Ausland
Die jungen Iraner protestieren weiter
Reise durch den Gottesstaat: Baden im kaspischen Meer.
Artikel zum Thema
Es ist heiss in Teheran. 43 Grad Celsius im Schatten. Zähflüssig schleicht der Verkehr über mehrspurige Strassen. Und rollen die Kolonnen einmal zügig, dann völlig frei von Verkehrsregeln: das übliche Verkehrschaos. Wie schon vor dreissig Jahren zu Schahs Zeiten, vor Ayatollah Khomeinis islamischer Revolution.
Alltagstrott im Basar
Auch im Basar scheint alles wie vor zwei Jahren: Das Gewusel in den alten, gedeckten Gassen, wo Teheraner ihre täglichen Einkäufe tätigen, und die friedliche Stille der Betenden in der Moschee inmitten des Basars, den auch nicht muslimische Ausländer betreten dürfen. Pünktlich um 21 Uhr, man könnte die Uhr danach richten, schwärmen Dutzende Lastwagen aus: die Müllabfuhr. Mobiltelefone funktionieren, die SMS-Funktion ist jedoch seit Wochen blockiert. Im Internet lassen sich ausser der BBC-Website westliche Zeitungsseiten aufrufen. Ebenso Amnesty International: Am 22. Juli wird über die Verhaftung 36 iranischer Militäroffiziere berichtet, die sich an einer Demonstration mit der Opposition solidarisieren wollten. In Uniform.
Auf den Strassen fällt jedoch auf, dass die Frauen, vor allem jüngere, das obligatorische Kopftuch jetzt mehrheitlich so tragen, dass der Haaransatz über der Stirn bedeckt ist. Galt es doch bis anhin als Zeichen des stummen Protests, das Kopftuch lässig nach hinten zu schieben und möglichst viel und meist gefärbtes Haar zu zeigen – obschon das, besonders im Wiederholungsfall, mit schmerzhaften Geldbussen bestraft wurde. Thaminia Z.*, 22-jährige Philosophie-Studentin sagt: «Die Kleiderfrage ist jetzt nicht so wichtig. Der Wandel, den wir uns durch die Wahlen erhofft hatten, vor allem im Wirtschaftlichen und bei den Frauenrechten, hat Priorität. Da muss sich etwas ändern! Weshalb also mit dem Kopftuch unnötigen Widerstand provozieren?» Sie hat für Mehdi Karroubi, den vielleicht progressivsten Reform-Kandidaten gestimmt.
Zensurierte Zwischenrufe
Jamilah P., 39-jährige Künstlerin mit Studium der islamischen Malerei, gab ihre Stimme dem jetzt als Leitfigur bekannten Mir Hossein Moussavi. Sie sagt: «Die Menschen folgen nicht Moussavi, er folgt den Menschen. Er ist und bleibt ein Teil des Systems. Seine Hände sind zwar relativ sauber, doch ein Führer für die Zukunft ist er nicht.» Sie sei davon überzeugt, bald würden sich neue Führungspersönlichkeiten der Zivilgesellschaft zeigen. Namen? Noch unbekannt. Das erinnert ein bisschen an die unter Schiiten verankerte Hoffnung auf die zeitlich unbestimmte Wiederkunft eines Mahdi, eines Erlösers. Am Tag zuvor (17. Juli) hörte Jamilah P. beim Freitagsgebet die Rede des Ahmadinejad-Gegners und Ex-Präsidenten Hashemi Rafsanjani: «Er sagte, was er als erfahrener Politiker sagen musste, um die Menschen der Opposition und sich selbst zu schützen.» Bemerkenswert sei hingegen, dass Rafsanjanis Vorredner den Reformkräften unverhüllt gedroht habe. Er sei aber ausgebuht, ja sogar mit «Lügner!» tituliert worden. Im Radio, das zeitversetzt sendete, sei das zensuriert worden. Die Zwischenrufe fehlten auch in den Ausschnitten, die das Fernsehen später zeigte. «Die Lage im Iran erinnert mich an die Renaissance Europas, in deren Folge die Trennung von Kirche und Staat gelang», meint Jamilah P. «Das ist unser Ziel. Der Aufstand findet statt, und jede Reaktion des Regimes zeigte bislang seine Verlogenheit. Und die Spaltung des Klerus wurde sichtbar.»
