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Heute Ägypten, morgen die Welt

Von Bruno Schirra*. Aktualisiert am 02.11.2011 32 Kommentare

Die Muslimbruderschaft gewinnt im arabischen Raum zunehmend an Einfluss. Verkommt der «arabische Frühling» zu einem islamistischen Winter?

Spiritueller Führer. Muslimbruder Yussuf al-Qaradawi wettert hasserfüllt gegen westliche Demokratien.

Spiritueller Führer. Muslimbruder Yussuf al-Qaradawi wettert hasserfüllt gegen westliche Demokratien.
Bild: Keystone

Der französische Philosoph André Glucksmann wusste im Februar, einer Kassandra gleich, mahnende Worte zu schreiben: «Wer Revolution und Freiheit sagt, meint nicht immer Demokratie, Respekt für Minderheiten, Gleichberechtigung, gute Nachbarschaft.» Was in revolutionstrunkener Glückseligkeit von vorzugsweise westlichen Kommentatoren als «arabischer Frühling» euphorisch gefeiert wurde, droht nun zu einem islamistischen Winter zu verkommen.

In Tunesien fährt die islamistische Ennahda-Partei einen fulminanten Wahlsieg ein. Westliche Journalisten runzeln nur kurz die Stirn. Die Islamistenpartei, so ist zu lesen, sei «moderat», sozusagen das muslimische Äquivalent der Schweizer SVP oder der deutschen CSU. Dass sich in Libyen immer stärker dschihadistische Milizen in den Vordergrund spielen, in Jemen, in Syrien dschihadistische sowie islamistische Gruppen von den Rändern her ins Zentrum der Aufstandbewegungen rücken? Nun ja.

Aufschwung des Islamismus

Der Islamismus, von vielen westlichen Auguren schon so oft – zuletzt in den Wochen des «arabischen Frühlings» – für tot erklärt, erlebt als Folge der Aufstände in der arabischen Welt nun einen furiosen Aufschwung. Das Wahlergebnis in Tunesien war zu erwarten, es wird sich am 22. November bei den Wahlen in Ägypten fortschreiben. Dort steht die Muslimbruderschaft vor einem grandiosen Wahlsieg – sollte die Wahl denn tatsächlich fair und demokratisch ablaufen. Selbstredend führen die frommen Brüder im Gespräch mit jedem westlichen Journalisten eloquent die Werte von «Demokratie, Freiheit und Menschenrechten» ins Feld und kommen so «moderat» her. Dabei wird übersehen, dass diese westlichen Werte durch die Muslimbruderschaft nur respektiert werden, solange sie nicht im Widerspruch zu den unumstösslichen Vorschriften der islamischen Scharia stehen. Dies allerdings ist der Fall. Der Inhalt der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ist universell gültig. Die Muslimbrüder fordern das unbedingte Primat der Scharia. Mit deren Kernvorschriften ist die UNO-Deklaration der Menschenrechte jedoch nicht vereinbar. Keine guten Aussichten für säkulare Frauen, Homosexuelle oder Menschen, die, Allah bewahre, vom Islam abfallen. Auf Letzteres kennt die Scharia nur eine Strafe: den Tod.

Auch keine guten Aussichten für die zehn Millionen ägyptischen Kopten. Die Christen Ägyptens würden in einem von der Muslimbruderschaft dominierten Land im besten Fall nur Bürger zweiter Klasse sein. Ihnen droht ein System der Apartheid, das sich aus dem Islam heraus sehr wohl theologisch legitimieren lässt. Nicht umsonst haben in den letzten sechs Monaten mehr als 100'000 Kopten das Land verlassen.

Perfektes Netzwerk

Die 1928 von dem Volksschullehrer Hassan al-Banna gegründete Muslimbruderschaft ist seit Generationen in der ägyptischen Gesellschaft tief verwurzelt. Auch in den Jahren der Unterdrückung, zuletzt durch das Regime Hosni Mubaraks, konnten die «Brüder» unaufhaltsam und stetig ihren Einfluss ausbauen.

Ob in den grossen Metropolen des Landes oder in den abgelegensten Dörfern: Die frommen Brüder sind überall vertreten und bestens vernetzt. Im Umfeld ihrer Moscheen bieten sie mit Suppenküchen, ärztlicher Versorgung, Bildungseinrichtungen seit Jahrzehnten Leistungen, die der ägyptische Staat der Masse der 83 Millionen Ägypter gegenüber noch nicht einmal in Ansätzen einlöst. Die Bruderschaft dominiert Standesvertretungen von Ärzten, Apothekern, Kaufleuten, Ingenieuren, Studenten, Anwälten. Sie kontrollieren ein weit verzweigtes Netz höchst unterschiedlicher Unternehmen, geniessen bis in die höchsten Offiziersränge der Armee hinein Ansehen und Unterstützung.

