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Gratis gibt es in Gaza nur Sonne und Lehm

Weil Israel seine Blockade Gazas aufrechterhält, müssen sich die Menschen dort Häuser aus Lehmziegeln bauen. Und vor den Zeltlagern legen sie Gemüsebeete an.

Im Gazastreifen bauen die Palästinenser einstöckige Häuser mit Lehmziegeln, die sie an der Sonne trocknen lassen.

Im Gazastreifen bauen die Palästinenser einstöckige Häuser mit Lehmziegeln, die sie an der Sonne trocknen lassen.
Bild: Keystone

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Inzwischen ist wieder eine Rakete aus Gaza im südisraelischen Sderot gelandet, ohne jedoch grösseren Schaden anzurichten. Es ist das trotzige Signal des islamischen Jihad oder der Qassambrigaden der Hamas, dass ihnen der Krieg nichts anhaben konnte, dessen erklärtes Ziel es gewesen war, die Islamisten von der Macht zu bomben.

Politisch ist mehr oder weniger alles beim Alten geblieben für die Palästinenser. Vor kurzem erst ist Khaled Meshal, der in Damaskus sitzt, als politischer Führer der Hamas wiedergewählt worden. Und die Fatah und die Hamas sind so zerstritten und unfähig zur Einigung, als ob die Palästinenser keinen weiteren Krieg hinter sich hätten, in den USA keine neue Administration regierte und nicht täglich neue Meldungen über den geplanten Siedlungsbau oder -ausbau kämen. Sie nehmen in Kauf, dass die Zivilbevölkerung den Preis dafür bezahlt. So stritten sie sich kürzlich darüber, wer wo welche medizinische Behandlung erfahren dürfe.

Soeben wurde auch der westlich orientierte Wirtschaftswissenschaftler Salam Fayyad als palästinensischer Ministerpräsident in Ramallah bestätigt. Im März war er zurückgetreten, weil er einer palästinensischen Einheitsregierung Platz machen wollte. Doch fünf Verhandlungsrunden unter ägyptischer Vermittlung sind bisher gescheitert, die letzte vor wenigen Tagen. Die Hamas anerkennt Fayyad nicht. Nominell hat sie im palästinensischen Legislativrat immer noch die Mehrheit, wenngleich ihre Abgeordneten in der Westbank mehrheitlich im Gefängnis sitzen.

Selbst die Fatah ist mittlerweile zerstritten. Der eine Flügel will den bewaffneten Kampf nicht aufgeben. Das sind die Anhänger des im Gefängnis sitzenden charismatischen Abbas-Konkurrenten Marwan Barghouti. Der andere Flügel setzt wie Präsident Mahmoud Abbas auf Verhandlungen.

Der Konflikt mit der Hamas wird dadurch genährt, dass die Fatah vom Westen finanziert wird, während die Hilfsgelder die Hamas nicht erreichen (sollen). Der tieferliegende Grund ist, dass die Hamas das Prinzip einer Zweistaatenlösung nicht anerkennt, weil sie ihren Anspruch als religiös orientierte Partei auf ganz Palästina nicht aufgibt.

Ausserdem hält die Hamas in Gaza nach wie vor den israelischen Soldaten Gilad Shalit gefangen, von dem im Augenblick kaum noch die Rede ist. Gefangen bleiben auch Hunderte von Palästinensern in israelischen Gefängnissen, die für ihn ausgetauscht werden sollten.

Etwas allerdings hat sich geändert: Mit dem Amtsantritt von Barack Obama sind Kontakte mit der Hamas kein Tabu mehr. Denn sie ist keineswegs marginalisiert. Ob Tony Blair als Beauftragter des Nahostquartetts oder Berater der US-Regierung, sie alle plädieren zumindest für Kontakte auf niedriger Stufe. Ohnehin käme man um die Hamas nicht herum, falls sie sich doch mit der Fatah einigen würde, wie das der Westen ja möchte. Selbst Umfragen in Israel ergeben eine Mehrheit für Gespräche.

