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«Mädchen getötet, Frau getötet, Esel getötet, Hühner getötet, kein Feind getötet»

Von Norbert Raabe. Aktualisiert am 26.07.2010 60 Kommentare

Die Nato-Koalition in Afghanistan unterhält die «Taskforce 373». Sie soll Gegner inhaftieren und töten – mit Wissen der obersten Führung. Bislang geheime Dokumente zeigen erschreckende Details ihrer Einsätze.

1/5 Einsatz auf Anforderung: Ein AC-130-Militärflugzeug soll nahe Jalalabad ein Blutbad angerichtet haben. (Im Bild ein Trainingseinsatz mit Abwehr-Massnahmen gegen Raketen.)

«Mädchen getötet, Frau getötet, 4 Zivilisten getötet, Esel getötet, kein Feind getötet»

   

Bei Jalalabad starben sieben afghanische Polizisten durch US-Beschuss

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Einsatz in Afghanistan

Einsatz in Afghanistan
Der Fotograf David Guttenfelder begleitet afghanische und amerikanische Truppen in den Krieg. Seine Bilder nimmt er mit dem iPhone auf.

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Auf einer «Kill-or-Capture»-Liste stehen mehr als 2000 Feinde der Afghanistan-Koalition. Aufgabe der «Taskforce 373» ist es, auf diese ranghohen Mitglieder der Taliban und al-Qaida Jagd zu machen, wie die britische Zeitung «The Guardian» auf ihrer Webseite in einem ausführlichen Bericht offenlegt, der auf der Publikation von mehr als 91'000 teils geheimen Dokumenten auf der Website «Wikileaks» basiert. Die Kommando-Aktionen der Truppe fanden demnach statt, ohne dass je ein Gerichtsverfahren dazu durchgeführt wurde.

Die Informationen stammen aus den mehr als 90’000 Geheimdokumenten aus dem Web, die nur dem «Spiegel», der «New York Times» und dem «Guardian» zugespielt wurden. Sie geben Details über die Vorgehensweise der Taskforce und ähnlicher Einheiten preis – nicht nur bei zahlreichen Verhaftungen, sondern auch bei gezielten Tötungen. Sie werfen damit grundsätzliche Fragen über die Rechtmässigkeit des gesamten Vorgehens der Koalitionstruppen in Afghanistan auf – und zeigen auch die verheerenden Folgen einer Taktik, die unschuldige Beobachter von der Koalition entfremdet, obwohl die kriegsführenden Nationen ihre Unterstützung dringend benötigen.

Montag, 11. Juni 2007: Sieben Todesopfer

In der Nacht vom 11. Juni 2007 unternahm die Taskforce 373 (TF 373) gemeinsam mit afghanischen Sondereinheiten den Versuch, den Taliban-Kommandanten Quarl Ur-Rahman zu fassen oder umzubringen. Als die Truppen in einem Tal nahe Jalalabads ankamen, wo er vermutet wurde, richtete jemand eine Taschenlampe auf sie. Es kam zu einem Feuergefecht, bis die Taskforce schliesslich ein Kampfflugzeug vom Typ AC-130 anforderte, der die Gegend unter Beschuss nahm.

In den geheimen Aufzeichnungen heisst es laut dem «Guardian» dazu: «Die ursprüngliche Mission wurde abgebrochen und TF 373 kehrte zu ihrer Basis zurück.» Der nachfolgende Report: «7 x ANP KIA, 4 x WIA.» Im Klartext: Die Truppen entdeckten, dass die Menschen, auf die sie geschossen hatten, afghanische Polizisten waren. Sieben von ihnen starben; vier wurden verwundet.

In einer Pressemitteilung der Afghanistan-Koalition war später nichts davon zu lesen, dass TF 373 an der Aktion beteiligt war – und ebenso wenig von den unschuldigen Opfern. Doch um sich gegen ein Durchsickern der Wahrheit abzusichern, heisst es in der Mitteilung weiter: «Während des Kampfes deutete nichts darauf hin», dass die «gegnerischen» Kräfte auf der eigenen Seite gewesen seien.