Ein perfektes Netzwerk zum Transport ihrer Auslegung des Islams. Die Ikwhan, wie sie sich selbst nennen, haben zudem Zugriff auf Milliarden US-Dollar. Nicht nur aus eigener Kraft. Aus Saudiarabien und aus den Emiraten am Golf flossen in den letzten Dekaden Jahr für Jahr Millionen Dollar in dreistelliger Höhe in die Kassen der Organisation. In einem Land, in dem das Durchschnittsalter der Bevölkerung gerade mal bei 24 Jahren liegt, hat die Mehrzahl der jungen Ägypter keine Zukunftsperspektive. Was nicht verwundert, angesichts fehlender Bildung. Ein Grossteil der Jugend spricht eben kein brilliantes Englisch, tummelt sich nicht libertinär in sozialen Netzwerken oder twittert ihre Sorgen, Wünsche, Hoffnungen ins Global Village hinein.

Erziehung zum Hass

Dem traditionell schlechten ägyptischen Bildungssystem setzen die Muslimbrüder ihr Erziehungssystem entgegen. Neben den klassischen Unterrichtsfächern findet in den Schulen der Bruderschaft eine Erziehung zum Hass statt. In Unterrichtsmaterialien spiegelt sich immer wieder die Glorifizierung einer Kultur des Todes. Der ist die Masse der ägyptischen Jugend seit Jahrzehnten ausgesetzt. Kein Wunder, dass die Zielsetzung der Muslimbruderschaft in weiten Teilen deckungsgleich mit den Wünschen einer Mehrheit der ägyptischen Bevölkerung ist. Eine repräsentative Umfrage des amerikanischen Meinungsforschungsinstitut, PEW ergab im Dezember 2010, dass sich 59 Prozent der Ägypter einen streng islamischen Staat wünschen, der von Islamisten, nicht von Reformern regiert wird.

Für diejenigen, die Religionsfreiheit einfordern und vom Islam abfallen, fordern gar 85 Prozent der Ägypter die Todesstrafe. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Mehrheit der ägyptischen Theologen und Intellektuellen, die für eine zeitgenössische Reform des Islams stehen, ins sichere westliche Exil fliehen mussten. Unvergessen das Schicksal von Faruk Foda. Der Vordenker eines liberalen Islams stützte sich bei seinen Thesen auf den Koran. Er wurde von der Bruderschaft verdammt und als Folge 1993 in Kairo auf offener Strasse ermordet. Kein Einzelfall.

Der Koran ist das Gesetz

Die frommen Brüder agieren seit langen Jahren weltweit. Ihr Endziel ist das globale Kalifat. In mehr als 80 Staaten unterhalten sie ihre Netzwerke. Deren Einfluss reicht weit über die islamische Welt hinaus. Auch in den USA, in Grossbritannien, Deutschland, der Schweiz und Österreich sind sie präsent. Auch hier gilt für alle ihre Aktivitäten das noch heute gültige Motto: «Allah ist unser Ziel. Der Prophet ist unser Führer. Der Koran ist unser Gesetz. Der Jihad ist unser Weg, auf Allahs Weg zu sterben, ist unsere höchste Hoffnung.»

Wer will, kann via Internet und bei Al Jazira miterleben, dass dies keine nur blumig-blutige Dschihad-Rethorik ist. Yussuf al-Qaradawi, der alleinige Spirituelle Führer der ägyptischen Muslimbruderschaft, macht in seinen öffentlichen Predigten, durch seine Rechtsgutachten, in seiner Talkshow, die wöchentlich mehr als 60 Millionen Gläubige erreicht, kein Hehl aus seinen Vorstellungen. Der Prediger Gottes wettert hasserfüllt gegen die westliche Demokratie «mit ihren schlechten Ideologien und Werten». Er fordert die körperliche Züchtigung von ungehorsamen Ehefrauen, rechtfertigt die Beschneidung der Genitalien von Mädchen und Frauen, fordert Selbstmordattentate innerhalb Israels, auch gegen Kinder und Frauen, denn die seien ja militarisiert. Al-Qaradawi steht dafür, dass der Islam als Eroberer nach Europa zurückkehrt. «Was bleibt, ist die Eroberung Roms», sagt er, «ich glaube, dieses Mal werden wir Europa erfolgreich erobern, nicht mit dem Schwert, sondern durch die Verbreitung islamischer Ideologie.»

