Ausland
Der «Kleine Bruder» von Robert Mugabe
Von Johannes Dieterich. Aktualisiert am 28.12.2010 7 Kommentare
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Er sass jahrelang im Gefängnis, weil er die Einführung des Mehrparteiensystems in seiner Heimat forderte – und lässt heute Oppositionelle massakrieren. Er schickte seine Anhänger auf die Strasse, weil ihm ein General den Wahlsieg rauben wollte, und stahl jetzt selbst seinem Kontrahenten den Sieg. Er schaffte den notorischen Personenkult mit Bildern des Präsidenten in jedem Geschäft und jeder Nachrichtensendung ab. Doch inzwischen hat sich der «Kleine Bruder», so der Spitzname des einstigen politischen Leichtgewichts, in die Riege der selbstherrlichen «Big Men» geboxt. Ein Werdegang voller Ironien, über die man schmunzeln könnte, wenn der vorläufige Tiefpunkt nicht so tragisch wäre.
Laurent Gbagbo wurde vor 65 Jahren in eine katholische Familie im Westen der Elfenbeinküste hineingeboren. Er studierte an der Pariser Eliteuniversität Sorbonne und heiratete eine Französin: Heute ist ihm die einstige Kolonialmacht verhasst. Auf die Widersprüche seiner Karriere angesprochen, antwortete Gbagbo einem Reporter einst: «Ich habe mich überhaupt nicht verändert. Sie müssen nur Ihre Brille wechseln.»
Gewerkschaften als Machtbasis
Der promovierte Historiker hatte neben seinem akademischen Ehrgeiz schon immer auch politische Ambitionen. Als Professor an die Universität in Abidjan zurückgekehrt, kämpfte der bekennende Sozialist in den Siebzigerjahren gegen die Alleinherrschaft von Präsident Félix Houphouët-Boigny: Aus jener Zeit stammt sein heute so hilfreiches Märtyrer-Image. Die ersten Versuche, in den Präsidentenpalast einzuziehen, scheiterten aber kläglich: Bei den ersten Mehrparteienwahlen 1990 gewann er nur 18,3 Prozent der Stimmen. Der keineswegs charmelose Kämpfer gab jedoch nicht auf und baute sich als Gewerkschaftsführer eine schlagkräftige Machtbasis auf.
Die erwies sich als entscheidend, als General Robert Guéï nach dem Tod Houphouët-Boignys und sieben tumultuösen Jahren im Jahr 2000 den Wahlsieg von Gbagbo stehlen wollte. Der herangewachsene «Kleine Bruder» mobilisierte seine militanten Fans und vereitelte den Coup. Zugute kam ihm, dass er seinen Sozialismus durch einen feurigen Nationalismus ersetzt hatte: So kämpfte er an einer zweiten Front gegen den Erzrivalen Alassane Ouattara und dessen vor allem aus dem Norden stammende Anhängerschaft. Sie seien «ausländische Agenten», derer sich die «wahren Ivorer» mit allen Mitteln erwehren müssten, lautete die Botschaft: Morde mit inbegriffen.
In der Sackgasse
In den vergangenen zehn Jahren kostete Gbagbo die Verführungen der Macht. Sechsmal liess er die bereits vor fünf Jahren fälligen Wahlen verschieben, weil er sie zu verlieren drohte, erst Ende dieses Jahres fühlte er sich – zu Unrecht – sicher genug. Gbagbo, der sich vom Märtyrer zum Autokraten gewandelt hat, verbindet viel mit seinem zimbabwischen Amtskollegen Robert Mugabe: die Hassliebe zur einstigen Kolonialmacht, die Befreiungsrhetorik, die den eigenen Machtanspruch nur schlecht kaschiert, und eine Ehefrau, die für die Zügellosigkeit des Gemahls mitverantwortlich ist.
Wie Gbagbo aus der Sackgasse herauskommen will, in die er sich mit seinem Wahldiebstahl manövriert hat, ist für viele ein Rätsel. Angesichts der internationalen Front, die sich vor ihm aufgebaut hat, muss er froh sein, wenn er ins nigerianische Exil entweichen kann. Im schlimmsten Fall wartet eine Zelle in Den Haag auf ihn. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.12.2010, 20:42 Uhr
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7 Kommentare
@M. Lienert. Dank der weissen Kolonial-Herrschaft, wurde viel verhindert. In der Elfenbeinküste werden viele versch. Sprachen gesprochen (wie würde dieses Land aussehen ohne die Weissen?). Durch die Kolonial-Herrschaft wurden Konflikte nicht ausgetragen, da man quasi "versklavt" war. Diese Konflikte werden nun verspätet ausgetragen... Antworten
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