Ausland
Die Elektroschrott-Schande
Von Martin Läubli. Aktualisiert am 22.02.2012 8 Kommentare
Das Herz des Handels: Elektro- und Elektronikgeräte in Westafrika.
(Bild: TA-Grafik ek / Quelle: Unep)
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Kinder spielen auf rauchenden Abfallhalden, im giftigen Dunst suchen die Eltern nach Altmetallen. Sie riskieren ihre Gesundheit für erbärmlich wenig Geld. Mathias Schluep kennt diese Plätze und die menschlichen Tragödien dahinter. Der Forscher des Eidgenössischen Instituts für Materialforschung (Empa) in Dübendorf reist regelmässig nach Afrika. Er erzählt von Agbogbloshie, dem berüchtigten Markt in Accra, der Hauptstadt Ghanas. Dort verbrennen Buben und Mädchen Kunststoffkabel von Elektrogeräten, um ein wenig Kupfer zu gewinnen. Der Forscher erinnert sich an grosse Feuer in der Nacht. «Die Menschen zünden grosse Haufen von Computerrückwänden an, um das Abfallvolumen zu verringern.» An die giftigen Dämpfe denkt niemand. Das Verbrennungsprodukt Dioxin, so steht es im eben erschienenen UNO-Bericht, wurde in Accra in der Muttermilch nachgewiesen. Die Ursache dafür sei auch auf die gefährliche Recyclingpraxis zurückzuführen.
Mathias Schluep gehört zu den Hauptautoren des UNO-Berichts. Mit seinem Team machte er während mehrerer Jahre Felduntersuchungen in den Vororten von westafrikanischen Städten – in Nigeria, Ghana, Benin, der Elfenbeinküste und in Liberia. Besonders im Visier waren die nigerianische Hauptstadt Lagos sowie Accra. Hier ist das Herz des Handels mit gebrauchten Elektro- und Elektronikgeräten in Westafrika. Kleinhändler und mittelgrosse Unternehmen kaufen vor allem auf dem Markt von Alaba in Lagos Gebrauchtgeräte, und auf dem Markt Agbogbloshie in Accra decken sich Rohstoffhändler mit Altmetallen ein. In diesen Städten sind die Häfen, die Containerschiffe vor allem aus Europa ansteuern, bis zum Rand voll mit gebrauchten Computern, Radios, Handys und Kühlschränken.
Zehntausende Arbeitsplätze
Die Reparatur und Auffrischung von gebrauchten Elektro- und elektronischen Geräten ist in Westafrika wie auch in anderen Staaten auf dem Kontinent zu einer gut organisierten Branche geworden. Mehr als 30'000 Menschen leben zum Beispiel allein auf den Märkten in Accra und Lagos vom Recycling und Handel gebrauchter Elektrogeräte. Viele Kleinunternehmer bilden zudem Lehrlinge aus und unterstützen diese finanziell, damit sie später selbstständig ein Geschäft aufmachen können. Allerdings sind diese Händler bisher schwer zu erfassen, weil sie auf sogenannten informellen Märkten arbeiten. Das heisst: Sie sind behördlich nicht registriert und zahlen keine Steuern.
Die meisten sind auch keine grossen Profiteure des Recyclingmarktes. Viele Migranten aus den ländlichen Gebieten versuchen in den Vorstädten ihr Glück mit dem Gebrauchthandel und dem Verkauf von Rohstoffen wie Kupfer oder Aluminium aus Elektrogeräten. Aber ein beträchtlicher Teil dieser Händler in Ghana und Nigeria lebt laut UNO-Bericht unter der definierten Armutsgrenze von 1.25 Dollar Einkommen pro Tag.
Rasch wachsende Branche
Die Recycling- und Reparatur-Branche in Afrika wächst rasant. Die Entwicklungsländer wollen den Vorsprung der Industriestaaten in den Informations- und Kommunikationstechnologien weiter wettmachen. Die Verbreitung des Personal Computer, so heisst es im UNO-Bericht, ist in den letzten 10 Jahren um den Faktor 10 gewachsen, die Zahl der Handys sogar um das Hundertfache. Dieser unbändige Konsum wird das Abfallproblem weiter verschärfen. Bereits heute stammen 85 Prozent des Abfalls vom inländischen Verbrauch neuer und gebrauchter Elektro- und Elektronikgeräte. Dazu kommt der Elektroschrott aus dem Import. In Ghana zum Beispiel stammen etwa 85 Prozent des Imports neuer und gebrauchter Elektroware aus einem europäischen Herkunftsland, wie die Empa-Forscher bei Container-Untersuchungen im Jahr 2010 feststellten. Der Rest kommt vor allem aus Asien und Nordamerika. Hauptexporteur ist Grossbritannien, gefolgt von Frankreich und Deutschland.
