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Die jungen Kämpferinnen für den neuen Iran
Von Olivia Kühni. Aktualisiert am 22.06.2009 28 Kommentare
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Frauen im Iran
Die Situation der wohlhabenden, intellektuellen und urbanen Frauen beschreibt nicht die Lebenswirklichkeit der Frauen im ganzen Land und über alle Schichten hinweg. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International schreibt dazu:
«Die rechtliche Ungleichbehandlung von Frauen im Iran zieht sich durch alle Lebensbereiche. So ist es Frauen zwar erlaubt, zu wählen und für eine Gemeindevertretung, einen Stadtrat oder das Parlament zu kandidieren. Viele höhere politische Funktionen bleiben ihnen jedoch nach wie vor verwehrt. (...) Obwohl das gesetzliche Mindestheiratsalter für Mädchen bei 13 Jahren liegt, können Väter um Erlaubnis ansuchen, die Heirat vor diesem Alter vorzunehmen. (...) Die Kriminalisierung ausserehelicher sexueller Beziehungen betrifft Frauen viel stärker – die grosse Mehrzahl der Personen, die wegen Ehebruchs zu Tode gesteinigt werden, sind Frauen. (...) Nach ein paar kleineren Erfolgen der Frauenrechtsbewegung kam es gegen Ende der Amtszeit Präsident Khatamis (1997-2005) zu einem schweren Rückschlag.»
An der Seite ihrer Freunde stürmen sie in diesen Stunden die Strassen von Teheran. Schreien ihre Wut hinaus über die mutmasslich gefälschte Wahl Mahmoud Ahmadinejads. Und wenn Mir Hossein Moussavi, der unterlegene Reformer, zu seinen Anhängern spricht, stehen sie zuvorderst – perfekt geschminkt, teuer gekleidet und mit Tüchern im Haar die Schmuck sind statt Schutz: Die jungen, klugen Frauen des Iran, die so wichtig sind für diese Bewegung, die den Iran erschüttert.
Die Kämpferinnen für einen neuen Iran sind starke Frauen. Sie wurden kurz vor oder während einer Revolution geboren, die fortan die Frauen des Landes zähmen sollte: Ihre Aussagen zählen vor Gericht halb so viel wie die eines Mannes, ihr Anspruch auf ein Erbe ist halb so viel wert wie das ihrer Brüder. Bei offiziellen Auftritten müssen sie sich mit dem Tschador bedecken.
Doch unter dieser starren Oberfläche gehen die jungen, städtischen Iranerinnen geschickt und zunehmend wütend ihre Wege. Viele von ihnen stammen aus intellektuellen Familien, mit besonnenen Vätern und gebildeten Müttern, die trotz der islamischen Revolution im Land blieben. Sie sind aufgewachsen in einer Tradition, die in Gedichten die Schönheit und Macht der Frauen besingt. Und sie sind belesen: 70 Prozent der Studenten in Naturwissenschaften und Ingenieurswesen sind Frauen.
Das Kopftuch als laszives Accessoire
Seit langem wissen diese Frauen, wie sie das obligatorische Kopftuch als laszives Accessoire einsetzen, wie sie Männer verführen und Sexualität leben, ohne ihre Jungfräulichkeit zu verlieren, wie sie an Alkohol, an verbotene Bücher oder an Dessous kommen. Doch immer stärker wollen sie und ihre männlichen Altersgenossen die individuellen Freiheiten ganz offen leben – sie haben genug von der Heuchelei, der Doppelmoral, den verschwendeten zwischenmenschlichen und intellektuellen Ressourcen. Die jungen Frauen in den Städten des Iran fordern lautstark die Reform.
Es ist sechs Jahre her, dass eine Iranerin das in westlichen Köpfen viel verbreitete Klischee der schwarz gewandeten, lautlosen, bemitleidenswerten iranischen Frau herausforderte. Shirin Ebadi, Anwältin und Menschenrechtsaktivistin, bekam für ihr Engagement für die iranische Demokratiebewegung den Friedensnobelpreis verliehen. In ihrer nachfolgend erschienen Biografie «Mein Iran» (auf Deutsch im Pendo-Verlag, 2006) erzählte Ebadi von den zermürbenden Quälereien des Regimes, von Gefängnisaufenthalten, Hausarresten und der Angst um ihre Töchter. Sie berichtete aber auch von wissbegierigen, mutigen und hochbegabten Studentinnen, von heimlichen Diskussionsrunden und Demonstrationen.
Die Fussballrevolution der Frauen
Zehn Jahre, bevor Ebadis Buch auf Deutsch erschien, hatten es wütende Frauen bereits einmal über die Zensur hinweg in die Medien des Westens geschafft: 1997 stürmten 5000 Iranerinnen ein Fussballstadion in Teheran, um gemeinsam mit ihren Männern einen Sieg des Nationalteams gegen Australien zu feiern.
Viele mehr schrien in der nachfolgenden kurzen Fussballrevolution gegen die Diskriminierung von Frauen an und forderten ein Ende des Stadionverbots. Ausgerechnet Mahmoud Ahmadinejad war es, der 2006 nachgab und das Verbot aufhob – wenn auch mit dem Argument, Frauen würden für mehr Moral in den Stadien sorgen.
Frau Moussavi spricht
Dass die jungen Kämpferinnen für den neuen Iran heute mit Moussavi fiebern, liegt auch – wenig erstaunlich – an dessen Frau. Zahra Rahnavard trägt den traditionellen schwarzen Tschador, meist nur bescheiden aufgefrischt mit Blumenmustern oder farbigen Tüchern. Ihre öffentliche Rolle beschränkt sich zur Zeit auf die Unterstützung ihres Mannes im Post-Wahlkampf. Sie ist eine religiöse Frau und sie erinnert ihre Zuhörer – oder vielmehr die Zuhörer ihres Mannes – gerne an spirituelle islamische Weisheiten.
Doch Zahra Rahnavard ist auch promovierte Politikwissenschaftlerin, langjährige Dozentin und war einst Beraterin des früheren Reform-Präsidenten Mohammad Khatami. Als Ahmadinejad an die Macht kam, musste Rahnavard ihren Posten räumen. Iranische Frauenrechtlerinnen sind sich nicht sicher, wie progressiv die gläubige Akademikerin tatsächlich ist. Eines aber ist klar: Ihre Rede in Teheran wenige Tage vor der Wahl, in der sie den jungen Iranerinnen im Falle der Wahl ihres Mannes mehr Gleichberechtigung versprach, feuerte die Demonstrantinnen an. «Ich bin hier, um für jemand Neues ein Ja einzulegen», sagte eine sorgfältig geschminkte Teheraner Studentin eine Woche später vor dem Wahllokal elegant in die Kamera von Reuters. «Und ein stärkeres, ein sehr starkes Nein für jemand anders. Sie verstehen.» (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 22.06.2009, 17:17 Uhr
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28 Kommentare
Ich hoffe für die Gerechtigkeit. Oder wie sagt eine Sure im Koran? Allah ist mit den Standhaften! Das sollten die Theokraten vielleicht auch mal zur Kenntnis nehmen.@Nadine Binsberger: Danke für diese Erinnerung! Leider liest man so was in der BaZ eh nie! Zum Glück gibts ja Peter Scholl-Latour. Antworten
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