Baustellenbesichtigung mit der Familie. Das Dach fehlt noch. Aber die Grundmauern stehen, festgebacken wie aus Stein. Der achtjährige Abdallah und der vierjährige Diar kraxeln über die künftige Küchenwand zur Aussenseite des Schlafzimmers. Ihre Mutter schaut sich unten um. Gefällt es ihr? In einen Lehmbau ziehen zu wollen, halten nicht wenige Palästinenser für den letzten Beweis, dass der Gazastreifen zurück ins Mittelalter fällt. Tapfer lächelnd erwidert Rauda: «Uns bleibt keine Wahl – immer noch besser, als in einem gemieteten Zimmer zu wohnen.»

Ehemann Nidal Eid war einfach das Nichtstun und das Warten leid. Auf eine Einigung von Fatah und Hamas. Auf die Öffnung der Grenzen. Auf all das, worauf die Leute in Gaza seit langem vergeblich hoffen. Nidal Eid, 35 Jahre alt und Vater von sieben Kindern, hielt es nicht mehr aus, die Tage mit dem Totschlagen von Zeit zu verbringen. Auch wenn er eigentlich genau dafür bezahlt wird, von der Regierung in Ramallah. Eid ist ein Fatah-Mann und Mitglied der Sicherheitskräfte, die Präsident Mahmoud Abbas unterstehen. Seit dem Putsch der Hamas vor zwei Jahren bezieht Eid weiter ein Salär, das seine Loyalität zu Ramallah erhält.

Zement nur auf dem Schwarzmarkt

Aber seine Familie braucht nicht nur Essen, sondern auch ein Dach über dem Kopf. Ihr altes Haus in Rafah wurde 2003 von der israelischen Armee plattgemacht. Es stand zu nahe an der ägyptischen Grenze. Dort, wo heute Palästinenser immer neue Tunnel buddeln, um Güter des täglichen Gebrauchs aus dem Sinai zu schmuggeln. Zu den vielen Dingen, die es allenfalls auf dem Schwarzmarkt gibt, gehört Zement. Ein Sack kostet fünfmal so viel wie vor der Blockade. Gratis gibt es im Elendsstreifen nur Sand, Sonne, den Lehm, der beim Tunnelgraben abfällt, und jede Menge Trümmer. Aus alldem lässt sich eines allerdings fertigen: Lehmbausteine.

Fünf Arbeiter hat Eid angeheuert, welche die lehmige Masse in Holzformen pressen und an der Sonne trocknen lassen. Für die Dachbalken fehlt ihm noch das Holz, das leider nur auf dem Schwarzmarkt erhältlich ist. Nidal Eid ist ein rühriger Mensch. Hat sich im Internet über moderne Lehmbautechnik schlau gemacht – ein Trend auch in der westlichen Welt. Lehmhäuser sind klimafreundlich. Im Sommer halten sie die Hitze und im Winter die Kälte draussen. Hat ausserdem Kontakte zu Nichtregierungsorganisationen geknüpft sowie in Ramallah einen Zuschuss beantragt. Er will vor allem ein eigenes Haus. Doch wer weiss, vielleicht macht die Idee mit dem Lehm ja Schule.

Ideologisch passt sie der Hamas ins Konzept. Sie unterstützt Eid zwar nicht, weil er als Fatah-Mann gilt. Aber sie lässt mit Lehmziegeln experimentieren. Ibrahim Radwan, Vizechef im Arbeits- und Bauministerium in Gaza-City, ist gelernter Ingenieur und für einen Hamas-Mann ein überraschend aufgeschlossener Typ. In seinen Augen ist die Sache mit dem Lehm «eine Art Widerstand gegen die Blockade» und berge dazu das Potenzial, «den Ausgebombten etwas Besseres als Zelte anzubieten».

