Ausland

«Eine Militäraktion kann nur mit den USA und Europa gelingen»

Von Matthias Chapman. Aktualisiert am 31.01.2012

Der Blutzoll in Syrien steigt, der Machtapparat bewegt sich nicht. Shadi Hamid, US-Nahostexperte in Doha, hält eine Militäroperation nicht mehr für ausgeschlossen, wie er uns in Davos erklärte.

1/29 Nun wird auch die Hauptstadt gestürmt: Panzer der syrischen Armee in Damaskus. (14. Februar 2012)
Bild: Keystone

   

Shadi Hamid leitet die Forschungsabteilung am Institut Brookings in Doha (Katar). Zu seinen Schwerpunkten gehören die Themen «demokratische Reformen in Nahost» sowie «islamistische Parteien». Zuvor war er an der Stanford Universität tätig. Hamid hat ägyptische Wurzeln, wuchs in den USA auf und wechselte vor zwei Jahren nach Doha.

London und Paris fordern Uno-Resolution

Grossbritannien und Frankreich wollen bei den Vereinten Nationen einen neuen Anlauf zur Verabschiedung einer Uno-Resolution zum Stopp der Gewalt in Syrien unternehmen. Der britische Aussenminister William Hague und Frankreichs Aussenminister Alain Juppé kündigten am Montag an, zu den für Dienstag geplanten Beratungen nach New York zu reisen. Sie hoffen, der katarische Ministerpräsident Hamad bin Dschassim und andere Vertreter der Arabischen Liga könnten Russland und China dazu bringen, eine Resolution nicht länger im Sicherheitsrat zu blockieren. Das Büro des britischen Premierministers David Cameron erklärte, Russlands Haltung decke das brutale Vorgehen der syrischen Regierung. (dapd)

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Chronologie der Aufstände in Syrien

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Die Ereignisse in Syrien seit dem Beginn der Proteste im März 2011.

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Herr Hamid, Katar hat jüngst die Entsendung arabischer Truppen nach Syrien gefordert. Eine echte Option?
Ich glaube, wir bewegen uns tatsächlich Richtung militärische Option. Ich war in Davos an einer Veranstaltung, wo ich mich öffentlich dafür ausgesprochen habe. Ich sehe aber auch eine steigende Zahl von Analysen, welche zum Schluss kommen, dass man die militärische Option ernsthaft erwägen müsse.

Viele warnen aber vor einer militärischen Auseinandersetzung.
Ich bin zwar kein Militärexperte, aber zweifellos wäre ein solcher Konflikt sehr riskant. Auf der anderen Seite sehen wir, dass sämtliche bisherigen Bemühungen – Verhandlungen, Diplomatie und Einsatz der Arabischen Liga – nichts gebracht haben. Der syrische Machtapparat bewegt sich nicht und die Zahl der Opfer steigt stetig.

Sie sehen keinen anderen Weg als die militärische Option?
Vorerst einmal gilt: Wir müssen uns die militärische Option offenhalten. Für die syrische Machtelite muss klar werden, dass ihr Tun Folgen hat.

Welche Rolle soll die Arabische Liga übernehmen?
Sollte es zu einer Intervention kommen, muss diese von der arabischen Welt initiiert werden. Zudem muss die Türkei eine wichtige Rolle übernehmen. Immerhin unterstützen die Türken den syrischen Widerstand – die Free Syrian Army – von ihrem Territorium aus. Natürlich gibt es keinen Zweifel daran, dass der Westen involviert werden muss. Eine Militäraktion kann nur mit den USA und Europa gelingen. Das hat sich in Libyen gezeigt – und Syrien ist noch viel herausfordernder.

Was meinen Sie eigentlich mit militärischer Option?
Natürlich sprechen wir nicht über Bodentruppen. Wir werden keine US-Soldaten in Syrien sehen. Es geht um Aktionen aus der Luft. Sei das die Einrichtung einer Rückzugszone oder eines Sicherheitskorridors.

Für einen Militäreinsatz braucht es aber eine Resolution des Sicherheitsrats.
Nein. Für den Kosovo-Einsatz gab es auch keine Resolution. Klar wäre es schöner, wenn wir eine solche hätten. Aber es ist doch klar, dass Russland und China nicht mitmachen. Es geht um Menschenleben. Es ist doch besser, etwas zu unternehmen, als weitere Monate zuzuwarten. Die Zivilisten müssen geschützt werden.

Wie lange dauert es noch, bis sich im Konflikt in Syrien etwas Entscheidendes bewegt?
Der Konflikt dauert sicher nicht noch Jahre. Das wird eine Sache von Monaten.

Und Katar wird eine wichtige Rolle spielen?
Ja, davon bin ich überzeugt. Katar war einer der ersten Staaten am Golf, welche die Botschaft in Damaskus geschlossen haben. Und wir hatten die Forderung des Emirs, Truppen nach Syrien zu entsenden.

Warum engagiert sich Katar als diplomatischer Vermittler in der Region?
In Katar gibt es ein paar Leute, unter anderem der Regierungschef und der Emir von Katar, welche eine ambitionierte Aussenpolitik vorantreiben. Sie haben eine Vision, sie wollen dem Land eine grössere internationale Bedeutung verschaffen.

Und welchen Profit verspricht man sich davon?
Man muss die katarische Politik zurückverfolgen, um das zu verstehen. Mit dem letzten Machtwechsel von 1995 kam eine aussenpolitische Öffnung. Man holte die US-Militärbasis ins Land. Und das gab Katar die Möglichkeit, gegen aussen offensiver aufzutreten. Das Ansehen und der Respekt, den man sich damit verschaffte, hilft der Machtelite auch innenpolitisch. Man verschafft sich dadurch mehr Legitimität.

Noch vor einem Jahr hatte Katar den Ruf eines neutralen Vermittlers. Das ist nun nicht mehr so.
Ja, im Libyen-Konflikt hat Katar einseitig Stellung bezogen. Die Sicht auf Katar ist dadurch anders geworden.

Warum hat man die Neutralität aufgegeben?
Die Aussenpolitik Katars ist offensiver geworden. Man merkt, dass man etwas erreichen kann. Einige Staaten in der Region sind irritiert darüber. Andererseits war die Beteiligung im Libyen-Konflikt auch ein kluger Schachzug.

Wie meinen Sie das?
Was den Wiederaufbau Libyens betrifft, befindet sich Katar in einer hervorragenden Position. Und auch vom PR-Standpunkt aus gesehen, war die Beteiligung in Libyen eine wichtige Sache. Die Marke Katars als regionale Supermacht wurde gestärkt.

Nun mischt man sogar im Afghanistan-Konflikt mit, indem das erste Ausland-Büro der Taliban in Doha angesiedelt wird. Überschätzt Katar seine Fähigkeiten?
In Katar herrscht der Glaube «Nichts ist zu viel, nichts ist unerreichbar». Es scheint keine Grenzen zu geben. Man hat schon im Tschad vermittelt und in Darfur. Warum soll das nicht auch mit den Taliban gelingen? Katar ist nicht nur ein arabisches Land, es ist auch ein muslimisches Land. Und man will in der muslimischen Welt eine wichtige Rolle spielen. Natürlich besteht das Risiko der Selbstüberschätzung. Aber das macht den Fall Katar ja auch so eindrucksvoll. Normalerweise sind arabische Führer nicht risikofreudig. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.01.2012, 17:59 Uhr

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