Ausland

«Es gab keine Facebook- und Twitter-Revolution»

Von Michel Wenzler. Aktualisiert am 21.04.2011 10 Kommentare

Experten mögen nicht recht daran glauben, dass die neuen Medien massgeblich zum Sturz der arabischen Regimes beigetragen haben. Der eigentliche Erfolg der Aufstände beruhe auf anderen Faktoren.

1/5 Wurden Facebook und Twitter überschätzt? Kunststudentin der Universität Helwan malt das Facebook auf eine Hauswand in Kairo.
Bild: Keystone

   

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Das Volk als Berichterstatter: Eine Zusammenstellung von Fotos des ägyptischen Volksaufstandes. Die Fotos stammen von Demonstranten (Quellen: Twitter.com/Twitpic.com, Flickr.com). Die Tonspur wurde einem Video entnommen, das an einer Demonstration am 28. Januar am Galea Platz in Kairo aufgenommen wurde (Quelle: Vimeo.com). (Schnitt: Jan Derrer)

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Sie sind zu Symbolfiguren und Helden der Revolution geworden: Frauen und Männer wie der 30-jährige Wael Ghonim. Via Facebook rief der Google-Manager in Ägypten zu Protesten auf und berichtete über das brutale Vorgehen von Hosni Mubaraks Schergen – bis er von Geheimpolizisten verschleppt und erst nach 12 Tagen wieder freigelassen wurde. Ähnliche Bekanntheit haben der 24-jährige Omar Amer und die 23-jährige Ayat Mneina erlangt, die über den Internetdienst Twitter Filme und Botschaften veröffentlichen, die ihnen aus Libyen zugeschickt werden.

Junge Menschen wie Ghonim, Amer oder Mneina verleihen den Umstürzen in der arabischen Welt Gesichter. Und mit ihrer Geschichte hat der Mythos der digitalen Revolution starken Auftrieb erhalten. Doch welche Bedeutung haben die neuen Kommunikationsmedien, über die unzählige Gräueltaten der arabischen Regimes ans Licht gelangen, tatsächlich? Sie werden überschätzt, lautete das Fazit an einer Veranstaltung, die diese Woche an der Universität Zürich stattfand. «In Ägypten gab es keine Twitter-Revolution», sagte etwa Katajun Amirpur vom Forschungsschwerpunkt Asien und Europa. «Wir sollten die Bedeutung der neuen Kommunikationstechnologien nicht aufblasen.»

Exil-Iraner waren entscheidend

Amirpur befasst sich mit der modernen islamischen Welt, insbesondere mit dem Iran. Und dort, glaubt sie, könne man im Gegensatz zu den jüngsten Unruhen in den nordafrikanischen Staaten eher von einem digitalen Aufstand sprechen – auch wenn er letztlich scheiterte. So lehnten sich im Sommer 2009 via Twitter unzählige Aktivisten gegen den mutmasslichen Wahlbetrug von Präsident Mahmoud Ahmadinejad auf. Entscheidend dabei waren die zahlreichen Exil-Iraner, die freien Zugang zum Internet hatten und die Weltöffentlichkeit darüber informierten, was sich in ihrem Heimatland abspielte.

Anders sei dagegen die Situation in Ägypten oder Tunesien gewesen, sagt Amirpur. Eine vergleichbare Unterstützung durch Landsleute aus dem Ausland habe es nicht gegeben. Und trotzdem kam es zur Revolution. Massgebend waren jedoch nicht unbedingt Twitter und Facebook. Kleine Gruppen von Aktivisten seien ausgeschwärmt, um die Leute zu mobilisieren, sagt Amirpur. Und vor allem die traditionellen Medien – insbesondere die Fernsehsender al-Jazeera und BBC – hätten eine wichtige Rolle gespielt. Über diese, und nicht über Twitter und Facebook, informierte sich das Gros der Bevölkerung über die Geschehnisse.

