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Für die Menschenhändler hat die Fussball-WM begonnen

Von Dagmar Wittek, Johannesburg. Aktualisiert am 15.03.2010

Die südafrikanischen Organisatoren der Weltmeisterschaft befürchten, dass zehntausende Prostituierte anreisen oder von Zuhältern eingeschleppt werden. Viele Betroffene sind noch Kinder.

Prostituierte am Rand einer Autobahn in Südafrika.

Camera Press

«Sie kamen jede Nacht. Immer im Dunkeln, so dass wir sie nicht erkennen konnten.» Ayanda (17) und Mellie (16) (Namen v. d. Red. geändert) wurden auf dem Schulweg in ein Auto gezerrt, verschleppt und eine Woche lang in einem Haus in den Cape Flats, den Vororten von Kapstadt, festgehalten und vergewaltigt. Das war ihre sogenannte Initiation, eine Art Einführung. Danach mussten sie anschaffen gehen. Wenn sie sich weigerten, wurden sie geprügelt und erneut vergewaltigt. Als Abhilfe gegen den Schmerz erhielten sie Drogen. Der Teufelskreis begann.

Arbeit als Vorwand

Oder Bonga. Sie war Anfang 20, als sie aus Südafrikas Nachbarland Lesotho verschleppt und zur Prostitution gezwungen wurde. «Sie sagten uns, wir würden auf einer Spargelfarm in Free State in Südafrika arbeiten und gut verdienen, also sind wir mitgefahren. Wir haben die Farm nie gesehen, stattdessen mussten wir, nachdem wir in Bloemfontein hinter der Grenze angekommen waren, auf die Strasse. Wir sollten unsere Papiere – die wir ja nicht hatten – verdienen», berichtet Bonga.

Auch für die 14-jährige Sheryl aus Ruanda, deren Mutter sie zu einem Onkel geschickt hatte, damit sie in Südafrika ein besseres Leben mit besserer Schulbildung habe, begann so der Teufelskreis. «Zuerst war mein Onkel sehr nett zu mir. Aber dann sagte er, ich müsste für Essen und Unterkunft zahlen. Er zwang mich, mit seinen Freunden zu schlafen. Sie bezahlten ihn dafür», sagt Sheryl.

Internationaler Umschlagplatz

Ayanda, Mellie, Bonga und Sheryl sind keine Einzelfälle. Ihre Geschichten reihen sich an zahllose andere, welche die Internationale Organisation für Migration (IOM) in einem Bericht zusammengetragen hat. Südafrika wird darin als internationale Hochburg für Menschenhandel beschrieben. Vor allem Kinder würden hier wie Waren umgeschlagen. «Viele kommen aus Angola, Botswana, dem Kongo und Lesotho. Aber sogar aus Thailand und Russland werden Kinder hierhergeschmuggelt und dann, wenn sie hier verbraucht sind, in andere Länder weitergeleitet», steht in dem Bericht. Südafrika gilt seit längerem als internationaler Umschlagsplatz für Sexsklavinnen, Kinderprostituierte und Pornodarsteller.

Nun warnen Nichtregierungsorganisationen, dass auch die Fussball-Weltmeisterschaft von Menschenhändlern für ihre Zwecke missbraucht werde. Die örtlichen WM-Organisatoren erwarten nicht nur die qualifizierten Nationalteams und deren Anhänger, sondern auch 40 000 zusätzliche Prostituierte, die jedoch meistens nicht freiwillig nach Südafrika reisen. Nichtregierungsorganisationen befürchten, dass auch viele Kinder hierher verschleppt werden. Sie schätzen, dass etwa ein Viertel der heute rund 150'000 Prostituierten Kinder seien.

Prostitution ist in Südafrika illegal. Aber dadurch, dass die Grenzen im südlichen Afrika recht durchlässig und häufig gar nicht kontrolliert sind, ist die illegale Einreise für Flüchtlinge, aber auch Menschenhändler mit ihrer «Ware» einfach. Zudem ist ein südafrikanischer Pass auf dem Schwarzmarkt für 600 bis 1000 Euro erhältlich.

450'000 Männer erwartet

«Die WM 2010 zieht Prostitution, Menschenhandel und Kindesmissbrauch an», warnt auch David Bayever von Südafrikas Drogenbehörde. Klar sei, dass die Mehrzahl der 450'000 Fussballfans aus aller Welt Männer sein werden und klar sei damit auch, dass die Nachfrage nach Sex entsprechend höher als sonst sein werde, argumentiert Charlotte Sutherland in der Studie «Menschenhandel und die Fifa-WM 2010». Bayever sagt, es gäbe bereits erste Berichte aus Dörfern in Südafrika, in denen Kinder von armen Familien angesprochen wurden und man ihnen Jobs und gutes Geld während der WM in Johannesburg versprochen hat.

Die Lobbygruppe für Sexarbeiter (SWEAT) plädiert dagegen für eine Legalisierung der Prostitution, um der gnadenlosen Ausbeutung von Prostituierten vorzubeugen. SWEAT Sprecherin Vivienne Lalu sagt, dass die grösste Bedrohung vonseiten der Polizei käme. Es sei gang und gäbe, dass Polizisten kostenlose Sexdienste erpressen und im Gegenzug dafür die Aufgegriffenen nicht verhaften würden.

Eine Entscheidung, ob die Prostitution während der Weltmeisterschaft legalisiert wird, ist noch nicht gefallen. Regierungsmitarbeiter Errol Naidoo ist dagegen. Denn in Ländern wie Australien, Holland und Deutschland, wo Prostitution reguliert und legalisiert ist, hätten Menschenhandel und Drogenmissbrauch zugenommen. Dallene Clark von der Arbeitsgruppe des Justizministeriums, die sich mit der Frage der Legalisierung befasst, betont, dass man eine langfristige, von der Fussball-Weltmeisterschaft losgelöste Regelung finden möchte. Zumal Prostitution und Menschenhandel eng mit dem in Südafrika gravierenden Aidsproblem zusammenhängen würden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2010, 06:21 Uhr

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