Mit Psychologen gegen Terroristen?

Ist der Kampf gegen islamistischen Terror in erster Linie ein Fall für Psychologen und Psychiater? Nein. Die These, wonach der Terror in Europa von einsamen Wölfen ausgeführt wird, ist falsch.

Nach dem Axt-Anschlag in einem Regionalzug in Würzburg: Der Täter hatte einen Kontaktmann beim IS.

Nach dem Axt-Anschlag in einem Regionalzug in Würzburg: Der Täter hatte einen Kontaktmann beim IS. Bild: Keystone

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Einsame Wölfe, kranke, verwirrte Kriminelle oder blutrünstige Angeber: So wurden Attentäter in den vergangenen Wochen oft beschrieben. Der Kampf gegen islamistischen Terror sei in erster Linie ein Fall für Psychologen und Psychiater. Terroristen seien allenfalls vom IS inspiriert – aber sie hätten vor dem Attentat keine oder höchstens spärliche Kontakte mit Dritten aus dem IS-Umfeld gepflegt. Sie seien im Netz radikalisiert worden, oft sei das «plötzlich» geschehen, und sie hätten sich online oder in Moscheen vom IS-Gedankengut «anstecken» lassen. Das mache es so schwierig, Attentate von einsamen Wölfen zu verhindern.

Gute Geheimdienste haben eine Chance

Doch die jüngsten Beispiele zeigen, dass die «einsamen Wölfe» keine Einzelmasken sind. Was bedeutet: Gute Geheimdienste haben eine Chance, sie rechtzeitig aufzuspüren. Geradezu als Prototyp eines einsamen Wolfes ist Riaz Khan Ahmadzai geschildert worden. Er hatte Mitte Juli in einem Würzburger Regionalzug mehrere Menschen mit einer Axt und einem Messer schwer verletzt. Auch wenn er am Tatort allein war: Ahmadzai handelte nicht aufgrund einer spontanen Eingebung oder eines unkontrollier­baren Wutanfalls. Er hatte einen Kontaktmann beim IS, der ihn via Chat intensiv begleitete. Der Kontaktmann, so Spiegel Online, hatte Ahmadzai zunächst vorgeschlagen, mit einem Auto in eine Menschenmenge zu fahren. Ahmadzai lehnte das ab – weil er keinen Fahrausweis besitze.

Auch der Attentäter, der in Ansbach eine selbstgebaute Bombe zündete, war offenbar vom IS gelenkt. Einsamer Wolf? Nichts da. Der Attentäter hatte sich via Chat dem IS als Attentäter angeboten, weiss die Süddeutsche Zeitung. Dieser beriet ihn dann bei der Vorbereitung «bis hin zum Moment, als er seine Bombe vor einem Weinlokal zündete». Der Mörder von Nizza, der mit einem gemieteten Lastwagen ein Massaker anrichtete, hatte ebenfalls mehrere Komplizen.

Wie der IS ein Netz von Mördern baute

Im Terrorismus gebe es zwar einsame Wölfe – «aber sie werden immer seltener», heisst es in einer neulich von der Henry Jackson Society ­herausgegebenen Studie. Wie professionell der IS beim Anwerben von Rekruten, deren Ausbildung und deren Einsatzplanung vorgeht, dokumentierte letzte Woche eine grosse Recherche der New York Times. Unter dem Titel «Wie der IS ein Netz von Mördern baute» werden das Organigramm, die leitenden Figuren und die Methoden geschildert, mit denen das selbst ernannte Kalifat ­ausserhalb seiner Grenzen zum Kampf gegen die «Ungläubigen» rüstet.

Aufgrund von Gesprächen mit ehemaligen Rekruten und Inforationen westlicher Geheimdienste zeigt das Reporterteam den vielschichtigen Apparat, der Terroristen für ihre Mission ins Ausland schickt. Unter dem Kommando des PR-Chefs Abu Mohammad Adnani operieren Offiziere, die für Attacken in verschiedenen Teilen der Welt verantwortlich sind. So existiert zum Beispiel ein Geheimdienst für Europa und für Asien. In den USA und in Kanada verfolgt der IS eine andere Taktik. Wenn sie einmal mit dem IS in Kontakt waren, ist für sie die Rückkehr in die Heimat bedeutend schwieriger und riskanter als für europäische IS-Terroristen. Die USA haben eine strengere Grenzkontrolle als Europa. Deshalb werbe der IS in den USA lieber über soziale Medien an. Organisiert werden vom IS auch Schmuggler, die Terroristen nach Europa bringen, und Geldwechsler, die für die Übermittlung von Finanzmitteln sorgen, zum Beispiel über Western Union. Die ganze Logistik werde, so NYT, von einem ranghohen IS-Offizier überwacht, der für den Export des Terrors verantwortlich ist.

Falsche These

Fazit: Die These, wonach der Terror in Europa von einsamen Wölfen ausgeführt wird, ist nicht nur falsch, weil sie die strategische Planung solcher Attacken durch den IS ausklammert – sie ist auch gefährlich. Weil sie von den Hintermännern und ihrer Organisation ablenkt, die zum Jihad blasen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 09.08.2016, 11:23 Uhr

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