Die junge Generation erwacht
Bei den ersten Demonstrationen war Jamilah P. dabei. Man habe regimetreue Schläger, die eine junge Frau verprügelten, gebeten aufzuhören, es könnte doch die eigene Schwester sein. Ohne Erfolg. «Was diese Leute als unislamisch bezeichnen, hat mit dem Islam nichts zu tun.» Jamilah P. befürchtet, dass wegen der starken Indoktrinierung der Basij-Miliz viel Blut auf beiden Seiten fliessen werde bis zur Trennung von Religion und Staat. Optimistisch bleibt sie trotzdem: «Unmittelbar nach der Wahl war ich traurig. Aber jetzt bin ich, wie so viele, voller Hoffnung. Noch nie habe ich eine solche Solidarität verspürt.» Ihre lang gehegte Absicht, das Land zu verlassen, sei verblasst. «An den Demos rissen wir nicht nur die Kopftücher herunter, wir überwanden die Mauern, die der Staat mithilfe der Religion zwischen uns errichtet hat, und hielten uns die Hände – Männer und Frauen. Ich erlebte, wie eine junge Generation erwacht!» Dennoch: Während wir abends im wohlhabenden Norden Teherans spazieren, dreht sie sich ständig um, aus Angst, ein Spitzel könnte mithören.
Die Trennung von Politik und Religion wünscht sich auch der fromme Masud K. Der schneidige 47-jährige Ex-Militäroffizier nahm als Freiwilliger am Iran-Irak-Krieg (1980–88) teil: «Die möglicherweise neue Revolution wird, wie so oft, ihre eigenen Kinder fressen, dann etabliert sich ein neues korruptes Regime.» Sein Kommentar zur Rafsanjani-Rede: «Ach, das sind doch nur Machtspiele.» Masud K. wandert am liebsten in den Bergen, wo er mit seiner Frau auf langen Touren die Schönheit der Natur des Iran geniesst. Auch ein Händler im Basar, dem wirtschaftlichen Nervenzentrum des Landes, zieht resigniert die Schultern hoch: «Früher machten wir Basarhändler Politik, weil wir Macht hatten. Jetzt sind wir machtlos.»
Das Nationale Juwelen-Museum ist ein beliebtes Besuchsziel für Ausländer und Einheimische, stellt es doch Teile des grandiosen Staatsschatzes aus, darunter die weltgrössten Diamanten. Ein Angestellter meint: «Obschon die Lage ruhig ist, kommen nur wenige Besucher. Sicher annullierten viele Ausländer Iranreisen wegen der aktuellen Situation.» Als sich sein Arbeitskollege nähert, fügt er laut hinzu: «Der Grund für das Fehlen der Touristen ist die starke Luftverschmutzung in Teheran.»
Villen als Liebesnester
Wohl deshalb flüchten an Wochenenden viele Teheraner ans nur 160 Kilometer entfernte Kaspische Meer. Die Fahrt ist ausländischen Korrespondenten in Teheran im Moment verwehrt. An der Strasse durchs schöne Abali-Tal stehen hier und dort Polizisten: Keiner stoppt uns, man jagt Temposünder. In den Kebab-Restaurants entlang der Strasse sind wir willkommen. Auch im Badeort Mahmoud Abad. Auf der Hauptstrasse winken Männer mit Schildern: «Villa zu vermieten». Ein Angebot, das vor allem verheiratete Männer mit ihren Geliebten schätzen, entfällt doch bei der Hausmiete – anders als im Hotel – die polizeiliche Registrierung.
Im warmen Meer plantschen schwarz verhüllte Frauen und Männer in Badehosen. In Strandcafés gibt es Wasserpfeifen, alkoholfreies Bier und bei diskreter Bestellung auch Whisky und Weisswein. Hier treffen wir Hussein T., der nach längerem USA-Aufenthalt vor drei Monaten in den Iran zurückgekehrt ist. «Mir geht es gut, denn egal wer die Regierung stellt, man braucht Spezialisten für die Telekommunikation.» Worin besteht seine Arbeit? «Im Grossraum Teheran stellten wir selektiv den SMS-Verkehr ab», lacht er. «Sie verstehen, damit sich die Opposition nicht so leicht organisieren kann.»