Twitter war für traditionelle Medien wertvoll

Allerdings stützen sich die Medien bei ihrer Berichterstattung zu einem grossen Teil auch auf Quellen aus dem Internet. Eine davon ist noch immer Omar Amer, der britisch-libysche Doppelbürger aus Manchester, der Mails und Youtube-Filme aus Libyen empfängt und veröffentlicht. Sein Twitter-Konto «@ShababLibya» und die Facebook-Seite «Libyan Youth Movement», die er zusammen mit der kanadisch-libyschen Doppelbürgerin Ayat Mneina aus Winnipeg betreibt, sind beliebte Informationsquellen für internationale Medien wie CNN oder BBC.

Insofern haben Twitter oder Facebook durchaus eine Bedeutung für die Umstürze in Nordafrika, wenn auch nur eine indirekte. Die wohl wichtigsten Empfänger der Twitter-Botschaften sind die westlichen Medien und nicht die Bevölkerung in den jeweiligen Ländern. Denn die Mehrheit der Menschen im arabischen Raum hat keinen Zugang zum Internet. Gemäss der Hochschule Paris Tech sind in Tunesien nur 3,6 der 10,5 Millionen Menschen online, in Ägypten ist es rund ein Fünftel der Bevölkerung. Fernsehen und Handy sind verbreiteter.

Der Erfinder des WWW glaubt an die digitale Revolution

«Niemand wird aber leugnen, dass die digitalen Medien Einfluss auf die Ereignisse hatten», sagt die Nahost-Expertin Amirpur. Dass man Twitter und Facebook zu mehr einsetzen kann, als nur um Informationen ins Ausland zu schicken, ist unbestritten. Schliesslich verwendeten die Aufständischen die beiden Kommunikationsmedien auch dazu, um Versammlungen und Massenproteste zu organisieren. «Aber für eine Revolution braucht es mehr als ein paar Leute, die sich auf Facebook versammeln.»

Ähnlicher Meinung ist der palästinensische Journalist Zahi Alawi, der in Deutschland arbeitet. «Twitter und Facebook sind eine Art Brandbeschleuniger», sagte er vor einer Woche an einer ähnlichen Veranstaltung über Twitter und Facebook in Berlin. «Hier können sich vor allem die Gebildeten zu politischen Tabus austauschen und sich organisieren. In Ägypten und Tunesien waren am Ende aber Berichte auf Sendern wie al-Jazeera noch effektiver, um die Massen zu mobilisieren.» Der Frust der Leute sei ausserdem so gross gewesen, dass die Revolution auch ohne das Internet möglich gewesen wäre, glaubt Alawi.

Etwas anders sieht dies der Erfinder des World Wide Web, der vor zwei Wochen in Genf auftrat. Er glaube, dass ohne das Internet die Revolutionen in Nordafrika nicht stattgefunden hätten, sagte Tim-Berners Lee, der am europäischen Kernforschungszentrum Cern das Web entwickelte. Für ihn ist deshalb klar: «Wir müssen nun in Afrika das Netz auf die Handys bringen.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.04.2011, 12:22 Uhr

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10 Kommentare

Parvaneh Ferhadi

21.04.2011, 13:42 Uhr
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Das ist ein bisschen ein Widerspruch, wenn man im gleichen Abschnitt die digitale Revolution im Iran bejaht, aber dann eingesteht, dass es eigentlich die Exil-Iraner waren, welche die digitalen Kommunikationsmittel verwendet haben und nicht die in Iran lebende Bevölkerung. Das wäre dann eine Revolution von aussen, sozusagen. Früher nannte man dies Umsturzversuch. Propaganda machts möglich. Antworten


Thomas Keller

21.04.2011, 13:37 Uhr
Melden 4 Empfehlung

schamlos, dass sich ausgerechnet das selbstgerechte facebook (wiederholte, klammheimliche änderungen der agbs) und das schwerzhaft nervige twitter (hat noch nie einen einzigen rappen gewinn erwirtschaftet) mit der mithilfe an der nordafrika-revolution brüsten. und die wahrheit geht im geschnatter unter. Antworten



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