Ausland
Interviews mit den Schlächtern von Nigeria
Gelassen erzählt der jungenhafte Mann, wie er zwei Frauen und einen Mann tötete. Dem Reporter der «New York Times» schildert er kühl, wie er die Nacht «der blutigen Rache» erlebte. Zuerst habe er seine Opfer mit einem Stock geschlagen, anschliessend mit einem kurzen Messer erstochen.
Der Mann heisst Dahiru Adamu, ist 25 Jahre alt und war einer der muslimischen Viehzüchter, welche in der Nacht auf Sonntag drei Dörfer südlich der zentralnigerianischen Stadt Jos überfallen und Christen mit Macheten oder Äxten getötet haben. In den vergangenen zwei Tagen seien 332 Menschen in Massengräbern beigesetzt worden, wie das Rote Kreuz in Nigeria berichtet – insgesamt werden bis zu 500 Tote befürchtet. Die nigerianische Polizei dagegen hat gestern die Opferzahl auf 109 nach unten korrigiert. Von Beobachtern wird diese Zahl aber angezweifelt.
«Ich wusste, die Zeit für Rache war gekommen»
Die Polizei hat Dutzende Angehörige des muslimischen Nomadenvolks der Fulani festgenommen, die an dem Massaker beteiligt gewesen sein sollen. Die «New York Times» hat einige von ihnen auf dem Polizeihauptquartier in Los besucht, wo sie aufgereiht auf dem Boden sassen.
Dahiru Adamu gibt offen zu, mit dem Ziel in das Dorf Dogo Na Hawa aufgebrochen zu sein, sich an den Christen für ein früheres Massaker an seinen Leuten im Januar zu rächen.
Die Operation sei ein paar Tage zuvor von der Gruppe «Dank sei Allah» geplant worden, wie ein weiterer Gefangener namens Ibrahim Harouna sagt. «Sie haben im Januar viele von uns Fulani getötet», so Adamu «ich wusste, die Zeit für Rache war gekommen».
Als Dahiru Adamu das Dorf der Christen mitten in der Nacht erreichte, schliefen seine Opfer noch. Er habe ihre Häuser in Brand gesteckt und gewartet, bis sie schreiend herausgekommen seien. Mit ruhiger Stimme sagt er dem Journalisten: «Ich habe drei Menschen getötet.»
Frauen wurden zu Tode gehackt
Die Schilderungen der jungen Mörder decken sich mit den Augenzeugenberichten, denen zufolge die Angreifer zunächst wild in die Luft schossen, um die Dorfbewohner aus ihren Hütten zu vertreiben, um die Fliehenden anschliessend mit Macheten-Hieben zu töten.
«Hilflose Menschen, wie Kinder, Frauen und ältere Männer, die nicht mehr rennen konnten, wurden zu Tode gehackt», sagte Mark Lipdo von dem christlichen Hilfswerk Stefanus-Stiftung gegenüber der BBC. In dem Dorf Ratt seien praktisch alle Hütten angezündet worden, hiess es: Zahllose Menschen verbrannten offenbar in ihren Hütten.
Ein weiterer Gefangener im Polizeiquartier, der 20-jährige Zakaria Yakubu, erzählt: «Eine Person ist auf mich zu gerannt, ich habe sie mit einer Machete getötet.» Er habe damit einen Freund rächen wollen, der im Januar erschossen worden sei.
Streit um knappes Weideland
In Jos wird davon ausgegangen, dass es sich bei den jüngsten Angriffen um Racheakte handelt. Bereits Ende Januar waren bei Zusammenstössen in derselben Region rund 400 Menschen umgekommen: Damals hatte es sich bei den Opfern sowohl um muslimische Hausa und Fulani als auch um christliche Beroms gehandelt.
Der Konflikt zwischen den verschiedenen Bevölkerungs- und Religionsgruppen wird vom Streit um knappes Weideland verschärft: Schon im November 2008 waren während bewaffneter Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit Lokalwahlen im Bundesstaat Plateau mehr als 700 Menschen getötet worden.
Machtvakuum verschärft Krise
Den fortgesetzten Gewalttätigkeiten wird auch insofern besondere Bedeutung beigemessen, als sich Nigeria gegenwärtig in einem Machtvakuum befindet. Präsident Umaru Yar’Adua ist derzeit schwer krank, sein Stellvertreter Goodluck Jonathan hat vorübergehend die Geschäfte übernommen, wird aber von Yar’Aduas Gefolgsleuten desavouiert. Im kommenden Jahr finden in dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas wieder Wahlen statt: ein Anlass, bei dem es in dem Vielvölkerstaat regelmässig zu Unruhen kommt.
Die vor allem in den nördlichen Bundesstaaten lebenden Muslime gehen davon aus, dass sie für eine weitere Legislaturperiode den Präsidenten stellen können: Doch Goodluck Jonathan, der sich für den «natürlichen» Nachfolger Yar’Aduas hält, ist Christ und aus dem Süden. (bru)
Erstellt: 11.03.2010, 13:01 Uhr












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