Willkürliches Rauchverbot
Am Strand rauchen junge Frauen und ein Jugendlicher Wasserpfeife. Dürfen Frauen in der Öffentlichkeit rauchen? «Manchmal nein, heute ja. Hier herrscht die reine Willkür!» Genussvoll saugt die Wortführerin am Mundstück und bläst den Rauch trotzig in den Himmel.
Keine Spitzel am höchsten Berg
80 Kilometer östlich von Teheran glänzt im blauen Himmel die weisse Kuppe des höchsten Berges des Orients: Mount Damavand. Mit 5670 Meter Höhe der wahre Höchste des Landes. Im Basislager auf 3000 Meter Höhe gibt es Zelte, Maultiere und alte Sofas vor einem Schiffscontainer, der ein Laden ist: alkoholfreies Bier, iranische Cola, Snacks, ein Samowar für Tee. Daneben steht eine Moschee mit goldener Kuppel. Darunter darf man kostenlos übernachten.
Das Basislager ist ein Treffpunkt einheimischer Wanderer, Kletterer und bergsteigender Studentengruppen. Aus allen Landesteilen des Iran sind sie gekommen – es ist Ferienzeit. Am Berg lässt sich ohne Angst vor Spitzeln diskutieren. Die Idee der Trennung von Politik und Religion gefällt nicht allen. «Das ist ein Konzept Intellektueller in Teheran. Die Religion soll im Staat eine wichtige Rolle spielen», sagt eine 23-Jährige aus der heiligsten iranischen Stadt, aus Mashhad. Doch auch sie verlangt Änderungen, eine Verbesserung der Frauenrechte. Mehr Freiheiten, bessere Arbeitsperspektiven. Das wünschen sich die meisten Studenten. Einzig eine 20-Jährige aus dem Süden, aus Bushehr, wo das fertiggestellte iranische AKW bald ans Netz gehen soll, hat für Ahmadinejad gestimmt: «Dank ihm ist unsere Region im Aufschwung.» Im Berghaus auf 4250 Metern diskutieren sie weiter und schlafen im Massenlager mit seinen 40 doppelstöckigen Betten: Männer und Frauen gemischt.
Flagge mit wichtiger Botschaft
Beim Aufstieg holen uns zwei junge Männer ein. Dunkle Sonnenbrillen, gesichtsverhüllende Schals. Sie entrollen ein grünes Transparent, das sie aber sogleich wieder im Rucksack verstecken. «Wir müssen noch warten und uns akklimatisieren», sagen sie verschmitzt. Keine Stunde später nähert sich uns vom Gipfel absteigend eine 35-köpfige Gruppe Soldaten in Tarnanzügen. Als wir sie kreuzen, flüstert einer der beiden Männer: «Jetzt gehen die wahren Terroristen runter, wir steigen auf.» Seither weht auf dem höchsten Berg des Iran eine grüne Fahne, darauf steht in Farsi und Englisch: «Die Freiheitsbewegung macht weiter».
*Alle Namen geändert
BILDER DANIEL B. PETERLUNGER
Reise durch den Gottesstaat: Junge Iranerinnen rauchen Wasserpfeife am Kaspischen Meer; Sackgasse in Teheran (l.); Baden im Kaspischen Meer (m.); Basislager am Mount Damavand.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.07.2009, 06:18 Uhr
Kommentar schreiben
Ausland
- 23:28Muslimbrüder sind siegesgewiss
- 11:17Plant Berlusconi einen Anlauf mit neuer Partei?
- 06:36Mob wirft Steine auf Präsidentschaftskandidaten
- 06:23Unterstützte der Bieler Gymnasiast eine Terrorgruppe?
- 23.05.2012Grosser Andrang vor ägyptischen Wahllokalen
- 23.05.2012«Dieses Ungleichgewicht zerstört die Europäische Union»
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.