Medienmanipulation und Schmerzensgeld

Die wichtigen Kontakte zur Bevölkerung und zu lokalen Anführern gerieten durch die Tötungen in Gefahr. Um die aufgebrachten Einwohner der Gegend zu beschwichtigen, suchte der Leiter des lokalen Wiederaufbau-Teams, Leutnant Gordon Phillips, am nächsten Tag den Gouverneur Gul Agha Sherzai auf. Der Stammesführer akzeptierte laut dem Bericht, dass es sich um einen unglücklichen Vorfall «unter Freunden» gehandelt habe – und er akzeptierte auch die finanzielle Entschädigung für die trauernden Familien.

Der Fall von Jalalabad ist nicht der einzige. Hunderte Kilometer weiter südlich in der Provinz Paktika fahndete die TF 373 wenige Monate später nach dem berüchtigten libyschen Kämpfer Abu Laith al-Libi, wie es in dem Bericht weiter heisst. Als Bewaffnung hatten die Soldaten nicht nur die übliche Ausrüstung bei sich, sondern auch einen Raketenwerfer auf einem Kleinlaster, der mit sechs scharfen Waffen bestückt war.

Laut dem Plan wollten die Mitglieder der Taskforce fünf Raketen auf Ziele in der Ortschaft Nangar abfeuern, wo sie Libi vermuteten. Das Resultat der Aktion: Er wurde nicht gestellt, doch sechs Taliban-Kämpfer starben. Und als die Truppe zu den Schuttresten einer getroffenen Moschee kam, fand sie Anzeichen für «7 x KIA» – also sieben unbeteiligte Menschen, die bei den Kämpfen gestorben waren.

Der Rest führte die Medien in die Irre

Es waren sieben Kinder. Immerhin gestand die folgende Pressemitteilung der Afghanistan-Koalition ihren Tod ein. Freilich hätten die Truppen einen Überblick über das Gelände gehabt, so hiess es darin weiter, und keine Anzeichen dafür gesehen, dass Kinder in diesem Gebäude gewesen seien. Zudem wurde laut dem Zeitungsbericht behauptet, in dem Gebäude verschanzte Taliban hätten die Kinder als Schutzschild missbraucht.

Der Rest der Pressemitteilung führte freilich in die Irre. Statt die Jagd auf Libi und ihr Scheitern auch nur anzudeuten, hiess es, dass Gelände sei wegen «schändlicher Aktivitäten» angegriffen worden. Verschwiegen wurde ausserdem, dass die TF 373 fünf Raketen auf die Moschee und andere Gebäude geschossen hatte, ohne angegriffen worden zu sein.

Kein Wort – auch zu ausländischen Alliierten

Auch dieses Mal gezielte Fehlinformation also – mit dem einzigen Ziel zu verschleiern, dass es sich um eine Tötungsmission handelte und keineswegs um den Versuch einer Gefangennahme. Der interne Report zu dem Vorfall wurde laut dem Bericht nicht nur als «secret» klassifiziert, sondern auch mit dem Wort «noforn» (No foreigners) gekennzeichnet – als Hinweis, dass auch ausländische Teilnehmer der Koalition davon nichts erfahren durften.

Wieder musste der afghanische Provinzgouverneur die Bevölkerung beschwichtigen und dafür sorgen, dass eine Entschädigung gezahlt wurde. Der Libyer Libi blieb weiterhin auf der Liste derjenigen Feinde, die zu töten seien. Sieben Monate später wurde Libi in Pakistan getötet – von einer Rakete, die eine unbemannte CIA-Drohne abgefeuert hatte.

Rabiate Einsätze mit unschuldigen Todesopfern

Die geheimen Aufzeichnungen geben laut dem «Guardian» Details über zahlreiche weitere Tötungskommandos preis – und auch über den Umgang mit zivilen Todesopfern und Verletzten, die TF 373 auf der Hatz nach Feinden zum Opfer fielen.

Im Oktober 2007 attackierte die Taskforce Taliban-Truppen im Dorf Laswanday, nur sechs Meilen von dem Ort entfernt, wo die sieben Kinder gestorben waren. Als die Sondereinheit Unterstützung von Kampfjets mit schweren Bomben anforderte, zogen sich die Taliban scheinbar aus dem Haus zurück, aus dem sie gefeuert hatten.

