Ausland
«Ich bin einem israelischen PR-Konzert ausgesetzt»
Interview: David Vonplon. Aktualisiert am 06.01.2009 65 Kommentare
«Faktisch eine Beeinflussung der Medienarbeit»: André Marty in einer Live-Schaltung für die SF-Tagesschau.
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Herr Marty, Sie berichten für das Schweizer Fernsehen SF vom Krieg Israels im Gazastreifen. Wo befinden Sie sich derzeit?
Wir sind unterwegs an der israelischen Grenze zum Gazastreifen. Seit zehn Tagen ist das Gebiet militärische Sperrzone. Das heisst, wir haben nur beschränkte Bewegungsmöglichkeiten und kommen nicht einmal in die Nähe von Truppen, geschweige denn in den Gazastreifen hinein. Vom eigentlichen Kriegsgeschehen sind die Medien weitgehend ausgeschlossen.
Israel hat die Grenzen zum Gazastreifen für Journalisten geschlossen. Was bekommt man als Korrespondent überhaupt mit?
Wir sind angewiesen auf die Telefonverbindungen in den Gazastreifen – sofern sie denn überhaupt funktionieren. Ich kann mich nur auf Telefongespräche von Kolleginnen und Kollegen im Gazastreifen verlassen und auf Angaben des IKRK. Zugleich aber bin ich einem israelischen PR-Konzert von unzähligen Sprechern von verschiedensten Regierungsstellen und Lobbygruppen ausgesetzt. Und auf palästinensischer Seite im Gazastreifen gibts bloss Propaganda-Videos der Hamas zu sehen. Was tatsächlich im Gazastreifen in diesem Krieg geschieht, kann ich deshalb kaum verifizieren.
Wie gehen Sie mit dieser Propaganda um?
Selbstverständlich höre ich diesen Informationsquellen zu, aber es gilt zu filtern. Meine Aufgabe ist es ja, einzuordnen. Denn jeder Krieg ist auch ein Propagandakrieg. Und dieser Krieg hat in dieser Hinsicht neue Dimensionen angenommen.
Inwiefern?
Ich war in meiner Tätigkeit als Journalist noch nie einer solchen Lawine von Beeinflussungsversuchen auf die Berichterstattung ausgesetzt. Es gibt ganz konkreten Druck von Seiten der Israeli, die Militärzensur einzuhalten. Wer sich nicht daran hält, riskiert, dass ihm die Akkreditierung entzogen wird, was einem faktischen Arbeitsverbot gleichkäme.
Im Golfkrieg sprach man von den «embedded Journalists», die die US-Truppen auf ihrem Feldzug nach Bagdad begleiteten. Geht Israel noch einen Schritt weiter?
Das kann man sagen. Das ist eine Verfeinerung der Zensur zu lasten der unabhängigen Informationsarbeit. Beispielsweise hat der Chef des israelischen Government Press Office erklärt, dass es richtig sei, die Journalisten nicht in den Gazastreifen reinzulassen. Denn so könne man endlich über die armen Kinder berichten, die auf israelischer Seite von Raketen beschossen werden. Als ob wir über diese Gebiete nie berichtet hätten!
Kriege werden mit Bildern geführt. Woher stammen die Bildbeiträge, welche den Zuschauern vorgesetzt wird?
Auch hier haben die israelischen Behörden und Militärs aus dem Libanon-Krieg im Sommer 2006 gelernt. Damals hatte man recht lange gar keine Bilder zur Verfügung gestellt. Diesmal werden rasch Pressekonferenzen durchgeführt, in denen man auffallend bemüht ist, stets auch Englisch zu sprechen. Gezeigt werden da Flugaufnahmen der israelischen Luftwaffe zur Verfügung gestellt, die an Computerspiele erinnern. Der Krieg wird sterilisiert. Die Opfer werden anonymisiert, beziehungsweise es gibt gar keine Opfer mehr. Aus israelischer Optik mag das nachvollziehbar sein, faktisch ist es eine Beeinflussung der Medienarbeit.
Wie läuft die Zusammenarbeit mit der palästinensischen Seite?
Es ist nicht auszuschliessen, dass wir auch da einer Propagandafalle erliegen. Beispielsweise kann niemand sagen, wie viele Tote dieser Krieg bisher tatsächlich gefordert hat. Natürlich sehen wir Bilder aus den Spitälern. Es gibt aber kaum Vertreter von Nichtregierungsorganisationen, die sich noch im Gazastreifen befinden und Informationen liefern. Dabei wäre es enorm wichtig, dass unabhängige Quellen verifizieren könnten, was im Gazastreifen wirklich passiert.
Wie reagieren die Medienvertreter auf die Zensur?
Es dürfte kein Zufall sein, dass Paula Hankock, Anchorwoman von CNN, auf dem Sender die herrschende Situation hier mit Zuständen in Nordkorea und Burma verglichen hat. Die Foreign Press Association, ein Zusammenschluss ausländischer Journalisten in Israel, spricht von einem gravierenden Eingriff in die Medienfreiheit. Ich sage das nicht, weil ich Partei ergreifen will für die eine oder andere Seite, sondern weil wir an unserer unabhängigen Medienarbeit gehindert werden.
Wie gefährlich ist die Lage für die Journalisten?
Die Situation ist nicht vergleichbar mit jener der Menschen im Gazastreifen. Wir auf der israelischen Seite versuchen, das Restrisiko zu minimieren. Bei einem Alarm haben wir 10-15 Sekunden Zeit, uns in Sicherheit zu bringen.
Es gab in den letzten Tagen einige Raketeneinschläge in der Nähe. Auch wir mussten uns einige Male innert weniger Sekunden in Schutz bringen.
Sie schreiben in Ihrem Blog von einer Horde von Kriegsreportern, die in den letzten Tagen eingeflogen ist, und sprechen von «Schmeissfliegen». Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Wenn ein amerikanischer Fotograf kommt, und fragt, wo sind denn nun die Toten; oder wenn die Horde ein Entrecote bestellt und sich mit zynischen Scherzen versucht in einem Restaurant die Zeit zu vertreibend, ist das nicht unbedingt ein der Situation angemessenes Verhalten.
Abschlussfrage: Sie wurden vom Schweizer Fernsehen gebeten, künftig auf Ihren Schal zu verzichten, da sie dies «irgendwie zum Palästinenser» mache, wie Sie in Ihrem Blog schreiben. Werden Sie auf die Bitte Ihrer Kollegen eingehen?
(lacht) Ich denke, die Berichterstattung des Schweizer Fernsehens wird sich nicht an einem Schal eines Korrespondenten zu orientieren haben.
(baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 06.01.2009, 11:23 Uhr
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65 Kommentare
Kein Wunder, so unprofessionell und einseitig wie Marty ständig berichtet. Von einem Korrespondenten vor Ort erwarte ich eine ausgewogene, sorgfältig rechechierte Berichterstattung. Falls er dem nicht gerecht wird - und das ist bei Marty so - bietet er den Zuschauern keinen Mehrwert und stellt seine Arbeit gleich selbst in Frage. Antworten










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