Ausland

Junge Iraner wollen Wohlstand, nicht politische Freiheit

Aktualisiert am 22.06.2009

Arbeitslosigkeit, Armut, Korruption: Bei den Protesten gegen den Wahlausgang lassen die iranischen Jugendlichen ihrem Frust freien Lauf.

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Die Mehrheit der iranischen Jugendlichen sieht die eigene Zukunft pessimistisch.
Bild: Reuters

   

Die Bilder der demonstrierenden Massen in Teheran zeigen es deutlich: Die iranische Bevölkerung ist jung. Von den rund 72 Millionen Iranern sind über 60 Prozent unter 30 Jahre alt. Die Demonstranten gehen allerdings nicht nur wegen des Ausgangs der Präsidentenwahl auf die Strasse. Die Gründe für den Protest liegen tiefer. Das zeigt eine Jugendstudie aus dem Iran, die der «Frankfurter Rundschau» vorliegt. Für die Studie wurden 2006 etwa 2000 Iraner im Alter von 14 bis 29 Jahren befragt. Hier die wichtigsten Ergebnisse:

  • Pessimismus: Eine Mehrheit der iranischen Jugend sieht die eigene Zukunft sehr pessimistisch und ist dem Leben gegenüber negativ eingestellt. Die Jugendlichen misstrauen den Institutionen, und zwar auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Sie kommunizieren hauptsächlich mit Gleichaltrigen und auf Blogs.
  • Perspektivlosigkeit: Die Forscher sehen in der hohen Jugendarbeitslosigkeit und den fehlenden wirtschaftlichen Perspektiven ein grosses Konfliktpotenzial. «Entgegen der verbreiteten Annahme im Westen ist das Hauptanliegen der iranischen Jugend wirtschaftlicher Natur und betrifft nicht primär bürgerliche und politische Rechte», heisst es.
  • Korruption: Ohne Beziehungen läuft nichts im Iran: 70 Prozent der jungen Iraner glauben, dass die Korruption ein epidemisches Ausmass angenommen hat. «Diejenigen, die sich das leisten können, fügen sich in das korrupte System ein. Sie bestechen, um selbst vorwärts zu kommen. Nur eine kleine Minderheit meint, sie würde dies unter keinen Umständen tun», sagt der zuständige Forscher, der aus Angst nicht genannt werden will.
  • Orientierungslosigkeit: Die urbane Jugend misstraut allen, die zu Macht und Wohlstand gelangt sind: Sie hat das Vertrauen in die Gesellschaft verloren. «Stattdessen herrscht eine weit verbreitete Frustration. Und genau die entlädt sich nun in diesen Demonstrationen», so der Forscher
  • Flucht in Drogen: Nach Schätzungen der staatlichen Stellen hat der Iran rund zwei Millionen Drogensüchtige. Zum Vergleich: In Grossbritannien, das etwa gleich viel Einwohner hat, gibt es 200'000 Drogenanhängige.
  • Ablehnung religiöser Führer: Die meisten jungen Iraner sehen sich als religiös und leben ihren Glauben im Privaten. Sie lehnen die offiziellen religiösen Autoritäten klar ab. Besonders missfällt ihnen die Dominanz der Religion im öffentlichen Raum. Die Folge ist, dass der Klerus immer mehr an Einfluss verliert. «Seit dem Wahlsieg von Ahmadinejad findet eine Militarisierung der Gesellschaft statt», sagt der Forscher.
(cha)

Erstellt: 22.06.2009, 17:18 Uhr

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