«Der Islam ist nicht reformierbar»

Der Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad hat ein Buch über den islamischen Faschismus geschrieben. Er sieht im Islamismus eine Bedrohung für die Freiheit. Hoffnung auf Besserung gäbe es nicht.

Zorn der Moslems. Wegen seiner Kritik wird Hamed Abdel-Samad mit dem Tod bedroht.

Zorn der Moslems. Wegen seiner Kritik wird Hamed Abdel-Samad mit dem Tod bedroht. Bild: Keystone

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BaZ: Ihre Mutter, die in Kairo lebt, hat Ihnen abgeraten, das Buch* über den «islamischen Faschismus» zu schreiben.
Sie sah, was nach meinem Buch «Mein Abschied vom Himmel» geschehen ist. Nach einem Vortrag in Kairo gab es Mordaufrufe gegen mich, Morddrohungen und Beschimpfungen. Meine Mutter hat deshalb Angst, dass ich jetzt wieder in Gefahr bin. Doch ich musste dieses Buch schreiben, weil ich mich der Logik der Fundamentalisten nicht beugen will.

Was ist deren «Logik»?
Sie wollen mich und alle, die den Islam kritisieren, einschüchtern und zum Schweigen bringen. Wer diesem Druck nachgibt, tut den Islamisten einen Gefallen und fordert sie auf, ebenfalls gegen andere Autoren vorzugehen, die ihnen nicht behagen.

Sind Sie auch in Deutschland, wo Sie seit 18 Jahren leben, mit Gewalt konfrontiert?
Ich bekomme viele Hassbriefe, bei öffentlichen Auftritten habe ich Polizeischutz, und mein Haus wird bewacht.

Was konkret werfen Ihnen Ihre Gegner vor?
Meine Kritik am Islam. Er glaubt, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein.

Das sind andere Religionen auch.
Aber der Islam beruft sich auf Texte und Personen, die unantastbar sind. Im Westen darf man sich zum Beispiel über Jesus oder Abraham lustig machen, ohne dass man sich dadurch gefährdet. Wer aber den Propheten oder den Koran kritisiert, zieht den Zorn der Moslems auf sich.

Es ist wohl nur eine Minderheit der Moslems, die dann zu Gewalt greifen.
Nein, nicht nur Fundamentalisten werden unruhig. Wer den Propheten beleidigt, hat aus der Sicht der Moslems den Tod verdient – dafür gibt es genügend Beispiele. Das ist die Logik des Islam und der Beginn des islamischen Faschismus.

Ein harter Vorwurf.
Die Parallelen zwischen Islamismus und Faschismus sind vielfältig und alt. Alles begann bereits beim Propheten. Nicht die modernen Islamisten haben also das Jihad-Prinzip ein­geführt. Der Kampf wird schon im Koran mystifiziert, als Dienst an Allah. Der Aufruf, Ungläubige anzugreifen, steht ebenfalls im Koran, auch der Anspruch des Islam auf die Weltherrschaft und die Begründung für den islamischen Antisemitismus.

Letzteres ist wohl als Reaktion auf die Gründung des Staates Israel zu begreifen.
Das ist falsch. Schon vor der Gründung Israels und vor dem Beginn des Nahostkonflikts wurden die antisemitischen, gefälschten Protokolle der Weisen von Zion auf Arabisch übersetzt und verkauft, als angebliche Wahrheit über die Juden. Auch Hitlers «Mein Kampf» war bereits in den 30er-Jahren auf Arabisch erhältlich. Bis heute sind diese beiden Bücher Dauerbestseller in der arabischen Welt, was eine geistige Katastrophe ist. Ich würde weder den Koran noch den Islam kritisieren, wenn beides nur fürs siebte Jahrhundert relevant wäre. Aber seine Prinzipien sind heute noch allgegenwärtig. Sie kontrollieren das Leben und die Gesellschaften in der islamischen Welt. Zudem gibt es eine weitere Parallele zum Faschismus.

Welche denn?
Der Islam hat einen Minderwertigkeitskomplex, weil er mit dem Westen nicht mithalten kann. Der moderne Islamismus ist fast gleichzeitig mit der faschistischen Bewegung in Deutschland und in Italien entstanden. Der Chef der Moslembruderschaft, Hasan al-Banna, sah sowohl Hitler als auch Mussolini als Vorbilder. Während des Zweiten Weltkriegs gab es sogar eine Zusammenarbeit, die Moslembruderschaft machte für die Nazis Propaganda.

Was war der gemeinsame Nenner?
Das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein. Daran schlossen sich Rachegelüste an, der Traum von der Wiedergeburt und der Anspruch auf die Weltherrschaft. Das ist exakt die Mischung von Zutaten, die den Islamismus und den Faschismus ausmacht. Gefährlich wird diese Mischung, wenn sie mit einem Gefühl der Ohnmacht einhergeht. Heute ist die Moslembruderschaft die Mutter aller Terrororganisationen.

Das ägyptische Regime hat ihr den Kampf angesagt. Mehrere Hundert Todesurteile hat es in der letzten Woche ausgesprochen. Die Elite der Islamisten ist entweder im Gefängnis oder auf der Flucht, die Bewegung wird in den Untergrund gedrängt.
Die ausgesprochenen Todesurteile lehne ich ab. Die politische Führung in Kairo scheint kein probates Mittel gegen den Terrorismus zu finden. Gleichzeitig muss ich sagen, dass die Todesurteile die Moslembrüder nicht gleich zu armen Opfern machen. Sie sind Terroristen, und deshalb gehören sie verurteilt. Das Urteil ist für meine Begriffe zwar viel zu hart – aber sie bleiben gefährlich und sind ein Destabilisierungsfaktor, der die Spannungen im Land verschärft. Wenn sich dieser Machtkampf weiter verschärft, hat das fatale Konsequenzen für die Wirtschaft. Sowohl Touristen als auch Investoren bleiben dann weg. Das würde Ägypten in den Ruin treiben. Dann wiederum hätten die Radikalen Auftrieb. Islamisten sind auf den Trümmern von gescheiterten Staaten besonders gefährlich.

Lässt sich der Islam reformieren, ohne dass er zugrunde geht?
Der Islam ist nicht reformierbar, weil er alles als Wort Gottes betrachtet. Der Islam will die Gesellschaft von oben dominieren, die Gesetze bestimmen und die Herrschaftsstrukturen vorgeben. Das alles lässt sich mit einer modernen Demokratie nicht vereinbaren. Wichtig und möglich wäre es aber, das Denken des Moslems zu reformieren.

Immerhin zeigte Erdogan bis vor Kurzem in der Türkei, dass ein moderater Islam möglich ist.
Den Begriff «moderater Islam» habe ich nie akzeptiert. Ich halte ihn für irreführend. Wenn ein Islamist an die Macht kommt, hat er nur ein Ziel: Er will die islamische Gesellschaftsordnung durchsetzen, die Scharia einführen und später die Welt erobern. Das ist Islamismus. Erdogan hat den Westen geschickt ausgetrickst, um sich selber zu ermächtigen. Er hat das Militär und seine Kritiker zum Verstummen gebracht, indem er sich auf die EU berief. Sobald er aber seine innenpolitischen Gegner mundtot gemacht hatte, zeigte er sein wahres Gesicht. Was wir jetzt in der Türkei haben, bezeichne ich als «Faschismus light» – und nicht als moderaten Islamismus.

* Am 1. April erscheint von Hamed Abdel-Samad «Der islamische Faschismus. Eine Analyse», Droemer Verlag. (Basler Zeitung)

(Erstellt: 01.04.2014, 13:43 Uhr)

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