Ausland
Die Jagd auf Albino-Körperteile
Peter Steward liebt nicht nur seine eigene Tochter, wie auf dem Platz vor seinem Wohnhaus am späten Nachmittag deutlich wird. Bei ihm fühlt sich der Nachwuchs aus der ganzen Nachbarschaft wohl. Nur zwei Kinder halten sich betont im Hintergrund. Sikujua (8) und Baraka (13) verharren in einem Hauseingang, ihr Gesichtsausdruck ist ernst, meist blicken sie zu Boden. Aber sie fallen auch sonst auf – durch ihre weisse Hautfarbe: Sikujua und Baraka sind Albinos – weisse Schwarze. Da ihrem Organismus bestimmte Pigmente fehlen, müssen sie sich vor der afrikanischen Sonne hüten.
Diese Empfindlichkeit ist freilich nicht der einzige Grund, warum die Buben den Schatten vorziehen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ein unsichtbarer Graben Schwarz- und Weisshäutige auf Distanz hält. «Kommt schon», ermuntert Peter Steward Sikujua und Baraka und legt seine Arme um ihre Schultern. «Sie sind jetzt meine Söhne.» Steward, früher Arbeitskraft in den Goldminen der westtansanischen Stadt Geita, hat die beiden vor einiger Zeit adoptiert und ihnen damit vermutlich das Leben gerettet.
Körperteile zu guten Preisen
Denn ausgerechnet Tansania, das seit der Unabhängigkeit 1961 als eines der friedlichsten und stabilsten Länder Ostafrikas gilt, ist für Albinos, zumindest in ländlichen Gebieten, lebensgefährlich geworden. Menschenjäger haben die Jagd auf weisse Schwarze eröffnet, weil es sich wirtschaftlich lohnt. Bestimmte Körperteile von Albinos lassen sich zu guten Preisen an Zeitgenossen verkaufen, die im Irrglauben leben, damit über Nacht reich zu werden. Seit Ende 2007 haben die Übergriffe auf alarmierende Weise zugenommen, nach Polizeiangaben sind rund drei Dutzend Albinos auf diese Weise ums Leben gekommen.
Bis zu ihrer Adoption hatten Sikujua und Baraka in einem Nachbardorf gewohnt, es muss nicht sehr angenehm gewesen sein. Erst nach einiger Zeit beginnt der wortkarge Baraka zu sprechen. «Unser Vater ist schon lange tot. Als ich acht war, ist die Mutter fortgelaufen, sie hat uns einfach verlassen.» Peter Steward, damals ihr Nachbar, hatte festgestellt, dass sich die Verwandten kaum noch um die alleine lebenden Buben kümmerten. «Das war wie eine Feindschaft ihnen gegenüber.»
Als im Dorf erste Gerüchte über einen geplanten Angriff auf Sikujua und Baraka die Runde machten, reagierte Steward. «Ihr Leben war gefährdet. Warum man sie umbringen wollte, begreife ich nicht. Ich kann keine Grenze zwischen uns und ihnen ziehen, darum habe ich sie in meine Familie aufgenommen.» Und er versichert: «Hier sind sie in Sicherheit, auch meine Nachbarn würden sie bei Gefahr verteidigen.»
Verhöhnt und benachteiligt
Albinismus, eine weltweit verbreitete Pigmentierungsstörung, hat sich in Schwarzafrika als Fluch für die Betroffenen erwiesen. Sie werden deswegen verhöhnt, gemieden und benachteiligt. Weit verbreitet ist die Vorstellung, Albinos seien unsterblich. Tatsächlich werden nur zwei Prozent der Albinos älter als 40 Jahre, viele sterben an Hauttumoren. Rund 120 Angehörige zählt der Zusammenschluss in Kasamwa bei Geita, Vorsitzender ist der Lehrer Elisha Ngeleja. Er gibt sich kämpferisch: «Wir müssen uns besser organisieren, nur so können wir diese Angriffe abwehren.»
«Meist dringen die Mörder nachts in die Wohngebäude von Albinos ein, sie haben präzise Kenntnisse und wissen ganz genau, was sie wollen», berichtet Ngeleja. Mit beispielloser Brutalität verstümmeln sie ihre Opfer, um sich Haut, Hände, Füsse und weitere Körperteile zu beschaffen. Offenbar geben Nachbarn den Tätern entscheidende Hinweise, aber auch angebliche Freunde und selbst die eigenen Verwandten schrecken Ngelejas Worten zufolge nicht vor Angriffen zurück.
Wehrlose Kinder sind besonders gefährdet. Die 12-jährige Bibiana aus dem 300-Einwohner-Dorf Butundwe wurde mitten in der Nacht überfallen. Albinojäger drangen in das Wohngebäude ein und hackten dem Mädchen ein halbes Bein und zwei Finger ab. Bibiana überlebte, weil die Nachbarn sie umgehend zu einer Krankenstation brachten. Seither von der Nichtregierungsorganisation Nelico betreut, erhielt sie einen Rollstuhl und konnte eine Schulausbildung in der Stadt beginnen.
