Ausland
Ein Horn bringt 1 Million Dollar
Von Johannes Dieterich, Johannesburg . Aktualisiert am 26.08.2010 27 Kommentare
Ed Hern hasst diese Tage. Der Mond nimmt zu, bald wird es Vollmond sein, und wie immer in dieser Zeit im Jahr ist keine Wolke am Himmel zu sehen. «Schon heute Nacht könnten sie wieder kommen», sagt der 70-Jährige mit der Silbermähne: Hat er nicht am Morgen über seinem 30 Kilometer ausserhalb von Johannesburg gelegenen Tierpark das Geräusch eines tief fliegenden Helikopters gehört? «Alle sind in Alarmbereitschaft», sagt Hern: Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Nashornmörder wieder kommen.
Das letzte Mal waren sie vor drei Monaten hier. Sie landeten mit einem Helikopter ausserhalb des Tierparks, schnitten den Zaun auf und eilten mit ihren Äxten, den Nachtsichtgeräten, Schnellfeuer- und Betäubungsgewehren schnurstracks zu ihren Opfern, deren Aufenthaltsort sie offenbar am Vortag schon ausgekundschaftet hatten. Mit einer Überdosis des Betäubungsmittels M 99 streckten sie die 25 Jahre alte Nashornkuh Big Queenstown nieder und hackten ihr mit ihren Äxten das fast 1 Meter lange Horn ab. Big Queenstown hatte einen Embryo im Leib, der gemeinsam mit seiner Mutter verendete. Auch das zweijährige Kalb, das neben der Nashornkuh weidete, wurde von den Wilderern erledigt. Merkwürdigerweise hieben sie diesem nicht einmal das Horn ab: «Sie wurden wohl von irgendjemandem gestört», sagt Hern.
Nur noch 25'000 Tiere
Seit dieser Nacht im Mai ist der ehemalige Börsenmakler ein anderer geworden: «Wenn ich einen von denen erwische», sagt Hern, «dann lege ich ihn um.» Böte sich die Chance, würde er auch ihren Helikopter abschiessen, fügt der Naturfreund hinzu: «Die sind dabei, die letzten Nashörner unseres Planeten auszurotten.» So schlimm wie gegenwärtig war es offenbar noch nie: Allein in den ersten acht Monaten dieses Jahres wurden in Südafrika 182 Nashörner getötet, im gesamten vergangenen Jahr waren es 122, im Jahr 2007 lediglich 13. In einem nahe gelegenen Naturreservat bei Krügersdorp haben Wilderer mittlerweile alle sechs Nashörner erledigt; das Baby der letzten, vor wenigen Tagen getöteten Kuh versucht Hern gerade in seinem Gehege für Nashorn-Waisenkinder aufzuziehen. Tierschützern zufolge hat sich das Augenmerk der Wilderer auf den Südzipfel des Kontinents gerichtet, weil es im Osten Afrikas schon fast keine der archaisch anmutenden Dickhäuter mehr gibt: Weltweit sollen gerade noch 25'000 Rhinozerosse leben.
Der Grund für den schleichenden Rhinozid ist Tausende von Jahren alt und fast ausschliesslich in China zu finden. Dort wird entgegen jeder wissenschaftlichen Erkenntnis noch immer davon ausgegangen, dass das zu Pulver zerriebene Horn der Unpaarhufer männliche Lustprobleme löse: «Ich lecke jeden Morgen an einem Rhino-Horn und kann Ihnen versichern, dass das völliger Humbug ist», scherzt Hern sarkastisch.
Technologisch hochgerüstet
In den Zeiten von Viagra sei der Volksglaube vollends widersinnig, fährt der Reservatsbesitzer fort: Jetzt hätten die Chinesen ihre Theorie dahingehend erweitert, dass der aus nichts anderem als gepresstem Haar bestehende Nasenfortsatz auch gut gegen Fieber, Arthritis oder gar gegen Besessenheit sei. Ein einziges der bis zu 1,50 Meter langen Hörner bringe im Reich der Mitte 1 Million Dollar ein, berichtet Hern ungläubig: «Kein Wunder, dass die Wilderei so populär geworden ist.»
