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Die Gefahr, die von den Tuareg ausgeht

Von Johannes Dieterich. Aktualisiert am 04.10.2011 25 Kommentare

Das Nomadenvolk sieht sich nach dem Ende der Herrschaft Ghadhafis in einer prekären Lage. Das könnte eine Welle der Gewalt auslösen – über Libyen hinaus.

Tuareg versammeln sich zu einem Fest zum Ende der Regenzeit, unweit der Stadt Agadez im Zentrum des Niger.

Tuareg versammeln sich zu einem Fest zum Ende der Regenzeit, unweit der Stadt Agadez im Zentrum des Niger.
Bild: Reuters

Ghadhafis Geburtsstadt bleibt umkämpft

In Libyen haben Truppen der Übergangsregierung einen Vorort von Sirte, der Geburtsstadt Muammar al-Ghadhafis, eingenommen. Die Kämpfer hätten sich am Montag im Stadtteil Buhadi Gefechte mit Ghadhafi-Getreuen geliefert, berichtete ein Reuters-Reporter. Noch immer gingen die Soldaten der Übergangsregierung gegen Widerstandsnester vor.

Das Rote Kreuz hatte am Samstag trotz andauernder Kämpfe Medikamente in die Stadt gebracht. Eine Sprecherin sagte, die Lage vor Ort sei «schrecklich», wegen der Kämpfe sitzen in Sirte viele Menschen fest, deren Versorgung immer schwieriger wird.

Hunderten Zivilisten gelang die Flucht vor den Kämpfen. Um deren Sicherheit zu gewährleisten, rief die Übergangsregierung einen zweitägigen Waffenstillstand aus. Kämpfer der Regierung berichteten Reuters, Nato-Flugzeuge hätten Flugblätter abgeworfen, auf denen die Bewohner der Stadt zur Flucht aufgefordert wurden. Sirte ist eine von zwei Ghadhafi-Hochburgen, die noch nicht unter Kontrolle der Übergangsregierung stehen.

Kritik der Militärs an Jibril

Der libysche Übergangsrat hat seinen Regierungschef Mahmud Jibril im Amt bestätigt und gleichzeitig einige Mitglieder des Kabinetts ausgewechselt. In Benghasi sagte am Montag der Vorsitzende des Übergangsrates, Mustafa Abdul Jalil, die neue Übergangsregierung werde «in einem Monat» gebildet, «nachdem wir offiziell die Befreiung verkündet haben».

In den vergangenen Wochen hatten einige Militärkommandanten der Rebellenarmee und Oppositionelle aus der Stadt Misrata Kritik an Jibril geübt. Der Ökonom hatte nach Beginn des Aufstandes gegen Ghadhafi international mit grossem Erfolg um Unterstützung für die Aufständischen geworben. Einige seiner Kritiker sagen nun, andere Libyer hätten einen grösseren Preis bezahlt als er. Sie hätten daher mehr Anrecht auf das Amt des Vorsitzenden.
(TA/Agenturen)

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Das grosse Fest der Nomaden

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Mit Schminke, Schmuck und Kamelrennen feiern die Tuareg und die Wodaabe in Niger drei Tage lang das Ende der Regenzeit.

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Ein erster Showdown wurde gerade noch abgewendet, als Vertreter des libyschen Nationalen Übergangsrats und Führer des Wüstenvolks der Tuareg Ende vergangener Woche in der Oasenstadt Ghadames einen Friedensvertrag unterzeichneten. Doch die nach mehreren blutigen Zusammenstössen getroffene Übereinkunft kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Entmachtung Muammar al-Ghadhafis ein neues Sicherheitsproblem heraufbeschworen hat: Die nicht nur in Libyen lebenden Tuareg könnten zur Destabilisierung der gesamten Region beitragen, fürchten Experten.

Grund für die Sorge ist das spannungsvolle Verhältnis zwischen dem rund fünf Millionen Menschen zählenden Nomadenvolk und den fünf Staaten, auf deren Territorien verteilt sie leben: Libyen, Algerien, der Niger, Mali und Burkina Faso.

In Sirte kämpfen auch Nomaden

Noch nie hatten sich die Tuareg in den nach der Kolonialzeit gebildeten Nationalstaaten wirklich aufgehoben gefühlt: Im Niger und in Mali führten sie in den 70er- wie Anfang der 90er-Jahre regelrechte Kriege, um ihrer Forderung nach Unabhängigkeit oder zumindest mehr Autonomie Nachdruck zu verleihen. Unterstützt wurden sie in ihrem Kampf von Libyens Revolutionsführer Muammar alGhadhafi, der die Tuareg als Faustpfand seiner hegemonialen Absichten benutzte. Die Saharabewohner dankten es dem «Führer» mit einer Loyalität, die er von kaum einem anderen Volksstamm erwarten konnte: Beim derzeitigen Endkampf in Sirte sollen mindestens 500 Tuareg auf der Seite der Ghadhafi loyalen Truppen kämpfen, Tausende junger Wüstenbewohner aus Mali und dem Niger liessen sich seit Beginn des libyschen Aufstands als «Söldner» rekrutieren. Zudem kursieren Gerüchte, wonach Ghadhafi selbst unter den an der Grenze zu Algerien lebenden Tuareg Unterschlupf gefunden habe.

