Ausland
«Eine Schlacht auf den Strassen»
Interview: Olivia Kühni. Aktualisiert am 16.06.2009
Artikel zum Thema
- Tote in Teheran – Unruhen greifen auf andere Städte über
- «Immer mehr Verletzte in den Spitälern»
- Irans Polizei geht brutal gegen Oppositionelle vor
Zur Person
Ali studiert in Teheran Maschineningenieurwissenschaften. Aus Angst vor Verfolgung will er weder seinen Nachnamen angeben, noch eine Fotografie von sich veröffentlichen. Laut seinen Angaben sind in den letzten 36 Stunden 170 Mit-Demonstranten festgenommen worden.
Der 24-Jährige ist ein Aktivist für Studentenrechte; er setzt sich für mehr wissenschaftliche Freiheit und für das Recht auf die freie Bildung studentischer Organisationen ein. Ausserdem ist er, wie viele Studenten, in der iranischen Frauenrechtsbewegung aktiv.
Das Interview wurde schriftlich über den Online-Telefondienst Skype geführt.
Gestern kündigte Mir-Hossein Moussavi an, dass er und seine Anhänger weiter gegen den mutmasslichen Wahlbetrug Mahmoud Ahmadinejads protestieren werden. Heute folgten die Wähler Ahmadinejads: Auch sie werden demonstrieren.
Ali, wie ist die Stimmung jetzt gerade in Teheran?
Es ist unglaublich still. Man hört nichts in den Strassen – es ist wie die Ruhe vor einem Sturm.
Sind die Läden und die Büros offen?
Ja, es ist alles wie gewöhnlich. Es ist eben so, dass das Transportsystem, die meisten Läden und Geschäfte dem Staat gehören. Wenn diese Angestellten einen Streik wagen, verlieren sie ihre Stelle. Also ist es wie immer. Ausser an der Uni, dort haben wir keine Vorlesungen. Stattdessen treffen sich Professoren und Studenten, und wir diskutieren über die aktuelle Situation. Auch ich fahre nach dem Mittag dorthin. Ab 16 Uhr verändert sich die Lage: Die Leute strömen in die Strassen, und bis 2 Uhr nachts gibt es richtiggehend eine Schlacht auf den Strassen.
Warum erst ab 16 Uhr?
Ganz einfach, weil es sicherer ist, weil dann alle Menschen auf der Strasse sind. Es gibt einen gemeinsamen Ruf dieser Tage, und der lautet: «Keine Panik, keine Panik!» Wenn also alle zusammen sind, dann fühlen wir uns aufgehobener, ruhiger und selbstbewusster. Die Menge gibt uns den Mut, überhaupt aufzustehen.
Können Sie als Demonstranten untereinander kommunizieren?
Nein, leider überhaupt nicht. Webseiten wie Facebook, Twitter oder Youtube sind alle gesperrt, auch die Seiten der Reformpolitiker. Sogar das Handynetz und das Satellitenfernsehen sind gestört, wir können also überhaupt keine Nachrichten empfangen. Die einzigen Kommunikationswege sind E-Mails, Google Groups und das Festnetztelefon. Und natürlich, am allerwichtigsten, der Dialog der Menschen auf den Strassen. Gestern Abend haben alle im Chor gerufen: «Morgen um 5 auf dem Valiasr-Platz!» So wissen wir immer, wie es weitergeht.
Wie geht es denn weiter, heute und die nächsten Tage?
Ich mache mir sehr grosse Sorgen. Die Anhänger Ahmadinejads haben angekündigt, auch zu der Demonstration zu kommen, und ich fürchte, dass es eine sehr blutige Konfrontation gibt. Ich habe das auch gestern gesehen: Wir standen bei der Universität, als andere Demonstranten vorbeikamen. Da haben einige Studenten, die Befürworter von Ahmadinejad sind, Bilder von ihm hochgehalten, und sofort ist die Situation eskaliert – die Menschen haben sich geschlagen, es wurden Zäune heruntergerissen. So ist die Stimmung im Moment, so gross ist der Hass.
Wie fühlen Sie sich, persönlich?
Zuerst war ich einfach nur schockiert über die Resultate, ich konnte es nicht glauben. Dann habe ich geweint. Nicht nur ich, alle Menschen in meinem Umfeld haben geweint. Wir weinen viel in diesen Tagen.
Hatten Sie wirklich gedacht, dass Moussavi gewinnen kann?
Natürlich! Weil es erstmals gelungen ist, die Nichtwähler, die das Vertrauen in die Politik verloren hatten, zu mobilisieren. Es ist darum einfach nicht möglich, dass von den 40 Millionen, die gewählt haben, 24 Millionen für Ahmadinejad waren.
Manche Experten sagen nun, dass die Menge gar nicht mehr nur gegen Ahmadinejad protestiert, sondern gegen das System der Islamischen Republik als Ganzes. Wie schätzen Sie das ein?
Ich sehe das anders. Die Menschen tragen Bilder von Moussavi und grüne Farben, gleichzeitig die Farbe der Reform und des Islam. Sie rufen gegen Ahmadinejad, niemand ruft gegen den Grossen Anführer Khamenei.
Glauben Sie, dass er die Stimmen auszählen lässt?
Nein. Aber das ist auch egal, selbst wenn sie ausgezählt würden, könnte der Wächterrat, der dafür zuständig ist, einfach noch mehr betrügen.
Was sind also Ihre Forderungen?
Wir fordern Neuwahlen.
Und sind Sie hoffnungsvoll, dass Sie sich durchsetzen?
Das hängt alles von Moussavi ab. Solange er stark bleibt und nicht nachgibt, werden auch wir nicht nachgeben, und dann werden wir uns irgendwann durchsetzen. Ich bin hoffnungsvoll. Falls Moussavi nachgibt, habe ich keine Ahnung, was passieren wird. Ob die Menschen dann tatsächlich nach Hause gehen – sowohl das Regime als auch die Reformer haben dann das Vertrauen der Menschen verloren. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 16.06.2009, 14:54 Uhr
Ausland
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.