Allein in Südafrika haben die Wilderer in diesem Jahr also bereits einen Umsatz von 182 Millionen Dollar erzielt: ein beachtlicher Industriezweig, über dessen Organisation nach einigen Festnahmen auch schon manches bekannt wurde. Meist wird das schmutzige Geschäft von schwarzen Südafrikanern ausgeführt, die höchstens 2000 bis 3000 Euro pro Einsatz bekommen. Hinter ihnen stehen weisse Gangster, die sich mit den eingefahrenen Profiten technologisch hochgerüstet haben: Sie verfügen über kleine Mehrzweck-Helikopter der Marke Robinson R44 und modernste Nachtsichtgeräte, mit denen man bereits aus 4 Kilometer Entfernung die Umrisse eines Rhinozerosses erkennen kann. Mit dem viersitzigen Robinson sind die Nashornjäger auch auf keinen Flugplatz angewiesen: Sie können den Helikopter von einer Strasse aus starten und auf einem Lastwagenanhänger wieder in Sicherheit bringen.
Nashorn ohne Horn?
Als Mittelsmänner dienen in der Regel Vietnamesen, die die Beute über ihre Heimat nach China schmuggeln: In Pretoria wurde vor nicht allzu langer Zeit eine vietnamesische Diplomatin mit Rhino-Hornen festgenommen – sie wurde für ihr Vergehen nicht einmal eingesperrt, sondern lediglich ausgewiesen. In China selbst werde der Handel mit dem international gebannten Hornpulver praktisch gar nicht verfolgt, klagt Hern: «Da bleibt uns doch überhaupt nichts anderes übrig, als zu ungewöhnlichen, für manche auch fragwürdigen Mitteln zu greifen.»
Andere Parkbesitzer probierten zunächst harmlose Gegenstrategien aus.Sie sägten Dickhäutern vorsorglich das Horn ab, um sie so vor den Wilderern zu schützen. «Aber meine Besucher wollen doch keine halben Nashörner sehen», wendet Hern ein: «Was ist denn ein Nashorn schon ohne sein Horn?» Ausserdem schreckten die Wilderer nicht einmal vor der Jagd auf hornamputierte Rhinozerosse zurück, fährt der Reservatsbesitzer fort. Weil der unterste Teil des Fortsatzes noch mit Blut versorgt ist, muss bei der wohlmeinenden Amputation ein Stumpf gelassen werden – und der ist den Gangstern immer noch wertvoll genug, um ihr Opfer dafür zu erlegen. Zuweilen wurde auch schon mit in die Horne eingepflanzten Mikrochips oder Trackern experimentiert: Selbst wenn die Täter damit später aufgefunden würden, wäre der Schaden aber bereits angerichtet und das Rhinozeros tot, gibt Hern zu bedenken. Ausserdem gingen die Wilderer inzwischen dazu über, ihre Beute so schnell wie möglich zu Pulver zu zermahlen – womit auch Mikrochips und Tracker zu feinem Staub zerkleinert würden.
Hörner mit Zyankali vergiften?
Also musste etwas Wirkungsvolleres gefunden werden. In einer seiner schlaflosen Nächte erinnerte sich Ed Hern an den Kampf britischer Apartheid-Gegner gegen das südafrikanische Rassistenregime: Die Aktivisten hatten das Gerücht verbreitet, südafrikanische Outspan-Orangen mit Gift infiziert zu haben – ein Käufer habe sich auf diese Weise sogar bereits vergiftet. «Sofort brach der Markt für südafrikanische Orangen vollkommen ein», erinnert sich Hern: «Erst nach dem Ende der Apartheid erholte er sich wieder.»
Warum sollte dieselbe Strategie nicht 30 Jahre später im Reich der Mitte funktionieren? Allerdings musste der Plan der chinesischen Wirklichkeit angepasst werden: Mit einem blossen PR-Bluff wäre es in dem medial unterversorgten Riesenreich gewiss nicht getan. «Da müssen wir schon stärkere Geschütze auffahren», sagt Hern: Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten sie gleich Zyankali in die Horne der Dickhäuter gespritzt. Vor solchen drakonischen Massnahmen schreckte sein Tierarzt allerdings zurück: Er erklärte sich nur zur Verwendung eines schwächeren Mittels bereit, das bei den Konsumenten höchstens heftige Bauchschmerzen auslösen wird. Auch ist bei dem Experiment das Wohlbefinden des Dickhäuters mit zu berücksichtigen: Schliesslich soll die in sein Horn gespritzte Substanz nicht das Tier selbst erledigen.