Die Tuareg bildeten einst das Rückgrat der «Islamischen Legion» Ghadhafis, nach deren Auflösung 1987 wurden viele der Kämpfer eingebürgert und in die libyschen Eliteeinheiten übernommen. Tausende von Tuareg arbeiteten auch in den Erdölfeldern im Süden des Landes, und selbst für politische Ämter soll der «brüderliche Führer» die einstigen Nomaden vorgezogen haben. «Libyen ist das Land der Tuareg, ihr Fundament und ihre Stütze», sagte Ghadhafi vor sechs Jahren.

In die Heimat zurückgekehrt

Der Oberst zeigte sich gegenüber seinen Schützlingen auch grosszügig: In Agadez, der heimlichen «Hauptstadt» des Nomadenvolks im Norden des bettelarmen Nigers, finanzierte er den Bau von Moscheen, eines Flughafens und liess Strassen modernisieren. Zum Dank sind Porträts des selbst ernannten «Königs der Könige Afrikas» in Agadez noch heute allgegenwärtig. Nach dem Zusammenbruch seiner Herrschaft sehen sich die Tuareg nun in einer höchst prekären Lage. Wer in Libyen bleibt, wird von den neuen Herren als Büttel der alten Machthaber angefeindet: Unter den Opfern der ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Libyen befinden sich auch zahlreiche Tuareg. Viele ehemalige Söldner oder Gastarbeiter sind deshalb in ihre Heimat – vor allem nach Mali und in den Niger – zurückgekehrt, wo sie jedoch keine Arbeit finden und auf Almosen angewiesen sind.

Die Rückkehr der enttäuschten Tuareg könne eine neue Welle der Gewalt auslösen, wird in der malischen und der nigrischen Hauptstadt, Bamako und Niamey, befürchtet. Vor allem die junge Regierung in Niamey tritt deshalb äusserst vorsichtig auf, wenn es um libysche Angelegenheiten geht: Einem Ersuchen der neuen Machthaber in Tripolis, den in den Niger geflohenen Ghadhafi-Sohn Saadi auszuliefern, werde auf keinen Fall nachgekommen, hiess es jüngst in Niamey. Obwohl der Niger einer der ersten afrikanischen Staaten war, die den Nationalen Übergangsrat anerkannten, kann sich seine Regierung nicht leisten, die fast zwei Millionen Tuareg im Land zusätzlich vor den Kopf zu stossen.

Schwere Waffen zurückgelassen

Andere, vor allem westliche Beobachter haben eine weitere Furcht. Viele der aus Libyen zurückgekehrten Tuareg haben offenbar ihr zum Teil schweres militärisches Gerät in der Wüste zurückgelassen – wo es nun von den in der Region operierenden Al-Qaida-Mitgliedern aufgegriffen werden könnte. EUAntiterrorkoordinator Gilles de Kerchove warnte davor, dass den Terroristen auf diese Weise sogar Boden-LuftRaketen in die Hände fallen könnten. Das würde eine akute Gefahr für die zivile Luftfahrt bedeuten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.10.2011, 07:25 Uhr

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25 Kommentare

Dario Dirossi

04.10.2011, 08:49 Uhr
Melden 47 Empfehlung

Warum werden wir ständig mit letzte-Schlacht-Geschichten aus Sirte gefüttert? Warum haben die Westmedien aufgehört, über Bani Walid zu sprechen? Warum versteckt sich die NTC "Regierung" in Benghazi? Warum haben Cameron und Sarkozy Tripolis-Airport nicht verlassen? Wo sind die Bilder des friedlichen, back-to-normal Tripolis? Warum werden wir hier im Westen von den Medien permanent angelogen? Antworten


Zoran Tomic

04.10.2011, 07:58 Uhr
Melden 31 Empfehlung

NATO hat in Libyen einen schlimmen Bürgerkrieg entfacht und eine dubiose Gruppe von Ex-Gaddafi Gefolgsleuten und Islamisten an die Macht gebombt, um ein sehr reiches, schuldenfreies Land zu beherrschen. Tuareg verdanken Gaddafi viel und unterscheiden sehr voll zwischen Fakten und westlicher Propaganda. NATO Staaten lassen den Hungertod in Afrika zu und bomben, um angeblich Zivilisten zu schützen. Antworten



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