Ausland
«Ich bin gefährlicher als Hugh Hefner»
Zur Person
Joumana Haddad (38) ist Dichterin und Kulturredaktorin der libanesischen Zeitung «An-Nahar». Ende 2008 erschien die erste Ausgabe ihres Erotikmagazins «Jasad», das sich durch Beiträge namhafter Schriftsteller, Künstler und Fotografen auszeichnet und Tabus bricht in einer Gesellschaft, die den Körper weitgehend verhüllt und verschweigt.
Haddad hat fünf Gedichtbände geschrieben, die in zahlreiche Sprachen übersetzt werden. Auf Deutsch: «Damit ich abreisen kann» (Lisan-Verlag) und «Liliths Wiederkehr» (Verlag Hans Schiler). Sie selber spricht sieben Sprachen und hat zahlreiche Bücher übersetzt. 2006 erhielt sie den Arab Press Prize. (sus)
Ein Gespräch mit Joumana Haddad über verlorene Freizügigkeiten und den Schaden, den der Schutz «eigener Werte» anrichtet.
Joumana Haddad, Sie sind als Schöpferin sinnlich-erotischer Gedichte bekannt, haben das erste Erotikmagazin der arabischen Welt auf die Beine gestellt und diskutieren jetzt am Internationalen Literaturfestival Berlin über «Sex and Gender». Warum ist Erotik für Sie so wichtig?
Seit ich schreibe, also seit meinem zwölften Lebensjahr, ist mein Körper das Universum, in dem sich mein poetischer Ausdruck bewegt. Schreiben ist für mich ein stark physischer Prozess. Ich sage immer, dass ich mit den Fingernägeln schreibe, auf meine Haut, auf meinen Körper. Ich will die Oberfläche wegkratzen. Dazu benutze ich meine Nägel und meinen Körper, sie sind meine Werkzeuge. Erotik ist der Puls des Lebens und gibt mir am meisten das Gefühl, lebendig zu sein. Wobei Erotik sehr nahe bei der Todeserfahrung liegt.
Hat diese Nähe mit Ihrem Leben in Libanon zu tun, einem Land, das von Krieg und Gewalt geprägt, anderseits äusserst vital und kreativ ist?
Als der Bürgerkrieg in Libanon begann, war ich 4 Jahre alt; als er endete, 21. Die Gewalt ist bis heute präsent. Ich weiss nicht, ob es angebracht ist, zu sagen, dass ich dankbar bin für all die schrecklichen Dinge, die ich erlebt habe, aber sie haben mich zu der gemacht, die ich jetzt bin. Ich gebe nie auf. Ich versuche voranzuschreiten und wirklich zu leben. Neue Herausforderungen sind meine Sucht. Und das hat mit all dem Tod zu tun, den ich gesehen habe.
Ihre jüngste Herausforderung ist «Jasad», das Erotikmagazin, das Sie herausgeben. Wie ist es dazu gekommen?
Ich hatte immer über den Körper und Erotik geschrieben und deshalb viele Probleme bekommen. Warum also nicht die Grenze weiter hinausrücken und ein Kulturmagazin über den Körper machen? Ich gründete meinen eigenen kleinen Verlag, um unabhängig zu bleiben, entwickelte das Konzept und suchte freie Mitarbeiter für die erste Ausgabe.
Wie finanzieren Sie das Magazin?
Ich kann die freien Mitarbeiter bezahlen, wenn auch nicht luxuriös. Wer immer in diesem Heft schreibt, tut das auf Arabisch und in seinem Namen. Ich habe selbst Geld hineingesteckt; die Verkäufe laufen sehr gut. Ein Exemplar kostet zehn Dollar. Ich fing mit einer Auflage von 3000 Exemplaren an, heute sind es 6000.
Und wie wird das Heft verteilt?
In Libanon kann man es überall kaufen. Es hat eine Nylonhülle mit einem Siegel: «Nur für Erwachsene». In der übrigen Welt wird es an die Abonnenten verschickt. In Europa kann man es in Paris und London in einer Buchhandlung kaufen.
Normalerweise sind Erotikmagazine Männersache. Vertreten Sie einen weiblichen oder feministischen Ansatz?
«Jasad» ist ein Magazin über den Körper, und Erotik ist selbstverständlich stark präsent. Aber es geht nicht um Erotika: Es geht auch um Erotik in Philosophie, Religion und allen ihren Repräsentationen. Ich bin kein Hugh Hefner der arabischen Welt. Ich bin viel gefährlicher als der «Playboy»-Gründer.
Inwiefern?