Schuldzuweisungen gegen afghanische Zivilisten

Die Aufzeichnungen enthalten laut dem «Guardian» gegen Ende eine Liste, die den Erfolg der Aktion zusammenfasste: «12 US-Soldaten verletzt, zwei weibliche Teenager und ein 10-jähriger Junge verletzt, ein Mädchen getötet, eine Frau getötet, vier Zivilisten getötet, eine Esel getötet, ein Hund getötet, mehrere Hühner getötet.» Aber, so heisst es weiter: «Kein Feind getötet, kein Feind verletzt, kein Feind festgenommen.»

Im Nachgang wurden die Einwohner der Ortschaft beschuldigt, sie hätten den blutigen Ereignissen mit ihrem Verhalten Vorschub geleistet. Die Schuld, so hiess es von offizieller Seite bei einem Besuch, liege bei den Einwohnern, die den Aufständischen und ihren Aktivitäten keinen Widerstand entgegengebracht hätten.

Seriennummern für jeden der Gesuchten

Diese und andere Angriffe wurden laut den Berichten vom Afghanistan-Kommando nicht nur gebilligt, sondern sogar gefordert. Im Oktober 2009 umfasste die «Kill-or-Capture»-Liste mehr als 2000 Menschen, die jeweils mit einer eigenen «Seriennummer» gekennzeichnet waren. Dass Personen als Ziel ausgewählt werden, ist laut dem «Guardian» offizieller Teil der Kriegstaktik, die auch im entsprechenden Handbuch der US-Armee nachzulesen sei.

Doch wie und von wem werden diese «Ziele» definiert? Von einer Arbeitsgruppe, so schreibt die Zeitung weiter, die sich allwöchentlich treffe, um über die tödlichen «Nominationen» zu beraten. Dieser Input wiederum komme sowohl von der Kommando-Ebene als auch von Anwälten und von Aufklärungseinheiten – inklusive der CIA.

Das «Guantánamo» von Afghanistan?

Neben den zahlreichen Beispielen von gezielten Tötungen berichtet der «Guardian» auch von tausenden Verhaftungen. Zahlreiche Quellen in den geheimen Aufzeichnungen zeigten, dass gesuchte Feinde in ein Spezialgefängnis verfrachtet worden seien: das berüchtigte Bagram Theatre Internment Facility (Btif).

Es gibt laut dem Bericht keine Hinweise darauf, dass dort jemals eine Anklage erhoben wurde – und frühere Presseberichte legten bereits nahe, dass Verdächtige ohne Rechtssprechung über mehrere Jahre in Käfigen in alten, riesigen Flugzeug-Hangars interniert waren und sind. Angeblicher Stand im Dezember 2009: 4288 Gefangene.

Hinweise auf Basen und Truppenherkunft

Aus der Analyse der geheimen Aufzeichnungen geht offenbar weiter hervor, dass die Taskforce 373 von mindestens drei Basen in Afghanistan aus operiert: Kabul, Kandahar und Khost. Scheinbar rekrutiere die TF 373 seine Soldaten aus den US-Truppen der 7th Special Forces Group in Fort Bragg im Bundesstaat North Carolina.

Für ihre Missionen benutzen die Soldaten laut dem «Guardian»-Artikel offenbar Chinook- und Cobra-Helikopter, gesteuert von Piloten des 160. Special Operations Aviation Regiment, das im Bundesstaat Georgia stationiert ist. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.07.2010, 13:30 Uhr

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60 Kommentare

Rolf Schumacher

26.07.2010, 15:10 Uhr
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@Gubler. Im nahen Osten geniessen die Kinder und die Mütter der Kinder (Frauen) einen fast heiligen Status. Kein normaler Mann würde sich öffentlich an einer Frau vergreifen. Kinderschändung wird mit ganz drakonischen Massnahmen bestraft. Die GIs hingegen haben in Vietnam keine rühmlichen Spuren hinterlassen. (Vergewaltigung, Mord, Folter etc.). Das sind enorme Mentalitätsunterschiede. Antworten


Kusi Meier

26.07.2010, 15:05 Uhr
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Es ist schon erstaunlich wie schnell die Menschen vergessen. Anscheinend kann sich hier keiner mehr daran erinnern wie das Land unter der Fuchtel der Taliban ausgesehen hat. Ein Land, in dem die eine Hälfte der Bevölkerung nicht einmal den Status eines Haustieres hat und Terroristen sich ungeniert aufhalten und Anschläge planen können. Fakt ist: In einem Krieg werden immer Zivilisten sterben. Antworten



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