Dokumentarfilm soll Sturm auslösen
Die Tests mit dem geheim gehaltenen Mittel seien zufriedenstellend verlaufen, berichtet Hern: Das mit der Substanz behandelte Nashorn sei wohlauf und guter Dinge. Derzeit erwägt der Reservatsbesitzer, ob das behandelte Horn nicht auch farblich gekennzeichnet werden müsse, um wirksam als Abschreckung zu dienen. Allerdings müsse dabei eine feine Grenze eingehalten werden, lacht Hern, denn ein Rhinozeros mit einem tiefblauen Horn würden seine Besucher vermutlich eher komisch finden.
Schon in wenigen Wochen will der Weisshaarige eine internationale PR-Kampagne im Zusammenhang mit seiner Hornvergiftungsaktion starten: Mit einem auf dem Satellitenkanal Animal Planet ausgestrahlten Dokumentarfilm sowie begleitenden Interviews soll «ein kleiner Sturm» ausgelöst werden.
Keine Angst vor der Anklagebank
Schon im Vorfeld haben sich selbst in den Reihen der Naturschützer die Gegner des unorthodoxen Vorstosses formiert: «Das ist doch keine Lösung!», schimpft Faan Coetzee vom südafrikanischen Endangered Wildlife Trust: «Wenn jemand stirbt, kann der Mann des Mordes angeklagt werden.»
Mancher sagt Ed Hern bereits ein Ende in den Händen der chinesischen Mafia oder gar auf der Anklagebank des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag voraus: Aussichten, die den besonnen wirkenden Reservatsbesitzer allerdings nicht aus der Ruhe bringen. «Ich bin jetzt 70 Jahre alt», sagt der Naturfreund gelassen: «Wenn ich noch etwas für das Überleben einer akut vom Aussterben bedrohten Tierart tun kann, dann mache ich das gern.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.08.2010, 21:11 Uhr
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27 Kommentare
Ach das wird so gehen wie mit den Bison. Sobald es nur noch eine Hand voll gibt kommt einem intelligenten Chinesen (das Wort intelligent ist hier anders gemeint) in den Sinn diese zu züchten, er wird dadurch steinreich und China wird herausposaunen wie gut es für die Welt doch ist dass es Chinesen gibt. So wird's gehen, und kein bisschen anders. Antworten
Diese Greueltaten, Tierquälereien, Völkermord, und was sonst noch alles in Afrika passiert, hat bei mir längst den Entscheid gefällt, dass für mich dieser Kontinent aufgehört hat zu existieren. Und Spendengelder meinerseits kann Afrika gleich mal vergessen, solange solche Missstände dort unten herrschen. Auch als Urlaubsdestination habe ich Afrika längst von der Liste gestrichen. Kein Geld mehr! Antworten
die idee die hoerner zu vergiften ist super!!!!. hofendlich macht ihr das!!!!! Aber nicht nur china sind umweltsuender! Auch Europa kauft und konsummiert "ilegale, vom Aussteben bedrohte, wahre", zb. tuhnfisch. edelhoelzer etc. etc. etc. Geld, das einzige wichtige auf dieser Welt!!! Koruption ueberall, vom kleinen Geschaeftsmann bis zu Regierungen. ! 1 Millon Dolar fuer ein Horn.....!!!!!!!!!! Antworten
Das Mittelalter ist noch nicht beendet. Vor allem bei den potenzgläubigen Nashorn-Chinesen. Mit den Wilderern in Afrika würde ich kurzen Prozess machen. Das Rangerwesen dort muss super aufgestellt und ausgerüstet sein (Waffen, Geräte, Fahrzeuge). Das sollte Teil unserer offiziellen Entwicklungshilfe sein. Kredite sind bereitzustellen, dafür andere zu streichen (ungenutzte Tsunami Siedlungen ...). Antworten
Gottseidank gibt es Leute wie Ed Horn und hoffentlich klappt's mit der Vergiftung der Hörner. Ich frage mich, was für ein Problem die Chinesen haben, dass sie massenweise Potenzmittel konsumieren müssen. Sind die alle impotent ? Die sowieso übervölkerte Erde muss ja nicht noch mehr belastet werden. Antworten
Mir wird halb übel, wenn ich sowas lese... diese Machtlosigkeit. Und die Chinesen mit ihrem unsäglichen Aberglauben, irgendwelche hochgeschützten Tiere würden zu Pulver verkleinert gegen dies oder jenes helfen - unfassbar! Hoffentlich beginnen die Horn-Vergiftungen bald - und hoffentlich wird bei den Giften nicht an Giftklasse gespart. Antworten
