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Der Traum vom Wintermärchen in Afrika

Die Fussballweltmeisterschaft in Südafrika hilft dem Kontinent, den historischen Minderwertigkeitskomplex zu überwinden.

Afrika erhebt sich: Ein Frauenfussballteam aus Tansania macht Aufwärmübungen.

Afrika erhebt sich: Ein Frauenfussballteam aus Tansania macht Aufwärmübungen.
Bild: Keystone

Wer je einem kleinen Buben irgendwo in Afrika einen Fussball geschenkt hat, vergisst diese grossen Augen nicht mehr. Auch nicht, wie der Knirps mit seinen dünnen Armen zum ersten Mal einen Ball aus echtem Leder festhielt. Und wie er ihn dann stolz zum Dorfplatz trug, wo seine Freunde spielten, barfüssig und mit einem Knäuel aus Papier und Schnur. Das ist Glück, pures Glück.

Kinder – wie Erwachsene – sind glücklich, wenn sie spielen. Kein Spiel ist so einfach wie Fussball, und deshalb ist auch kein Spiel so verbreitet in Afrika. Und es gibt wohl kein Dorf auf dem ganzen Kontinent, in dem nicht irgendwo Fussball gespielt wird. Zum Glück des Spiels gehört es, dass man vergisst, was rundherum ist. Und in Afrika ist das oft Not, Hunger und Elend. Gleichzeitig träumen die kleinen Kicker auf dem Dorfplatz vom Leben eines Didier Drogbas aus der Elfenbeinküste oder eines Samuel Eto'os aus Kamerun, die im fernen Europa bei Chelsea und Inter Mailand zu Ruhm und Reichtum gelangt sind.

Kriege, Krisen – aber Fussball!

Nun kommen diese Helden zurück nach Afrika. Und mit ihnen die besten Fussballer der Welt. Freuen sich die Fans hier auf die Weltmeisterschaft wie kleine Kinder auf Weihnachten, so ist die WM für die Afrikaner Weihnachten, Ostern und Geburtstag miteinander. 50 Jahre sind vergangen seit dem «afrikanischen Jahr» 1960, als die Entkolonialisierung ihren Höhepunkt erreichte und 17 Staaten unabhängig wurden. Die Hoffnungen von damals haben sich zerschlagen. Vieles lief schief, Kriege, Krisen und Katastrophen prägen unser Afrikabild. Doch es gibt auch Erfolgsgeschichten. Und eine der grössten ist der Zuschlag an Südafrika, die WM 2010 durchzuführen.

Wenn in einem Monat der weltweit grösste Sportanlass beginnt, ist das ein grosser Augenblick für den ganzen Kontinent. Dabei spielt es nur eine untergeordnete Rolle, ob das eigene Land in Südafrika dabei sein wird. In nicht qualifizierten Ländern wie Burkina Faso, im Kongo oder im Sudan ist die WM ebenso ein Thema wie beim Gastgeber und den afrikanischen Teilnehmern Algerien, Elfenbeinküste, Ghana, Kamerun und Nigeria.

Ein kontinentales Fieber

Als der Weltfussballverband Fifa auf seiner Welttournee mit dem Pokal in der kenianischen Hauptstadt Nairobi haltmachte, wollten Zehntausende die Trophäe sehen. Aber nicht nur in den Städten, auch in den zahllosen Dörfern, wo es weder Lederfussbälle noch Farbfernseher noch Paninibildchen gibt, fiebern die Menschen dem Grossereignis entgegen. Wer wie spielt, erfahren sie immer.

Stadien statt Spitäler

Skeptiker weisen regelmässig darauf hin, dass Südafrika zu viele Infrastrukturprobleme habe, um einen solchen Anlass durchzuführen. Vor allem würden Stadien, Strassen und Hotels nicht rechtzeitig fertiggestellt. Tatsächlich liegt Südafrika beim Human-Development-Index, womit die Entwicklung in allen Ländern der Welt gemessen wird, auf Rang 129 der 182 untersuchten Staaten. Alarmierend ist auch die grassierende Korruption oder der Befund, dass 42,9 Prozent der Südafrikaner mit weniger als zwei Dollar pro Tag aus-kommen müssen. Ganz zu schweigen vom restlichen Afrika, wo es noch düsterer aussieht.

Deshalb lässt sich zu Recht darüber streiten, ob man nicht besser in Schulhäuser und Spitäler investiert hätte als in Stadien. Zumal die Fifa – und nicht das Gastgeberland – die Dollarmilliarden einstreicht. Die WM bietet den Afrikanern aber zumindest eine Chance, den durch Sklaverei und Kolonialismus verursachten historischen Minderwertigkeitskomplex zu relativieren oder gar abzulegen. Und sei es nur für die vier Wochen des Turniers. Die Fifa kann ihren Teil dazu beitragen, indem sie die vielen unverkauften Tickets massiv verbilligt, damit auch weniger begüterte Fans im Stadion dabei sein können.

Die Erfahrung eines erfolgreich durchgeführten Grossanlasses könnte das Selbstvertrauen Südafrikas und des gesamten Kontinents steigern. Und wird der Sport gar zum Motor eines sozialen Wandels, käme dies langfristig der Wirtschaft und damit auch dem Bildungs- und Gesundheitswesen zugute: die Fussball-WM als «nation building» und «continent building» in einem.

Gleichzeitig hat der Rest der Welt die Chance, eigene Vorurteile abzubauen. «Die WM ist eine grosse Möglichkeit für Afrika, um zu zeigen, dass es sich ungeachtet der Schlagzeilen gebessert hat», schrieb Kofi Annan, der ehemalige UNO-Generalsekretär aus Ghana im britischen «Guardian». Nicht ganz zu Unrecht bezeichneten die Südafrikaner die äusserst kritische Vorberichterstattung in den westlichen Medien als latent rassistisch und wiesen darauf hin, dass auch vor dem Turnier in Deutschland nicht alles perfekt gelaufen war.

Das Glück der Deutschen

Als vor vier Jahren die WM jedoch angepfiffen wurde, strahlte die Sonne, das Heimteam spielte erfolgreich und die Fans feierten ein vierwöchiges Volksfest – ohne nennenswerte Zwischenfälle, insbesondere ohne Terroranschläge. Das Turnier 2006 geriet zum «deutschen Sommermärchen»: Jener europäische Staat mit dem längsten Schatten der Geschichte erfand sich neu als gastfreundliches, fröhliches und tolerantes Land, das von allen geliebt wurde.

Denselben Erfolg, resultierend aus Glück und Können, wünscht man Südafrika. Zwar verfärben sich am Kap der guten Hoffnung derzeit die Bäume, und es wird merklich kühler. Aber weshalb sollten wir nicht ein afrikanisches Wintermärchen erleben? Es würde auf jedem Dorfplatz des Kontinents noch lange weitererzählt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2010, 22:38 Uhr

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