Rund ein Drittel der Gebrauchtwaren müssten laut der UNO-Konvention von Basel als illegal deklariert werden: Sie waren nicht mehr funktionstüchtig und sind gemäss der Basler Übereinkunft Elektroschrott. Die Konvention regelt den grenzüberschreitenden Transport gefährlicher Abfälle und ihre Entsorgung. Insgesamt importierten die untersuchten fünf westafrikanischen Staaten während der letzten Jahre laut Schätzungen der UNO jährlich 250'000 Tonnen Elektroschrott. «Das entspricht etwa 5 Prozent des Schrottaufkommens in der EU», sagt Empa-Forscher Schluep. Und das Importvolumen steigt weiter an.
Eine seriöse Kontrolle des Frachtguts scheint in den Häfen, wo die Elektrogüter Europa verlassen, nicht möglich zu sein. Zwar gibt es zum Beispiel im Hafen von Antwerpen speziell für die Ausfuhr elektronischer und elektrischer Geräte ausgebildete Zollbeamte. Trotzdem, so heisst es im UNO-Bericht, beklagten die Zöllner in Antwerpen und auch in Amsterdam, dass es an Personal und Finanzen fehle, um problematische Frachten sorgfältig zu kontrollieren. Bei der Deklaration der Fracht kommt erschwerend hinzu, dass dieses sogenannte illegale Gut nicht immer Schrott sein muss. «Oft funktioniert ein Computer nicht, weil ein Kabel ausgerissen ist», sagt Mathias Schluep.
Ghana und Nigeria wollen Gesetze erlassen
Die Hälfte des «illegalen» Imports werde in den afrikanischen Ländern repariert und sei danach meistens für einige Jahre wieder einsatzfähig. «Für das Reparaturgewerbe in diesen Ländern ist dies an und für sich eine gute Sache», sagt Schluep. Die Händler in Europa, meistens ebenfalls Afrikaner, hätten kein Geld, um die ausgedienten Geräte vorher auf ihre Funktionstüchtigkeit zu prüfen. «Das überlassen sie den Händlern in Afrika», sagt Schluep. Regierungen wie Ghana und Nigeria haben das damit verbundene Problem der Entsorgung erkannt und wollen nun Gesetze erlassen, um den Import und das Recycling besser zu kontrollieren. Wie das bei so vielen informellen Märkten umgesetzt werden soll, weiss allerdings niemand.
Die UNO warnt in ihrem Bericht davor, eine Hightech-Recycling-Industrie in diesen Ländern aufzubauen. Dafür fehle die Infrastruktur und das Wissen. «Ein Anfang wäre schon, wenn die Geräte fachgerecht auseinandergenommen würden», sagt Schluep. Um das begehrte Gold aus den Leiterplatten von Computern herauszulösen, brauche es jedoch Hightech-Anlagen.
Das Gleiche gilt für die Seltenen Erden wie Palladium oder Indium in Handys, deren Recycling wegen der knappen Ressourcen künftig eine wichtige Rolle spielt. «In diesem Fall ist es wichtig, dass die afrikanischen Händler einen Zugang zum Handel erhalten, um solche Leiterplatten an die entsprechenden Unternehmen in den europäischen Ländern verkaufen zu können.» Die UNO empfiehlt zudem, dass für den Aufbau von Recyclingsystemen in Afrika künftig Importeure und Hersteller verantwortlich sein müssten, wie das in der Schweiz seit langem der Fall ist.
Schweiz gibt Erfahrungen weiter
Die Schweiz gehört diesbezüglich denn auch neben den Niederlanden und Deutschland zu den aktivsten Ländern: «Wir sind Pioniere in der Abfalltrennung. Unsere Erfahrung wollen wir international weitergeben», sagt Martin Saladin vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Dieses engagiert sich mithilfe der Empa seit 2004 mit Entsorgungsprogrammen in Staaten, wo der Elektroschrott zum akuten Problem geworden ist. Seine Erfahrung in Indien, China, Südafrika und Peru flossen in die sogenannte StEP-Initiative.
Wer bei dieser internationalen Übereinkunft mitmacht, verpflichtet sich, die gewonnenen Erkenntnisse an andere, ärmere Länder weiterzugeben. In Peru wird derzeit ein Werkhof für Abfall gebaut, wo Elektrogeräte recycelt werden. «Es liegt im Interesse aller, in den Entwicklungsländern Recyclingsysteme aufzubauen, sonst verschwindet ein beträchtlicher Teil knapper Rohstoffe durch den Secondhandhandel», sagt Empa-Forscher Schluep. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.02.2012, 18:10 Uhr
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8 Kommentare
das wäre für einmal eine höchst sinnvolle Aufgabe für unsere Recycling-Industrie etwas Know-How weiterzugeben, welches Leben schützt. Man könnte sich für einmal auch vorstellen, dass diese Ausbildungen durch die Schweiz auch ausnahmsweise Mal mit etwas Entwicklungsgeldern finanziert würden. Hier würde man für einmal in wertvolle Nachhaltigkeit investieren. Antworten
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