Ausland
Der zweite Tod der Mönche
Von Oliver Meiler, Marseille. Aktualisiert am 14.12.2009
Stichworte
Der Nebel verzieht sich mit jedem freigegebenen Geheimdossier etwas mehr. Es ist der Nebel, welcher über Tibéhirine hängt. So heisst der Ort in Algerien, eine Autostunde südlich von Algier, wo 1996 sieben Mönche aus ihrem Kloster «Notre Dame de l'Atlas» entführt und zwei Monate später hingerichtet wurden. Angeblich von Islamisten, mitten im Krieg zwischen den Groupes Islamiques Armés, den berüchtigten GIA, und Algeriens Armee. Nichts schien damals plausibler als die Tat von Terroristen, und die Welt war erschüttert über das Schicksal der Trappisten, diesen katholischen Geistlichen eines asketischen und abgeschieden lebenden Ordens, die in dem zerrissenen Land ausgeharrt hatten, um der Bevölkerung zu helfen. Ihre Ermordung galt als Fanal für den Hass der Islamisten auf den Westen. Lange vor dem 11. September 2001.
Eine völlig neue Geschichte
Je mehr nun hinter dem Nebel sichtbar wird, desto verstörender mutet der Fall an. In Frankreich kommen in diesen Tagen Einzelheiten ans Licht, die weder Algerien noch Frankreich schmeicheln. Es scheint, als hätten die beiden historisch und emotional eng verbundenen Länder die Wahrheit über den Tathergang und über die Täter komplizenhaft verheimlicht. Offenbar starben die Mönche nämlich nicht durch das Schwert der GIA, wie es die Ministerien behaupteten, sondern bei einem Lufteinsatz der algerischen Armee – getroffen von Soldaten, die aus Helikoptern auf sie schossen. Geköpft wurden die Mönche wahrscheinlich erst, als sie schon tot waren – um die offizielle Version zu stützen. Der Pariser Untersuchungsrichter Marc Trévidic prüft zurzeit Dutzende Dossiers aus jener Zeit, die ihm das französische Innen-, das Aussen- und das Verteidigungsministerium vor einigen Wochen erst zugestellt haben. Aus Algier kommt nichts. Es sind Dokumente, die mit dem Siegel der Geheimhaltung versehen waren. Aus Staatsräson. Mit diesem Material lässt sich die Affäre nachzeichnen und neu erzählen.
27. März 1996: Die sieben Mönche werden entführt. Der Verdacht fällt auf die GIA, die seit vier Jahren in der Region um das Kloster ihren Terror säen, Dörfer überfallen, Militärs in Hinterhalte locken und viele Menschen töten.
18. April: Die GIA bekennen sich in einem ersten Communiqué zur Entführung. Sie drohen mit Ermordung.
21. Mai: Die GIA drohen erneut. Die algerischen Streitkräfte versichern dem besorgten Orden und dem französischen Staat, dass sie keine Militäroperation planten zur Befreiung der Geiseln.
30. Mai: Gendarmen finden auf einem Feld einen Sack mit den sieben Köpfen der Mönche. Die GIA bekennen sich in einem Communiqué zur Tat. Gezeichnet: Djamel Zitouni, Emir der Gruppe.
Die Körper der getöteten Trappisten wird man nie finden. Es werden auch keine Fotos der Köpfe gemacht – aus Respekt vor der Würde der Geistlichen, wie der algerische Aussenminister dem französischen Botschafter in Algier erklärte. Die Überreste der Mönche wurden rasch bestattet. Der Orden erwirkte jedoch einige Wochen später eine Exhumierung. In den plombierten Särgen, vorgesehen für die Leichen, lagen nur deren Köpfe in fortgeschrittener Verwesung.
Dann wurde es still um den Fall. Bis 2003, als die Angehörigen der Mönche, die immer an der offiziellen Version gezweifelt hatten, eine Klage gegen Unbekannt einreichten. In Paris begann eine Untersuchung. Doch erst im Juli 2009 kam Bewegung in den Fall. Ein französischer General im Ruhestand meldete sich. François Buchwalter war von 1995 bis 1998 Militärattaché der französischen Botschaft in Algier. Er erzählte dem Ermittler, dass er von einem Offizier der algerischen Armee erfahren habe, dass die Mönche im Kugelhagel des Militärs starben – aus Versehen sozusagen. Als die Luftwaffe die Zone überflog, in der die Geiseln und deren Entführer vermutet wurden, habe sie in der Tiefe, weitab von aller Zivilisation, einige Zelte ausgemacht. Und diese heftig beschossen.