Warum nicht die Chinesen mit ihren eigenen Waffen schlagen? Finger- und Fussnägel schneiden, zermahlen und als Elfenbein teuer verkaufen. Die Chinesen fälschen doch auch alles!! Warum sollen wir ihnen nicht "100% Original Rhinohorn(y)" zum Aufwand vom Fussnägelschneiden für 10'000 CHF verkaufen ? Dann bricht auch der Preis dank Überangebot ein. Antworten
Bravo Tagi weiter so, solche Themen sollten immer aktuell bleiben. Schade um unsere wertvolle Tierwelt. Typisch Mensch so lange zerstören, rauben und töten. Nun ja eines Tages werden wir die Konsequenzen tragen, nur schade das die Verursacher da schon das Zeitliche gesegnet haben. Antworten
Das tragische an der Geschichte ist, dass das Horn für das Rhinozeros nicht lebensnotwendig ist. Man kann betäubten Nashörnern problemlos das Horn absägen ohne sie zu töten. Sie leben anschliessend bestens weiter, wenn auch mit einem Einschnitt im Verhalten. Deshalb werden in verschiedenen Parks den Rhinos vorsorglich die Hörner entfernt - eine sehr effektive Massnahme für das Leben der Rhinos. Antworten
Natuerlich darf man die Massaker an den verschiedensten Wildtieren nicht einfach auf alle Jaeger uebertragen. Auch Torreros sind solche sadistische Individuen. Einige Bekannte, wohl teils Akademiker aber auch Normalos, die auch Jaeger sind, sind meist sehr einfach strukturiert und sehen alles nur in schwarz/weiss. Sie sind auf alle Faelle nur die harmlosere Variante der Wilderer. Antworten
Die Wilderei im östl. u. südl. Afrika hat allg. dramatisch zugenommen! Allein in Tansania (zB Selous Game Reserve) wurden während der letzten paar Jahre zB mehrere tausend(!) Elefanten getötet. Die offiziellen Zahlen werden durch die verantw. Behörden laufend beschönigt od. gänzlich verschwiegen. Unseren Medien sind solche Entwicklungen idR einen Dreizeiler wert... Antworten
Ja leider ist die Wurzel hier wirklich in China zu suchen; leider stehen dort viele vom Aussterben bedrohte Tierarten nicht nur auf dem Speiseplan (Haifischflossen), sondern stehen auch in den Apothekenschränken (nicht nur Nashorn, auch Tigerknochen z.B.) Man kann nur hoffen, dass ein Land, welches dermassen im Aufschwung begriffen ist, sich auch hier weiterbilden würde. Antworten
Wusste gar nicht, dass die Chinesen zu den Mittelalterlichen gehören und gewisse Afrikaner zu den Steinzeitleuten. Es ist eine Schande, dass viele Tiere (z.B. Tiger) für die Chinesen getötet werden, damit diese Ihre kranken Leute mit "Wundemitteln" behandeln können und dies auf Kosten der Tierwelt. In China wird alles gegessen, was Beine und/oder Flügel etc. hat. Die Tierwelt wird zerstört. Antworten
Vielen Dank für diesen interessanten aber auch sehr traurigen Artikel. Hier in Südafrika (wir wohnen 50km von Krügersdorp) hört man nie die Wahrheit, was hier eigentlich abläuft! Ich lese die lokalen Zeitungen täglich und habe noch nie einen solch informativen Artikel gelesen! Besten Dank. Antworten
Hier muss unsere Regierung Geld und Menschen wie Tierärzte und Kämpfer spenden -hier wo eine Kultur und die Natur stark vom Aussterben bedroht sind und das nicht weit von der Schweiz. Keine Gelder für eine korrupte Regierung - kein Geld für sinnlosen Aufbau von Brunnen die anschliessend wieder versickern etc. Geld für den Schutz der Tiere-gegen den sinnlosen Raub von Naturalien zum Nutz d.Mannes! Antworten
Jäger, Wilderer, Tierquäler und Leute die davon, in welchter Art auch immer, Nutzen haben oder Profit machen sind einfach das Letzte. Ob jetzt eine Trophäe an die Wand, das Horn verrieben und gegessen, das Fell vor den Kamin - mir dreht es fast den Magen um. Speziell bei Muttertieren mit Kälbern kommen mir fast die Tränen. Und dann wundern sich die Grünröcke wenn sie auch hier nicht beliebt sind. Antworten



francesca danninger
ich bin entsetzt. wieso dachte ich das hier in suedafrika alle tiere noch im paradies leben? mein grosses kompliment an Herrn Hern und bitte kaempfen Sie weiter fuer diese tiere. Antworten