60'000 Wohnungen fehlen

Rund 5000 Wohneinheiten wurden in Gaza in diesem Winter während der israelischen Militäroperation «Gegossenes Blei» zerstört oder irreparabel beschädigt. Die Zahl der Häuser, die Treffer abbekamen, ist fünfstellig. Wenn man in die Rechnung Zehntausende von Palästinensern einbezieht, die bei früheren Armeeangriffen obdachlos wurden, fehlen laut der Uno-Organisation für Entwicklung und Fortschritt (UNDP) 60'000 Wohnungen. Und das in einem Territorium von 360 Quadratkilometern, auf dem über anderthalb Millionen Menschen leben, überwiegend sogar von Landwirtschaft, was das Bauland zusätzlich reduziert. In die Höhe bauen, bis zu 15 Stockwerke hoch, ist in Gaza-City ein Muss. Lehmziegel taugen aber höchstens für zweigeschossige Häuser. Eine Alleinlösung für Gazas Nachkriegsprobleme ist der Lehm sicher nicht, aber mangels Alternativen ein Lichtblick.

In Sharm al-Sheikh hat die internationale Gemeinschaft im März drei Milliarden Dollar für den Wiederaufbau Gazas zugesagt. Aber infolge der Blockade durch Israel bekommen die Hilfsorganisationen weder Baumaterialien noch für Aufräumarbeiten nötige Maschinen. Nicht mal ein voll ausgerüstetes Uno-Team, das mit Spezialdetektoren Explosivstoffe unter den Trümmern aufspüren kann, habe Israel nach Gaza gelassen, berichtet Tamer Qarmoud, Programmplaner bei UNDP.

600'000 Tonnen Kriegsschutt

Eine absurde Situation. Von den 22 Millionen Dollar, die aus Ramallah über die Uno-Vertretungen nach Gaza als Direkthilfe flossen, haben nicht zuletzt die Schmuggler profitiert. Das Geld ging zwar direkt an die von der Häuserzerstörung Betroffenen – je nach Schaden gab es bis zu 5000 Dollar pro Familie (eine ähnliche Summe, aber vorzugsweise in Euro, zahlt die Hamas in solchen Fällen aus). Doch Glas und Baustoffe sind nur auf dem Schwarzmarkt zu haben. Qarmoud macht sich nichts vor, dass die Wiederaufbauhilfe bisher «reine Kosmetik ist». 600'000 Tonnen Kriegsschutt verteilen sich über den Gazastreifen.

Am schlimmsten sieht es im Norden aus, das von Militanten bevorzugte Areal, um Raketen in den Negev abzuschiessen. Dorthin waren die Israeli am tiefsten vorgedrungen. Weite Teile von Jabaliya und Beit Lahiya sind verwüstet. Die Bewohner sind bei Verwandten oder in Zeltlagern untergekrochen, die IKRK und andere Spender aufstellen liessen. «Keiner weiss, wie lange wir hier bleiben müssen», klagt Latifa, eine Greisin. Mit den anderen Frauen kocht sie in einem Blechtopf über offenem Feuer mit Reis gefüllte Weinblätter. Latifas Haus in Beit Lahiya ist komplett zerstört. Dort wohnte ihre Grossfamilie unter einem Dach. Heute lebt sie verstreut in wechselnden Notunterkünften und Zelten im Lager Salatin. Und dennoch richten sie sich im Elend ein.

«Ein Fortsetzungsroman»

Dhjehidah al-Qarawi hat sogar eine Waschmaschine ins Zelt geschleppt. Wenn Wasser da ist, schliesst er sie an einen Generator an. Neben seinem Zelt hat er Tomaten und andere Gemüsepflanzen in den sandigen Boden gesteckt und das ganze Gelände mit Draht- und Lumpenresten eingezäunt. Qarawi will sich nichts vormachen. Aus Provisorien sind schon oft Dauerzustände geworden. Sein Grossvater habe 1948, vor der Flucht aus Jaffa, den Hühnern noch einen Futtertopf gefüllt. «Er dachte, das reiche, bis er in einer Woche zurück sei.» Ein Irrtum. Das palästinensische Flüchtlingsschicksal, sagt er, «ist ein Fortsetzungsroman». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.05.2009, 09:54 Uhr

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