Ausland
Israel hat jedes Mass verloren
Von Peter Münch. Aktualisiert am 01.06.2010 18 Kommentare
Kurz vor dem Angriff: Die Aktivisten geben eine Pressekonferenz auf der Marmara. (Bild: Keystone )
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Am Anfang stand die Demonstration der Stärke. Seit Tagen schon war alles vorbereitet, die Marine zeigte sich gerüstet für den Showdown, denn niemand sollte glauben, dass er Katz und Maus spielen könne mit dem Militär des Staates Israel. Am Ende stehen Szenen wie aus einem Krieg und ein Blutbad auf hoher See. Eine internationale Hilfsaktion für die Menschen im abgeriegelten Gazastreifen ist in eine Katastrophe gemündet.
Gewiss hat niemand gewollt, dass es so schlimm kommt. Aber ebenso gewiss ist, dass es irgendwann so schlimm kommen musste. Denn die Regierung in Jerusalem hat – nicht nur in diesem Fall – das Mass verloren, mit dem sie für ihre Ziele kämpft.
Allzeit und überall abwehrbereit
Israel sieht sich als Nation im Krieg. Selbst wenn nicht gekämpft wird, ist die Bedrohung allgegenwärtig. Wohl nirgends auf der Welt heulen so oft die Sirenen zu Probezwecken, nirgends wird so ausgiebig über die Verteilung von Gasmasken und die Abwehr terroristischer Angriffe diskutiert. Das ist eine Konsequenz aus der Geschichte dieses Landes, das in den 62 Jahren seiner Existenz nie zur Ruhe kam und bis heute umringt ist von Feinden.
Dies führt jedoch dazu, dass alles aus dem Blickwinkel der Bedrohung betrachtet wird und das Land allzeit und überall abwehrbereit ist. Dies ist der Kern der israelischen Staatsräson. Der Umgang mit diesem brisanten politischen Axiom erfordert enormes Verantwortungsbewusstsein.
Israelische Politik versagt
Notwendig wäre dafür ein hohes Mass an Differenziertheit und Fingerspitzengefühl. Die israelische Politik jedoch versagt auf ganzer Linie vor dieser Verantwortung. Als sechs Schiffe voller Hilfsgüter Kurs auf den Gazastreifen nahmen, wurde die Marine in Alarmzustand versetzt, als gelte es, eine feindliche Armada abzuwehren. Die unbedingte Aufrechterhaltung der Gazablockade, die eigentlich nichts anderes ist als eine Strafaktion gegen 1,5 Millionen Palästinenser, wurde gleichsam in den Kern des israelischen Überlebenskampfes inkorporiert. Eine Niederlage durfte es auf diesem Feld nicht geben, koste es, was es wolle. Mit einem Tunnelblick haben Israels Streitkräfte nun den schlimmstmöglichen Schaden angerichtet – für die Stellung ihres Landes in der Welt.
Es wird nicht reichen, sich damit zu rechtfertigen, dass die Soldaten beim Kapern von den Aktivisten angegriffen worden seien. Es klingt angesichts der Kräfteverhältnisse und der Opferzahlen fast obszön, wenn der Armeesprecher angibt, die Soldaten hätten sich gegen Lynch-Attacken zur Wehr setzen müssen.
Druck nimmt bedrohliche Ausmasse an
Gewiss waren neben Galionsfiguren wie dem schwedischen Schriftsteller Henning Mankell oder den europäischen Abgeordneten auch Heisssporne auf den Schiffen. Doch eine professionelle Armee – die so viel auf sich hält wie die israelische – muss mit Widerstand von Zivilisten umgehen können, wenn sie sich auf eine solche Aktion einlässt. Nichts rechtfertigt dieses Schiessen und Töten.
Der blutige Schlag gegen die Gazaflottille wird Israel nun international weiter ins Abseits drängen. Eindeutiger könnten die Reaktionen nicht sein: Die Türkei, die einmal als Brücke zwischen dem jüdischen Staat und der muslimischen Welt dienen wollte, spricht von irreparablem Schaden. Der Westen ist bestürzt und konsterniert, und die Araber fordern wütend eine Bestrafung Israels. Ein Druck baut sich auf, der bedrohliche Ausmasse annimmt.
Augen zu und durch
Die israelische Politik hat nach diesem Desaster nun zwei Möglichkeiten, zu reagieren. Sie kann zum einen so handeln wie nach dem Gazakrieg vor anderthalb Jahren, der 1400 Palästinenser das Leben kostete, unter ihnen viele Zivilisten: Augen zu und durch war die Devise. Vorwürfe wegen Kriegsverbrechen werden bis heute kategorisch zurückgewiesen, der im Auftrag der UNO angefertigte Untersuchungsbericht wird als parteiisch verurteilt. Israel könnte sich also einrichten auf seinem Stammplatz am Pranger der Weltgemeinschaft – in dem kurzfristig sogar bequemen Bewusstsein, der feindlichen oder zumindest ignoranten Welt sowieso nicht erklären zu können, warum der Zweck fast alle Mittel heiligt.
In der israelischen Regierung gibt es genügend Kräfte, die diesen Kurs befördern könnten. Das Aussenministerium des Poltergeistes Avigdor Lieberman sieht sich gar als Bastion zur Verteidigung des israelischen Stolzes. Das Problem an dieser Haltung ist allerdings, dass sie die Kluft zwischen der Selbstwahrnehmung und der Fremdwahrnehmung immer weiter vergrössert – und diese Kluft muss Israel irgendwann zum Verhängnis werden. Denn das Land, das von so vielen Seiten angefeindet wird, ist dringend auf Freunde angewiesen. An diesen Freunden – in Washington und in den europäischen Hauptstädten – ist es nun, auf Israel einzuwirken. Die Regierung in Jerusalem hat sich verrannt in selbstbezogene Alleingänge.
Damit gefährdet Israel nicht nur seine eigene Position in der Welt, sondern auch die Suche der Welt nach Frieden in einer der gefährlichsten Regionen auf dem Globus. Der völlig überzogene Militäreinsatz gegen die Schiffe mit den Hilfsgütern sollte nun zur Umkehr mahnen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.06.2010, 14:56 Uhr
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18 Kommentare
war es bloss ein Akt der Verteidigung der Aktivisten, welche illegal nach Piratenmanier geentert wurden. Nun müssen die Medien beweisen, dass sie sich von der PR-Schlacht nicht einlullen lassen, sondern noch fähig sind, selbst zu recherchieren. Antworten
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