Weil ich eine Frau und eine Araberin bin und weil ich keine Masturbationsvorlage für Männer produziere. Mein Magazin trägt zur Reflexion all der Tabus bei, die wir heute in der arabischen Welt haben – und die wir vor tausend Jahren nicht hatten. In unserem kulturellen Erbe des 9. und 10. Jahrhunderts finden sich eine immense Freiheit des Ausdrucks und ein Ausmass an Sinnlichkeit, Erotik und Unverblümtheit, die verschwunden sind.
Warum?
Aus zahlreichen Gründen. Einer ist der religiöse Extremismus. Ein anderer die defensive Reaktion auf alles, was man als westliche Invasion ansieht. Die Araber versuchen, ihre Werte zu schützen. Aber je mehr man das Eigene schützt, desto introvertierter, verschlossener, engstirniger und frustrierter wird man. Das ist traurig.
Wie reagiert die Geistlichkeit auf «Jasad»?
Religiöse, aber auch nicht-religiöse Autoritäten sind verärgert und versuchen das Magazin zu stoppen. Glücklicherweise sind zwei Schlüsselfiguren in der Regierung, der Informations- und der Innenminister, weltoffene, gescheite Intellektuelle. Sie hätten die Macht, das Heft zu verbieten, und dagegen könnte ich überhaupt nichts tun. Doch beide haben den Druckversuchen bisher standgehalten.
Ihr Magazin lässt Frauen und Männer über ihre ersten sexuellen Erfahrungen sprechen. Ist es nicht schwierig, Personen dafür zu finden?
Schwierig ist es, sie zu überzeugen, es in ihrem Namen zu tun. Vor einem Monat erhielt ich eine wunderschöne Geschichte von einer Frau über ein Paar, das sich beim Sex filmte. Die Autorin wollte sie aber nur unter falschem Namen publizieren. Das lehnte ich ab. Dann schrieb ich ihr alle paar Tage eine E-Mail und forderte sie auf, den Mut aufzubringen für diese schöne Geschichte. Schliesslich erklärte sie sich einverstanden, dass sie unter ihrem Namen erscheint. Für mich ist das ein grosser Sieg. Ich glaube an die kleinen Schritte bei der Veränderung der Gesellschaft.
Da müssen Sie noch viele Schritte tun. Im Westen sehen wir uns wachsenden muslimischen Gemeinschaften gegenüber, die sich mit ihren rückwärtsgewandten Ideologien abschotten. Woher kommt diese Tendenz?
Ich habe gerade ein Buch fertig geschrieben, das sich mit den Klischees beschäftigt, die im Westen über arabische Frauen kursieren. Die frustrierte, verhüllte, unterwürfige Frau – die Mehrheit der arabischen Frauen ist tatsächlich so. Aber was mich wütend und traurig macht, ist, dass die Minderheit der arabischen Frauen ignoriert wird – jene, die nicht so sind, die es verdienten, gesehen, anerkannt und diskutiert zu werden, weil sie die Hoffnung auf Veränderung verkörpern. Eine Araberin, die wie eine Westlerin daherkommt, wird gar nicht als Araberin wahrgenommen. Daher ist das traditionelle Modell das einzige, das im Westen präsent ist. Es ist wie ein Teufelskreis. Je mehr die Europäer diese defensiven radikalen Immigranten sehen, desto mehr tendieren sie dazu, furchtsam und feindselig zu sein. Und je feindseliger sie sich gegenüber den Arabern verhalten, desto radikaler werden diese.
Konservative Muslime hüllen bereits ihre kleinen Mädchen in ein Kopftuch, um sie vor männlichen Blicken zu schützen. Warum gilt der Körper als so gefährlich ?
Das war früher nicht so. Die Araber schrieben früher über Sexualität und Erotik ohne Einschränkungen und Scham. Heute dominieren Doppelmoral und Schizophrenie. Einerseits werden Mädchen zu anständigem Verhalten angehalten, aber andererseits können bereits 13-jährige Mädchen verheiratet werden. Das ist institutionalisierte Pädophilie. Es gibt sogar Gesetze, die es erlauben, ein Baby zu heiraten.
Kann ein Magazin wie «Jasad» diese Schizophrenie auflösen?
Es kann dazu beitragen. Ich habe mich für das Thema des Körpers entschieden. Andere kämpfen auf anderen Schlachtfeldern. Wenn wir alle für unsere Überzeugungen einstehen, können wir etwas verändern und die Welt zu einem besseren Ort für uns alle machen. (Der Bund)
Erstellt: 12.09.2009, 14:00 Uhr
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