Die Rätsel um Djamel Zitouni
Buchwalter behauptete, er habe darum so lange geschwiegen, weil ihm der damalige Botschafter, sein Chef, gesagt habe, er dürfe nicht über die Affäre reden. Die ohnehin angespannten Beziehungen zwischen Algier und Paris stünden auf dem Spiel. In Frankreich war damals die Sorge gross, dass die Terroristen erneut Ziele in Frankreich angreifen könnten. Wie im Sommer 1995, als die GIA eine Welle von Bombenanschlägen verübt hatten auf dem Boden der ehemaligen Kolonialmacht. Als Drahtzieher hinter der Terrorwelle galt Djamel Zitouni.
Frankreichs militärischer Geheimdienst schrieb am 4. Juni 1996, also kurz nach dem Fund der Köpfe: «Der tragische Ausgang der Entführung der sieben Mönche wirft viele Fragen auf, auf die wir keine Antworten haben. Sie betreffen vor allem die Identität der Entführer und der Mandanten, den genauen Zeitpunkt und die Umstände der Ermordung, den Ort des Verstecks und eventuelle Militäroperationen, die womöglich zum Tod der Geiseln geführt haben.» Mit anderen Worten: Alles war mysteriös, nichts gewiss. Trotzdem bestanden beide Staaten – Algerien und Frankreich – wortreich auf der Version einer Hinrichtung durch Islamisten.
Rondot in Algerien
Im Material, das Untersuchungsrichter Trévidic nun zugänglich gemacht wurde, findet sich mit einiger Konstanz die immergleiche Frage von französischen Ministern, Diplomaten und Spionen: Wie steht der algerische Geheimdienst zu den GIA? Frankreichs Chefspion jener Zeit, General Philippe Rondot, vermutet in seinen Notizen vom April 1996, also kurz nach der Bekanntgabe der Entführung, dass die Sécurité militaire den Chef der Terroristen, Djamel Zitouni, nach Belieben «manipulieren» könne. Rondot hielt sich damals in Algier auf. Sein Verdacht ist nicht neu.
Er stärkt die umstrittene These, wonach der Krieg in Algerien ein «schmutziger Krieg» mit wechselnden Fronten und unheiligen Allianzen war. Mindestens ein Teil der GIA galt als infiltriert vom Geheimdienst, als teuflisches Instrument des Regimes.
Wenn dem so war: Kann es sein, dass das algerische Regime die Entführung der Mönche zuliess, um die Islamisten zu spalten und sie in den Augen der algerischen Bevölkerung und im Ausland endgültig zu diskreditieren? War der Tod der Geistlichen wirklich ein Unfall, den es zu vertuschen und zu maskieren galt?
Eine dilettantische Fälschung?
Die Geschichte bietet viele Fragen dieser Art, die den Blick der Algerier auf die Dekade des Terrors und des Kriegs verändern könnte. Alte Gewissheiten geraten ins Wanken. Nicht zuletzt auch deshalb, weil das Bekennerschreiben der GIA nach dem Tod der Mönche sehr auffällige Anomalien aufwies.
Die Zahlen zum Beispiel waren in einer Schrift verfasst, welche die Terroristen sonst nie gebrauchten. Es fehlten auch die obligaten Zitate aus dem Koran. Und die Erkennungssymbole waren falsch gesetzt. Für die französischen Experten war das Communiqué gefälscht. Auf dilettantische Art.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.12.2009, 04:00 Uhr
Ausland
- 23:28Muslimbrüder sind siegesgewiss
- 11:17Plant Berlusconi einen Anlauf mit neuer Partei?
- 06:36Mob wirft Steine auf Präsidentschaftskandidaten
- 06:23Unterstützte der Bieler Gymnasiast eine Terrorgruppe?
- 23.05.2012Grosser Andrang vor ägyptischen Wahllokalen
- 23.05.2012«Dieses Ungleichgewicht zerstört die Europäische Union»
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.




