Ausland
Der Schuhwerfer von Bagdad
Von Astrid Frefel, Kairo. Aktualisiert am 16.12.2008 12 Kommentare
Präsident Bushs letzter Besuch in Bagdad - wie immer im Schutz der Dunkelheit - wird in die Geschichtsbücher eingehen. Dafür hat der junge, bisher unbekannte irakische Journalist Muntazer al-Zaidi gesorgt. Nicht Bushs Fazit über die Entwicklung im Irak ging um die Welt, sondern das Bild, wie der mächtigste Mann der Welt sich vor den Schuhen duckte, die Zaidi nach ihm warf.
Eine Botschaft schickte der Journalist mit jedem seiner Schuh mit: «Das ist ein Abschiedskuss von den Irakern, du Hund», schrie er beim ersten. «Das ist von den Witwen, den Waisen und jenen, die im Irak getötet wurden», beim zweiten.
Zaidi nahm als Korrespondent des unabhängigen TV-Senders al-Baghdadia an der Pressekonferenz teil, die Präsident Bush und der irakische Premier Nouri al-Maliki nach Unterzeichnung des amerikanisch-irakischen Sicherheitsvertrags, gemeinhin Sofa genannt, gaben.
Entführt und bewusstlos geschlagen
Berufskollegen beschreiben den 28-jährigen Schiiten aus dem südirakischen Nasiriya als engagierten Journalisten. Seine Berichte beendet er gern mit dem Satz, «aus dem besetzten Bagdad berichtete Muntazer al-Zaidi» - eine eindeutige Manifestation seines Grolls auf die US-Truppen.
Zaidi hat die Gewalt im Irak am eigenen Leib zu spüren bekommen. Im vergangenen Jahr wurde er entführt und bewusstlos geschlagen. Einer seiner Reporter-Kollegen bei al-Baghdadia wurde von Unbekannten erschossen. Ob sein Schuhwurf spontan oder wohlüberlegt war, weiss niemand mit Gewissheit zu sagen.
Als Helden gefeiert
Bush reagierte gelassen: Er habe sich nicht bedroht gefühlt. Der Übergriff sei Ausdruck der neuen demokratischen Freiheit, erklärte er, während sein Widersacher von Sicherheitsbeamten überwältigt, abgeführt, mit Schlägen traktiert und in Haft genommen wurde. Al-Baghdadia forderte am Montag in seinen Sendungen die sofortige Freilassung Zaidis. Seine Verhaftung erinnere an die Zustände während Saddams Diktatur.
Schuhe gegen jemanden zu werfen, gilt in der arabischen Welt als die schlimmste Beleidigung. Nach der amerikanischen Invasion hatten Iraker die Statue Saddam Husseins, nachdem sie von US-Marines vom Sockel gestürzt worden war, mit ihren Schuhen traktiert. Wie tief gespalten der Irak heute ist, zeigten die unterschiedlichen Reaktionen auf Zaidis Schuhwurf. Die irakische Regierung sprach von einer «barbarischen und schändlichen» Tat, der Vorsitzende des irakischen Journalistenverbands nannte das Verhalten Zaidis «unprofessionell». Anhänger der schiitischen Klerikers Muqtada al-Sadr, die am Montag in mehreren Städten gegen die amerikanische Truppenpräsenz demonstrierten, feierten ihn jedoch als Helden.
Angst vor Folter im Gefängnis
Der für seine provokanten Formulierungen bekannte Chefredaktor der in London erscheinenden Tageszeitung «al-Quds al-Arabi» schrieb von «einem passenden Abschied für einen Kriegsverbrecher». Der ägyptische Fernsehsender al-Hayat widmete dem Schuhwurf eine Sondersendung. Die grosse Mehrheit der Zuschauer, die sich drei Stunden lang zu Wort melden konnten, beglückwünschten Zaidi zu seiner Tat. Er habe die Stimmung im irakischen Volk wiedergegeben, lautete der Tenor. Mehrere Anwälte äusserten indes die Befürchtung, der junge Journalist könnte im Gefängnis gefoltert werden.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.12.2008, 08:12 Uhr
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12 Kommentare
An Reto La Roche: Ich glaube du verstehst die Situation nicht so ganz, oder am besten gar nicht. Ob der Schuh nun unklug, zornig oder ganz bedacht geflogen ist, dieser Schuh ist symbolisch für das gesamte irakische Volk, das genug hat von der Besetzung und seinen eigenen Weg gehen will. So haben es hoffentlich auch diejenigen in der letzten Reihe endlich begriffen. Hut ab! Antworten
Wen ich die YouTube-Filmchen betrachte, so schockiert mich vor allem, wie die Sicherheitsleute immer wieder mit den Füssen auf den bereits am Boden liegenden Muntazer eintreten. Das ist nicht nur ein unnötiger massiver Übergriff, sondern stützt auch die Folterbefürchtungen. Doch darüber habe ich bis jetzt noch nichts gelesen. Antworten
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.




