Die paranoide Angst vor ausländischer Einmischung hat im Iran historische Wurzeln

Von Antonia Bertschinger. Aktualisiert am 29.07.2009

Jahrhundertelang wurde der Iran von fremden Mächten dominiert. Erst von den Briten, später von den Amerikanern.

Britischer Militärposten im iranischen Erdölfördergebiet (1935).

Britischer Militärposten im iranischen Erdölfördergebiet (1935).
Bild: Ullstein

zur Autorin

Antonia Bertschinger war von 2005 bis 2007 Beraterin für Menschenrechtsfragen an der Schweizer Botschaft in Teheran. Zurzeit arbeitet sie zusammen mit Werner van Gent an einem Buch über den Iran.

Die iranische Regierung hat in den vergangenen Wochen wiederholt behauptet, die Proteste seien das Werk ausländischer und insbesondere britischer Agenten. So zeigte das Staatsfernsehen pseudodokumentarische Spots, in denen Männer zu sehen sind, die mit Geld und Waffen von der CIA losziehen, um die Islamische Republik zu stürzen. Und iranischen Mitarbeitern der britischen Botschaft in Teheran soll der Prozess wegen Spionage gemacht werden.

So absurd diese Verschwörungstheorien sein mögen, entbehren sie aus historischer Perspektive nicht einer gewissen Berechtigung. Die Islamische Revolution 1979 war nicht zuletzt eine Reaktion auf Jahrzehnte bzw. Jahrhunderte genau solcher Manipulationen durch fremde Mächte. Die zuweilen paranoid anmutende Abwehr fremder Spione ist eine der ideologischen Grundlagen der Islamischen Republik.

Grossbritannien heiss aufs Öl

Bekannt ist der CIA-Coup von 1953, der den demokratisch gewählten Premier Mohammed Mossadeq zu Fall und den Schah wieder an die Macht brachte. Mossadeq hatte 1951 die Erdölindustrie nationalisiert, die sich in britischer Hand befunden hatte. Grossbritannien sorgte darauf für einen weltweiten Boykott des iranischen Öls. Die daraus resultierende Krise wurde durch aufrührerische Aktionen britischer Agenten weiter angeheizt. Die USA befürchteten, die Sowjetunion, der nördliche Nachbar des Irans, könnte diesen Zustand zu seinen Gunsten ausnützen, während Grossbritannien «seine» Ölquellen zurückwollte. So kam man rasch überein, Mossadeq zu stürzen.

Diese Aktion und die anhaltende enge Verflechtung des tyrannischen Schah-Regimes mit den USA liessen diese in den Augen der islamischen Revolutionäre unter Ayatollah Khomeini zum «grossen Satan» werden, der sie laut offizieller Rhetorik immer noch sind.

Ausverkauf der Heimat

In der gegenwärtigen Krise wird jedoch vor allem Grossbritannien für die Aufwiegelung der Demonstranten verantwortlich gemacht. Dies ist kein Zufall, denn die Einmischung des britischen Empire in iranische Angelegenheiten reicht bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück und hat im kollektiven Unterbewusstsein der Iraner weit tiefere Spuren hinterlassen als das kurze Engagement der USA.

Als sich ab 1800 das russische Reich immer schneller gegen Süden auszubreiten begann, regte sich in Grossbritannien Sorge um die Kolonie Indien, das Juwel in der Krone des Empires. Iran als Pufferstaat wurde zum Schauplatz des Great Game, des Ringens der beiden Grossmächte um Einfluss in der Region. Russland führte sich in den iranischen Nordprovinzen als Herr im Haus auf und konnte ab 1879 dank der unter russischem Kommando stehenden iranischen Elitetruppe, der Kosakenbrigade, am Hof beträchtlichen Einfluss ausüben. Grossbritannien waltete im Süden Irans nach Belieben.

Der Ausverkauf Irans

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Dynastie der Kadscharen im Niedergang begriffen. Um die Auslagen seines Hofes zu decken, verkaufte der Herrscher Nasser ed-din Schah Konzessionen an ausländische Geschäftsleute: Eisenbahnen, Bergbau, Postdienste, Zollwesen, Strassen und Banken sollten vom britischen Geschäftsmann Julius Reuter aufgebaut, die Tabakproduktion von seinem Landsmann Major Talbot betrieben und die Schifffahrt und Fischerei im Kaspischen Meer von den Russen übernommen werden. Gegen diesen Ausverkauf regte sich Widerstand, und eine Koalition aus schiitischen Geistlichen und Basarhändlern schaffte es zweimal, den Schah in die Knie zu zwingen, sodass Reuter und Talbot ihre Konzessionen wieder verloren.

Bei diesen geschäftlichen Transaktionen war die britische Regierung wahrscheinlich weniger stark involviert gewesen als von den Gegnern angenommen. Bald sollte sie sich jedoch direkt ins Geschehen einmischen: 1907 schlossen Russland und Grossbritannien ein Abkommen zur Formalisierung ihrer Einflusssphären in Zentralasien, in dem der Iran wie ein Kuchen aufgeteilt wurde: Die Russen erhielten den Norden, die Briten den Süden, und man versprach sich gegenseitig, nur im eigenen Gebiet Konzessionen zu erwerben. Auch der politische Herrschaftsanspruch wurde bald in die Tat umgesetzt. 1906 hatte eine aufkeimende bürgerlich-liberale Bewegung dem Schah eine Verfassung und ein Parlament abgetrotzt, um der Willkürherrschaft einen Riegel zu schieben. Russland eilte dem bedrängten Autokraten zuhilfe und liess 1908 durch die Kosakenbrigade das Parlament bombardieren. 1911 wurde durch eine Invasion Russlands das Parlament aufgelöst und dem liberalen Experiment ein vorläufiges Ende gesetzt – mit aktivem Einverständnis der britischen Regierung.

Nachdem 1908 im Süden Erdöl gefunden worden war, wurde der Iran für Grossbritannien wichtiger als je zuvor; und da Russland nach der kommunistischen Revolution 1917 als Konkurrent für einige Jahre ausfiel, versuchten die Briten, den Iran zum Protektorat zu machen. Durch Bestechung wurden wichtige Minister und der Schah überzeugt, 1919 ein entsprechendes Abkommen zu unterzeichnen. Das Parlament war jedoch erstarkt und verweigerte die Ratifizierung, und obwohl der britische Gesandte den iranischen Premier zwischen 1919 und 1923 achtmal auswechseln liess, scheiterte das Abkommen.

Weit von der Realität entfernt

Aus dieser Zeit stammt ein Interpretationsschema, das für die Islamische Republik fundamental ist: Das westliche Ausland will den Iran durch die Instrumentalisierung korrupter Iraner knechten, und es ist die Aufgabe der schiitischen Geistlichkeit, die Unabhängigkeit und kulturelle Identität des Landes zu bewahren. Angriffe auf die Islamische Republik können in dieser Denkweise nur von Grossbritannien und den USA gesteuert sein. Dass sich die Führung der Islamischen Republik angesichts der gegenwärtigen massiven Proteste der Bevölkerung nicht von diesem Schema lösen kann, zeigt, wie weit sie sich von der Realität im Land entfernt hat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.07.2009, 22:03 Uhr

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