Ausland
Juden im Iran pflegen stolz ihre 2500 Jahre alte Kultur
Von Astrid Frefel, Teheran. Aktualisiert am 30.07.2009
Im ersten fahlen Morgenlicht kommt langsam Leben in die Yousef Abad Synagoge. Von aussen deutet nichts auf das imposante jüdische Gotteshaus im Zentrum Teherans hin. Es steht diskret hinter einer grauen Mauer. Etwa drei Dutzend Männer und eine Handvoll Frauen finden sich nach und nach zum Frühgebet ein; die meisten sind älter, nur ganz wenige junge Leute sind unter ihnen. In der mit blauen Fayencen verzierten «Kinisa» - wie Synagogen auf persisch heissen - hätten eigentlich mehrere Hundert Gläubige Platz.
Wurzeln in der vorislamischen Zeit
Die Männer binden sich ihre ledernen Gebetsriemen um Arm und Stirn und legen den Gebetsschal um. Gebetet wird in Hebräisch, das unverkennbar von der persischen Sprachmelodie geprägt ist. Es ist Donnerstag, und der Vorbeter holt auch die Tora aus dem mächtigen, hölzernen Tora-Schrein und führt sie in einer Prozession durch die Gemeinde. Auch Israel wird im Gebet eingeschlossen. Mit Gurken und Mandarinen gestärkt, machen sich die Gläubigen danach auf den Weg zur Arbeit. Am Tor wird die Kippa, die traditionelle jüdische Kopfbedeckung, wieder eingepackt.
Es sind Szenen, wie man sie in der islamischen Republik nicht unbedingt erwarten würde. Die Yousef Abad Synagoge ist eines von zwei grossen jüdischen Gebetshäusern in Teheran, die noch in Funktion sind. Gebaut wurde sie vor rund 40 Jahren. Mehrere ältere Synagogen im Süden der Stadt, dem ursprünglichen Judenviertel, sind nicht mehr in Betrieb. «Am Sabbat, dem jüdischen Feiertag, kommen sehr viel mehr Leute zum Gebet. Hebräisch verstehen aber höchstens noch fünf Prozent», erklärt Arash Abaie, der in der Gemeinde als Religionslehrer aktiv und in seinem Brotberuf als Ingenieur in einer privaten Baufirma tätig ist. Er ist wie Rabbi Younes Hammami Autodidakt, denn es gibt kein theologisches Seminar und derzeit auch keine hebräischen Sprachkurse mehr.
Die jüdische Gemeinde im Iran - die grösste im nahen Osten ausserhalb von Israel - ist in den letzten Jahrzehnten stetig geschrumpft. Heute zählt sie noch rund 20'000 Mitglieder (1930 waren es etwa 60'000). Die Hälfte von ihnen lebt in Teheran. Sie sind meist selbständige Händler, Ladenbesitzer oder Ingenieure und kaum mehr Intellektuelle. «Die Juden sind keine Einwanderer, sondern haben hier tief verankerte Wurzeln, die über 2500 Jahre zurückreichen. Deshalb fühlen wir uns zuerst als Iraner und dann als Juden», erläutert Abaie. Jüdische Einrichtungen vom Kindergarten über die Schule, den Frauen- und den Künstlerverein bis zum Spital und dem Altersheim machen auch heute noch traditionelles jüdisches Leben in jeder Phase möglich.
Geld vom Staat für Spital und Altersheim
Die Frage, wie viele jüdische Bewohner oder Angestellte er hat, findet Gaid Naim unwichtig. «Wir sehen die alten Menschen, nicht ihre Religion», betont der Direktor des jüdischen Altersheims im Osten der Stadt. Sein Augenmerk gilt der guten Pflege und der wissenschaftlichen Arbeit. Abgeschirmt von der Hektik der Millionen-Metropole liegt das Heim in einem gepflegten Park mit viel Grün und farbigen Blumen. Die Bewohner scheinen sich wohl fühlen. Die Küche ist koscher, und ein Festmahl gibt es zum persischen Neujahr genauso wie zu den muslimischen und den jüdischen Feiertagen. Wie beim jüdischen Spital, wo 99 Prozent der Patienten Muslime sind, ist auch im Altersheim die Leitung jüdisch, ein ansehnlicher Teil des Geldes für den Betrieb kommt aber vom Staat.
Die Juden des Iran sind stolz auf ihre Tradition, sie leben aber sehr diskret und trennen strikt zwischen Religion und Politik. «Wir akzeptieren jede Regierung, ob König oder wie heute die islamische Republik», sagt der Religionslehrer Abaie. In dem Jahrhunderte dauernden Miteinander gab es bessere und schlechtere Zeiten. Die anti-israelische Rhetorik von Präsident Mahmoud Ahmadinejad wird immer wieder begleitet von Äusserungen in den einheimischen Medien, die anti-jüdische Gefühle schüren. Dabei wird oft kein Unterschied zwischen der Religion und dem Staat Israel gemacht, so dass der Eindruck entstehen kann, die israelische Politik würde von allen Juden unterstützt. Vieles ist aber auch leere Rhetorik. So wird seit der islamischen Revolution vor bald 30 Jahren bei jedem Freitagsgebet ganz mechanisch «Nieder mit Israel» skandiert. Alle machen mit, kaum jemand überlegt sich etwas dabei.
Als Ahmadinejad die Opferzahlen des Holocaust in Zweifel zog, blieben die Vertreter der Juden im Iran aber nicht stumm. «Ich habe an einer Pressekonferenz erklärt, dass der Präsident dieses Leid nicht anerkenne, sei eine grosse Beleidigung für die Juden in der ganzen Welt», sagt Morris Motamed. Motamed, der frühere Abgeordnete der jüdischen Minderheit im iranischen Parlament. Die Atmosphäre gegenüber den Juden habe sich nach diesem Vorfall aber nicht verändert, erklärt Motamed.
Gehen oder bleiben?
Für ihre Rechte kämpfen die religiösen Minderheiten im Iran gemeinsam. Sie verfügen nun über ein eigenes staatliches Budget und sind beim Blutgeld den Muslimen gleichgestellt. Auch der Zugang zu staatlichen Jobs wurde erleichtert. Seit acht Jahren könnte man problemlos über ein Drittland - meist Zypern oder die Türkei - nach Israel reisen, erwähnt Motamed eine weitere wichtiger Verbesserung. Wobei nicht alle iranischen Juden überzeugt sind, ob eine solche Reise wirklich frei von Gefahren ist.
Seit die Konservativen regieren, ist es schwieriger geworden, weitere Forderungen durchzusetzen. Mit der Ungleichbehandlung im Erbrecht und bei der Blutrache bleiben zwei grosse Probleme für die nicht-islamischen Minderheiten ungelöst. Sich anpassen oder gehen, ist die Frage, die sich für die iranischen Juden genauso stellt wie für viele andere Iraner. Aber die meisten wollen bleiben, vor allem die, die ein gutes Auskommen haben. Derzeit sei die Auswanderungsrate der Juden - sie gehen zu 90 Prozent in die USA und zu 10 Prozent nach Israel - die geringste von allen Minderheiten, betont Motamed. Er ist überzeugt, dass das «Kalimi» - das «Volk des Buches», wie die Iraner die Juden oft nennen - auch in Zukunft ein lebendiger Bestandteil der iranischen Gesellschaft sein wird. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.07.2009, 23:10 Uhr




