben die meisten Israeli nicht an Frieden. Und sie glauben, wenn wir uns zurückziehen, werden uns die Palästinenser hintergehen und immer mehr verlangen. Der Frieden hat keine Verbündeten bei uns.

Woher rührt dieses tiefe Misstrauen?
Die Friedensverhandlungen zwischen Yitzhak Rabin und Yassir Arafat 1993 waren entscheidend. Es hat sich in Israel die Überzeugung durchgesetzt, dass wir dort Arafat alles versprochen, die Palästinenser uns aber verraten haben. Die gescheiterten Verhandlungen von Camp David im Jahr 2000 und der Start der zweiten Intifada haben diesen Verdacht bestätigt.

Ist es auch denkbar, dass zu viele vom Status quo profitieren, als dass sie ihn wirklich ändern wollten?
Ob Israel von den besetzten Gebieten profitiert und warum die Besetzung so lange dauert? Zuerst dachten wir, wir seien wirklich gerettet worden. 1967 fühlten wir eine tödliche Bedrohung. Dann aber merkten die Leute langsam, dass es auch materielle Vorteile gab – vor allem aber psychologische. Die Menschen waren nach und nach richtig vernarrt in die Vorstellung, dass sie nun die Herren waren, im Gegensatz zu aller historischen Erfahrung der Juden. Plötzlich waren wir die Starken und konnten diktieren, was die anderen tun und lassen sollten.

Und dieses Machtgefühl herrscht immer noch vor?
Nein, diese Versuchung ist verflogen. Im Gegenteil, die meisten Israeli sehen in den besetzten Gebieten mehr und mehr ein Problem. Seit Jahren gibt es eine Mehrheit für eine Zweistaatenlösung. Und dennoch – jetzt kommen wir wieder zum Kaninchen und der Schlange – wüssten wir zwar, was zu tun wäre: Aber eine Minderheit will das nicht und bringt es fertig, alle unsere Ängste zu mobilisieren und erfolgreiche Verhandlungen zu verhindern.

Wie kann diese Minderheit so dominant sein? Ist es, weil Militär und Religion, Fanatismus und Nationalismus eine unheilige Allianz eingegangen sind?
Ja, das beste Beispiel hierfür sind die Siedlungen. Aus religiöser und messianischer Ideologie gehen fast die ganze Energie Israels, der grösste Teil des Budgets und die Libido der Debatte seit 42 Jahren in diese Siedlungen. Und die Menschen werden immer religiöser, weil die Realität immer komplizierter wird. Religiöse sehen die Welt sehr simpel: Die Araber sind die Dämonen, wir sind die Heiligen. Auf der anderen Seite dasselbe.

Welche Wirkung haben Ihre Bücher auf die Debatte gehabt?
Als ich den «Gelben Wind», mein Buch über die besetzten Gebiete, vor etwas über 20 Jahren publizierte, wurde ich als Verräter beschimpft wegen meiner Vorstellung, dass das Land geteilt werden müsse und auch Palästinenser Rechte hätten. Yitzhak Rabin hat mich scharf angegriffen. Heute ist das anders. Es ist mir gelungen zu vermitteln, dass man gleichzeitig sehr kritisch gegenüber Israel sein und es trotzdem als seine Heimat ansehen kann. Ich könnte leicht anderswo hin ziehen. Aber ich möchte nicht gehen. Dies ist nicht irgendein Staat. Dass es uns gelungen ist, nach so langer Zeit zurückzukommen, nach der Schoah, dass wir allen Widrigkeiten getrotzt haben, eine Demokratie aufgebaut, eine Wirtschaft, Kultur und so weiter, das ist fast ein Wunder. Wir haben von der Geschichte eine einmalige Chance bekommen. Was mich aber verzweifeln lässt, ist, dass wir sie nicht weise und mutig genug nutzen.

Hat der tragische Tod Ihres Sohnes Ihre Autorität gestärkt?
Für manche schon. Nicht wenige Rechte waren überrascht, dass ich zwei Söhne in der Armee hatte. Sie dachten, linke Kritiker wie ich würden sich um den Dienst drücken, was absoluter Schwachsinn ist.

Hat der Verlust Ihres Sohnes Ihre politischen Ansichten verändert?
Ich spüre noch stärker die Dringlichkeit, endlich zu einem Frieden zu gelangen. Ich spüre noch stärker, wie schrecklich und wie sinnlos es ist, das Leben zu verlieren für wirklich dumme und nutzlose Ziele. In welch anderer Situation könnten wir sein, wären wir mutiger gewesen und klüger. Wir sollten unsere enormen Kräfte einsetzen, um den Palästinensern zu erlauben, weniger Angst vor uns zu haben. Stellen Sie sich vor, ein israelischer Premierminister würde mit den Palästinensern über ihre Probleme reden, konkrete Taten folgen lassen, ihnen mehr Bewegungsfreiheit erlauben. Es wird unerträglich sein, in einigen Jahren zurückzublicken und uns zu fragen, weshalb wir all diese Chancen nicht genutzt haben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.12.2009, 04:00 Uhr

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5 Kommentare

Beat Moeri

09.12.2009, 10:23 Uhr
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In Nahost könnte schon lange Frieden herrschen. Es braucht lediglich eine Umsetzung der Resolutionen des UN-Sicherheitsrates durch Israel. Weshalb wird hier nicht Druck ausgeübt ? Wenn nicht das, so könnte Obama zumindest alle Finanzhilfen einstellen und jeglichen privaten Geldtransfer unterbinden. Antworten


Rafiq Tschannen

09.12.2009, 11:34 Uhr
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Ja, beide Parteien sind erstarrt und Obama so ratlos wie seine Vorgaenger. Und da niemand den Mut hat, etwas zu unternehmen, wird aus Israel und Palestina automatisch EIN Staat, mit einer arabischen Mehrheit. Jetzt gilt es die Demokratie einzufuehren und gleiche Rechte fuer alle zu fordern. Es kann doch nicht angehen, dass es in diesem Jahrhundert noch Apartheit gibt. Antworten



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