Tief verwurzelter Antisemitismus

Aus seinem Hass Juden gegenüber macht der im Westen immer wieder als «moderat» gepriesene spirituelle Führer der Bruderschaft auch öffentlich kein Hehl. Im Interview mit seinem Haussender Al Jazira spricht er am 29. Januar 2009 von der «göttlichen Strafe für das verkommene jüdische Volk. Die ganze Geschichte hindurch hat Gott Leute gesandt, um sie für ihre Verkommenheit zu bestrafen.» Der Holocaust als letzte Strafe sei von Adolf Hitler vollzogen worden. Der habe die Juden auf ihren Platz verwiesen. So Gott wolle, werde «die nächste Strafe für die Juden durch die gesegneten Hände muslimischer Gläubiger vollzogen». Al-Qaradawis hasserfüllte Äusserungen reflektieren lediglich den in der ägyptischen Gesellschaft tief verwurzelten Antisemitismus.

Die derzeitige Führung der Muslimbruderschaft verteidigt das Recht der Palästinenser auf «Widerstand» Israel gegenüber. Gemeint sind Selbstmordattentate. Selbstverständlich auch innerhalb der Grenzen von 1967. Denn das ist heilige muslimische Erde. Vom Meer bis zum Fluss. Solange die von Juden beherrscht wird, kann die Antwort darauf nur «Widerstand» vulgo Terror sein. Den Terror der al-Qaida lehnt die Bruderschaft öffentlich ab, verschweigt jedoch schamhaft, dass ohne die Muslimbruderschaft al-Qaida gar nicht erst hätte entstehen können.

Verehrung von Terroristen

Die Muslimbruderschaft ist die Mutterorganisation fast aller sunnitischer Terrororganisationen. Sayyed Qutb und Abdallah Azzam, die beiden wichtigsten Vordenker des Dschihadismus, predigten Krieg und Terror als unabdingbare Mittel zur Durchsetzung ihrer religiösen Ziele. Beide waren an hervorragender Stelle Muslimbrüder. Zwar distanziert sich die Führung der Bruderschaft heute öffentlich von den beiden Ideologen des islamischen Terrors, dennoch geniessen beide innerhalb der Bruderschaft höchstes Ansehen, werden gar als «Märtyrer» verehrt.

Die wohl treffendste Einschätzung der Muslimbrüder kommt höchst überraschend aus völlig unerwarteter Ecke: «Die Muslimbruderschaft ist die Quelle aller Probleme der islamischen Welt. Sie haben alle ihre Versprechen verraten. Die Muslimbruderschaft hat die arabische Welt zerstört.» Der dies sagt, hat jeden Grund zur Klage. Jahrzehnte hat der saudische Innenminister Prinz Naif die Muslimbruderschaft mit Milliarden Dollar unterstützt.

Umso mehr muss es ihn erschüttert haben, als ihm die USA Beweise vorlegten, denen zufolge alle 19 Selbstmordattentäter, die die Terroranschläge des 11. September 2001 durchführten, Verbindungen zur Muslimbruderschaft hatten. Peinlich für den Prinzen, hatte der doch immer behauptet, dass es nicht saudische Staatsbürger gewesen sein konnten. Es sei natürlich der Mossad gewesen.

* Bruno Schirra ist ein deutscher Publizist und lebt in Frankreich. (Basler Zeitung)

Erstellt: 02.11.2011, 12:02 Uhr

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32 Kommentare

Hans Gysin

02.11.2011, 13:05 Uhr
Melden 52 Empfehlung

Wir Nichtmuslime müssen uns alle warm anziehen. Diese Brüder werden uns alle noch überraschen, mit ihrer Intoleranz, dem Hass und den Ausrottungsgedanken gegen Andersdenkende. Mir war dieser Frühling schon zu Beginn mehr als Suspekt. Und jetzt wollen die Schweizer Ableger dieser Extremisten uns weismachen, dass man sie diskriminiert. Ja, wo lebe ich denn? Dieser Islam hat hier nichts verloren! Antworten


Ernst Bütler

02.11.2011, 12:22 Uhr
Melden 43 Empfehlung

Wer jetzt immer noch nicht einsieht, dass der Islam zu bekämpfen ist, dem ist nicht mehr zu helfen. Unsere westliche freiheitlich-demokratische Rechtsordnung verträgt sich nicht mit dem Islam. Der Westen allerdings zuckt nur mit den Schultern, ohne das merken zu wollen? Wir schaffen uns selbst ab, ohne Widerstand zu leisten. Westliche Demokratien, wacht endlich auf! KeineToleranz der Intoleranz! Antworten



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