Mörder unter der Zuhörerschaft
Gleich zu Beginn der Tötungswelle hatte die Regierung die Übergriffe mit deutlichen Worten als Verbrechen bezeichnet, und im September verhängte ein Gericht in Daressalam erstmals wegen Mordes an einem Albinojungen drei Todesurteile. Werden sie denn tatsächlich vollzogen, dient das nach Meinung des tansanischen Politikberaters Jeff Makongo zwar der Abschreckung; das reiche aber längst noch nicht aus. «Die Menschen in den betreffenden Gemeinden müssen davon überzeugt sein, dass es sich um nichts anderes als um Verbrechen handelt. Nur wenn sie sich vorbehaltslos dagegenstellen, kann die Praxis überwunden werden», konstatiert er nüchtern.
Genau dieses Ziel strebt die «New Light Children Centre Organization» an. Sie kümmert sich schon seit Jahren vor allem um die Opfer von häuslicher Gewalt, um Waisen sowie Strassenkinder und erhält dafür seit 2008 finanziellen Beistand vom entwicklungspolitischen Hilfswerk Terre des Hommes Schweiz mit Sitz in Basel.
«Das grösste Problem im Kampf gegen diese Praxis liegt darin, die Menschen in abgeschiedenen Dörfern zu erreichen und zu informieren», sagt die Soziologin und Nelico-Leiterin Paulina Alex. Dass Elisha Ngeleja dort mit seinen engagierten Reden genau den Ton trifft, verdeutlicht der Applaus seiner Zuhörerschaft. Er weiss nur allzu gut, dass unter ihnen auch die Mörder sitzen. Dass seine eindringlichen Worte bei ihnen den gewünschten Sinneswandel auslösen, kann er nur hoffen.
Neues Phänomen
Simeon Mesaki, Anthropologe und Soziologe an der Universität Daressalam, sieht in den Jagden auf weisse Schwarze eine neue Erscheinungsform eines uralten Problems. «Es ist der weit verbreitete Aberglaube, dessen Inhalte im Wesentlichen von den Wunderheilern vorgegeben werden. Bei ihnen liegt auch der Ursprung der Jagd auf Albinos», erklärt Mesaki.
Schon zuvor seien Albinos, als Geister gefürchtet, immer wieder mit Hexerei in Verbindung gebracht und deswegen verfolgt worden. Dass man sie nun umbringe, um sich angeblich Wunder wirkende Körperteile zu beschaffen, wertet Mesaki als neues, bislang unbekanntes Phänomen. Husein Badru ist solch ein Heiler, der in der Goldgräberstadt Geita seine Dienste anbietet. Er verspricht seinen Kunden Linderung sowohl bei physischen als auch psychischen Problemen.
Von Wunderheilern, die mit menschlichen Körperteilen plötzlichen Reichtum versprechen, distanziert er sich ausdrücklich. «Das ist ein Verbrechen und völlig wirkungslos. Ich selbst habe Heiler aufgesucht, die mit Körperteilen handeln, um sie zu überzeugen, damit sofort aufzuhören.» Dieser schwarzen Schafe wegen sei der ganze Berufsstand in Verruf gekommen, klagt Husein Badru. Vor einiger Zeit hat die Regierung allen tansanischen Wunderheilern die Lizenz entzogen. Solange es jedoch genügend Kunden gibt, werden sich gewisse Hexendoktoren darüber hinwegsetzen. Denn durch üppige Goldfunde und Fischzüge zu Wohlstand zu gelangen, gelingt in Tansania nur wenigen Glücklichen.
Irrglaube an Wundermittel
Die meisten Menschen, die sich in diesen Berufen verdingen, arbeiten hart und verdienen nur wenig. Ihr sehnlichster Wunsch, über Nacht reich zu werden, kann nach landläufiger Vorstellung nur mit einem ausgefallenen Zaubermittel erfüllt werden. Dessen Beschaffung müsse riskant und der Preis deswegen hoch angesetzt sein. «Zuvor war das die Schädelhaut glatzköpfiger Männer, jetzt glaubt man an die Wunderwirkung von Albinoknochen. Niemand weiss, wer morgen an der Reihe ist», sagt Mesaki.
Der Wissenschaftler verweist auf die Entwicklung Tansanias, das bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion an den Ostblock angelehnt war. Erst 1995 hatte die Regierung dem 41 Millionen Einwohner zählenden und über 940 000 Quadratmeter grossen Land die Marktwirtschaft verordnet. Seither könne die Bevölkerung immer wieder beobachten, wie wenige Tansanier mit ihren Geschäften zügig zu Millionären aufsteigen. Ohne Wundermittel ist das nach allgemeiner Einschätzung unmöglich. Und genau dieser Irrglaube begünstigt Mesakis Worten zufolge jene «witch doctors», die mit der Zeit gehen und den Kunden mit Albino-Körperteilen den plötzlichen Reichtum versprechen. (Der Bund)
Erstellt: 28.10.2009, 10:36 Uhr
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