Ausland
«Es braucht jetzt Proteste wie Generalstreik oder zivilen Ungehorsam»
Von Astrid Frefel. Aktualisiert am 22.06.2009 2 Kommentare
«Wenn das gefälschte Resultat bleibt, dann sind Wahlen künftig nur noch eine Show.»: Asef Bayat.
zur Person
Der iranische Soziologe Asef Bayat ist Professor an der holländischen Universität von Leiden. Er befasst sich insbesondere mit der Demokratisierung in islamischen Ländern und ist Autor des Buches «Street Politics. Poor People's Movements in Iran».
Wie beurteilen Sie die Strategie, wie Oppositionsführer Mir Hossein Moussavi die protestierenden Massen führt?
Da er aus dem politischen Establishment kommt, hätte ich gedacht, er würde zu einem Kompromiss bereit sein, aber er hat nicht eingelenkt und sich standhaft gezeigt. Er beharrt auf der Annullierung der Wahlergebnisse. Seine Erklärungen sind klar, aber er versucht auch, direkte Provokationen zu vermeiden. Er muss auch seinen Anhängern gegenüber vorsichtig sein. Zeigt er sich kompromissbereit, könnte er in den Augen der Massen seine Glaubwürdigkeit als Oppositionsführer verlieren.
Lassen sich die Proteste unterdrücken?
Das Regime hat noch lange nicht seine ganze Macht ausgespielt. Trotzdem ist es fraglich, ob sich die Proteste niederschlagen lassen. Vielleicht kurzfristig. Aber wie sich dieses Kräftemessen entwickelt, und ob die Bewegung durch den Einsatz von Gewalt nicht radikalisiert wird, ist eine offene Frage.
Glauben Sie, dass die Dynamik auf den Strassen aufrechterhalten werden kann, nachdem auch viele Organisatoren verhaftet wurden und die Kommunikation immer schwieriger wird?
Verhaftet wurden respektierte Denker und Strategen. Aber ich vermute, es kommen viele neue nach, die durch diese Bewegung geschaffen werden: lokale Anführer, die auch neue Methoden entwickeln werden. Damit die Intensität aufrechterhalten werden kann, braucht es neue Taktiken, zum Beispiel Proteste wie Streiks oder zivilen Ungehorsam, die das Land unregierbar machen. In der Revolution 1979 kam der grosse Durchbruch mit einem Generalstreik. Es waren insbesondere die Ölarbeiter, welche die Wirtschaft zum Erliegen gebracht haben. Das Regime wird aufpassen, dass das nicht wieder passiert.
Warum funktionieren die Websites von Moussavi und anderen Oppositionellen wie Mehdi Karroubi noch immer?
Das Regime braucht sie zurzeit noch. Die Oppositionsführer können über dieses Instrument ihre Anhänger kontrollieren.
Moussavi ist nicht gerade das, was man sich unter einem charismatischen Helden vorstellt. Wie ist der 67-jährige Architekt zu dieser Rolle gekommen?
Moussavi ist nicht charismatisch im konventionellen Sinn. Entscheidend sind seine politischen Verdienste als Regierungschef, dann seine Frau, eine wortgewandte Intellektuelle, und schliesslich hat ihn Ahmadinejad in der Fernsehdebatte durch seine rüpelhaften Angriffe in diese Position gebracht. Moussavi blieb ruhig, kontrolliert und höflich. Das sind Eigenschaften, die viele Leute ansprechen.
Was sich derzeit auf den Strassen Teherans abspielt, ist das Volkszorn, eine Revolte oder eine Revolution?
Das ist eine Protestbewegung, mit dem Ziel, das Wahlergebnis zu annullieren. Das gilt vor allem für die Führung. Ich glaube, wenn es gelingt, dieses Ziel zu erreichen, wäre die Mehrheit zufrieden. Aber jede Bewegung hat ihre eigene Dynamik, und natürlich gibt es Demonstranten, die das Land noch mehr öffnen wollen. Aber bereits mit einer Korrektur des Wahlresultates würde die Position der konservativen Regierung von Präsident Mahmoud Ahmadinejad unterminiert.
Was ist bei diesen Protesten anders als bei den Studentendemos von 1999, die nach wenigen Tagen brutal niedergeschlagen wurden?
Damals beschränkte sich der Protest auf die Studenten. Jetzt ist die Bewegung sehr viel breiter, bunter und anhaltender. Die Anzahl der Teilnehmer ist gewaltig. Es gibt eine klare Führung, die Teil der politischen Elite ist und politisches Kapital besitzt. Aber vor allem ist ihre Sache nichts Vorübergehendes, sondern grundlegend und überlebenswichtig für die Zukunft des Iran. Wenn das gefälschte Resultat bleibt, wird damit der «Republikanismus» der islamischen Republik vernichtet, und die islamische Republik bekommt eine islamische Regierung. Das heisst, Wahlen sind in Zukunft nur noch eine Show.
Lassen sich die jetzigen Ereignisse mit der islamischen Revolution vor dreissig Jahren vergleichen?
Die Dynamik ist tatsächlich ähnlich, und die Führer versuchen Ähnlichkeiten herzustellen, zum Beispiel mit den Allahu-akbar-Rufen, die in der Nacht hunderttausendfach ertönen, oder dem Slogan «Tod dem Diktator», der an «Tod dem Schah» erinnert, oder dem Bestreben, friedlich zu bleiben und sich nicht provozieren zu lassen. Diese Ähnlichkeiten sind bedrohlich für das Regime, das nicht will, dass die Ereignisse wie eine Revolution aussehen. Natürlich gibt es auch grosse Unterschiede. Die Anliegen sind ganz andere. Damals standen Unabhängigkeit und Antiimperialismus im Vordergrund, jetzt sind es demokratische Forderungen. Nicht zuletzt sind auch die Kommunikationsmöglichkeiten völlig andere.
Gibt es einen Graben, der die Bevölkerung in zwei Hälften spaltet?
Es gibt einen fundamentalen Bruch zwischen einer Minderheit und der Mehrheit. Das Regime hat sich eine eigene Staatsklasse geschaffen und unterstützt sie mit Geld und Jobs. Diese Klasse hat ihre eigene Ideologie, Sprache, Weltsicht und Zukunftsvision, die sie vom Rest der Gesellschaft trennt. Diese beiden Segmente der Gesellschaft verstehen sich nicht. Und egal was in der Zukunft passiert, wer immer an die Macht kommt, muss als vordringlichste Aufgabe diesen Graben überbrücken.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.06.2009, 07:29 Uhr
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2 Kommentare
Das aufgeklärte iranische Volk hat begriffen, dass der grösste Feind die Theokraten sind. Diese werden vom einfachen Mob/Wächterrat beschützt. Es ist die einzige Chance für sie halbwegs eine Zukunft zu haben. Das Regime hat es versäumt, wie einst der Shah, dem ganzen Volk eine Zukunft zu bieten. Nun wird die Mittelschicht eine sanfte Revolution einläuten müssen. Der Iran wird frei! Antworten





Martin Lüthi
Ich wünsche den jungen Iranerinnen und Iranern viel Glück und ich bewundere ihren Mut, aufzustehen gegen den religiös-staatlichen Apparat. Antworten