Ausland

Mursi taktiert geschickter, als viele es ihm zutrauten

Von Gregor Mayer, dpa. Aktualisiert am 14.08.2012 9 Kommentare

Der ägyptische Präsident suchte nach Verbündeten innerhalb der Armee und fand sie. Wenn ihm am Wohl der ganzen Gesellschaft liegt, wird er die gewonnene Macht zu gegebener Zeit aber wieder abgeben müssen.

1/8 Mit Feldmarschall Hussein Tantawi geht einer der letzten ehemaligen Weggefährten Mubaraks: Mohammed Mursi übergibt dem geschassten Armeechef eine Auszeichnung (14. August 2012)

   

Abdel Fattah al-Sissi

Der 57-jährige Generaloberst leitete seit dem Sturz des Langzeitpräsidenten Hosni Mubarak im Februar 2011 den Militärgeheimdienst. Ausserdem gehört er dem Oberkommando der Streitkräfte an, das unter dem Namen Oberster Militärrat (SCAF) nach dem Abgang Mubaraks die Macht im Lande übernahm. Sissi gehört bereits jener Generation von Stabsoffizieren an, die anders als Tantawi oder der ehemalige Luftwaffenpilot Mubarak an keinem der Kriege aktiv teilnahmen, in die Ägypten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verstrickt war. Er besuchte die Militärakademie und trat in die Dienste der Infanterie. Noch unter Mubarak wurde er Kommandeur des Armeebereichs Nord mit Sitz in Alexandria auf. (sda)

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Der Showdown kam überraschend am Ende des Fastenmonats Ramadan. Normalerweise kocht da das politische Leben in Ägypten auf Sparflamme. Doch nun holte der islamistische Präsident Mohammed Mursi zum grossen Befreiungsschlag aus. Er entliess die letzten wichtigen Getreuen von Ex-Präsident Hosni Mubarak, Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi und Stabschef Sami Enan. Auch die Chefs der Luftwaffe, der Luftabwehr und der Marine mussten gehen.

Der Entlassung der alten Garde applaudierten auch Nicht-Islamisten. «Ein Schritt in die richtige Richtung», twitterte der ehemalige Direktor der UNO-Atomenergiebehörde IAEA, der liberale Mohammad al-Baradei.

Machtkampf hinter den Kulissen

Der Machtkampf tobte in Kairo seit Monaten, oft hinter den Kulissen. Nach dem Sturz Mubaraks im Februar 2011 hatte das Militär die Macht übernommen. Es bot sich als «Garant für den geordneten Übergang zur Demokratie» an.

Doch die Jugend- und Protestbewegung, die den Langzeitherrscher Mubarak vom Sockel stiess, war bald enttäuscht. Die Militärherrschaft garantierte vor allem den Fortbestand der alten Seilschaften des Mubarak-Regimes. Zusammenstösse mit dem Militär häuften sich. Die Revolution schien zu versanden.

Muslimbrüder nutzten Gunst der Stunde

Deren Nutzniesser war ohnehin die islamistische Muslimbruderschaft. Sie hatte wenig Anteil am Mubarak-Sturz, war aber danach als wohlorganisierte Kaderorganisation mit einer im Trend liegenden Ideologie zur Stelle.

Bei den ersten freien Wahlen wurde sie zur stärksten Kraft und machte Mursi zum ersten zivilen Präsidenten in der Geschichte des Landes. Die Militärs glaubten nun, die Nation vor der Gefahr des Islamismus bewahren zu müssen.

Sie lösten das von den Muslimbrüdern dominierte Parlament auf und entzogen dem gewählten Mursi die präsidialen Vollmachten. Der Machtkampf war voll entbrannt.

Mursi suchte Verbündete innerhalb der Armee

Doch Mursi führte ihn intelligenter und geschickter, als es ihm viele zutrauten. Er rief nicht die Massen der Muslimbrüder gegen die Armee auf die Strasse – dies hätte in einem Blutbad und einer Militärdiktatur geendet. Sondern er suchte nach Verbündeten innerhalb der Armeeführung.

So dürfte der Machtkampf bereits entschieden gewesen sein, als Mursi am Sonntag seine kühnen Entscheide verkünden liess. Im bisherigen Militärgeheimdienstchef Abdel Fattah al-Sissi fand er einen Tantawi-Ersatz, der ihm seine Loyalität versicherte.

Die Sache sei mit Sissi abgesprochen gewesen, nicht aber mit Tantawi und dem ebenfalls pensionierten Generalstabschef Sami Anan, meint der Politologe Amr al-Shobaki vom Al-Ahram-Zentrum.

Haben die Generäle resigniert?

Die anderen Generäle fanden sich mit der zweiten Revolution ab, wie einige Kommentatoren in Kairo die dramatische Entwicklung bezeichneten. Es rollten keine Panzer durch Kairo, keine Putschgerüchte machten die Runde.

Die Absprachen dürften wohl die Machtbereiche neu abgegrenzt haben. Mursi ist jetzt in vollem Umfang für die zivile Politik zuständig. Das Militär dürfte die Kontrolle über sein eigenes, intransparentes Wirtschaftsimperium behalten. Dieses bildet einen abgeschirmten Staat im Staate, zu dem selbst Fabriken gehören, die Staubsauger und Waschpulver herstellen. Ob es sich und andere Mubarak-Vertraute damit abfinden, wird die Zukunft zeigen.

Angst vor Islamisierung

Der Politologe Schobaki gibt zu bedenken, dass Mursis Schachzug auch dazu dienen könnte, dass «die Muslimbruderschaft die Kontrolle über die staatlichen Institutionen übernimmt» Baradei warnte Mursi, den Bogen nicht zu überspannen. So viel Macht in der Hand eines Mannes widerspreche dem «Kern der Demokratie».

Mursi müsse die Interessen der gesamten Gesellschaft vertreten und nicht die der Islamisten-Bewegung, aus der er kommt, sagen die liberalen Unterstützer des Wechsels.

Mursi wählte den Zeitpunkt seines Befreiungsschlages auch mit Bedacht auf den islamischen Kalender. In diese Tage des Ramadan fallen die sogenannten «Nächte der Offenbarung», in denen der Prophet Mohammed die ersten Suren des Koran empfangen haben soll.

Die Muslimbruderschaft verfolgt eine Agenda der Islamisierung der Gesellschaft, die langfristig angelegt ist. Nach dem neuen Arrangement mit dem Militär ist dabei möglicherweise eine Wegmarke erreicht worden.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.08.2012, 19:14 Uhr

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9 Kommentare

pater zuellig

13.08.2012, 20:49 Uhr
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Wenn ich mich recht erinnere, so hat sich der von "fortschrittlichen" Medien informierte Westen auch über die vom Volk getragene Revolution des Ayatollah Khomeini gegen die Militärdiktatur des Schah riesig gefreut. Abendland, Dir muss man nun nicht nur viel Glück sondern noch mehr Verstand wünschen. Antworten


Ronald Burri

13.08.2012, 21:18 Uhr
Melden 16 Empfehlung 0

Im ersten Absatz hat sich ein formaler Fehler eingeschlichen: es müsste heissen "..Doch nun holte der ägyptische Präsident..." und nicht "der islamistische Präsident". Antworten



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