Ausland
Obama bewirkt in Israel neues Nachdenken über Iran
Von Marlène Schnieper, Tel Aviv. Aktualisiert am 25.11.2008
Nach Erkenntnissen der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) hat der Iran in der Anlage von Natanz bis Anfang dieses Monats rund 630 Kilogramm schwach angereichertes Uran hergestellt. 3800 Gaszentrifugen sind in Natanz bereits in Betrieb, unzählige Zentrifugen modernerer Machart werden dort derzeit installiert, um die Anreicherung zu beschleunigen. Auch wenn Ephraim Asculai, Forscher am Institut für nationale Sicherheitsstudien in Tel Aviv, nicht zu den Angstmachern im Lande zählt, so lässt ihn diese Entwicklung doch aufhorchen.
Zu wenig für eine Bombe
Asculai beschäftigte sich in der Israelischen Atomenergiekommission während 40 Jahren mit Strahlenschutz, er arbeitete auch für die IAEA und das Internationale Tschernobyl-Projekt. Er will nicht ausschliessen, dass die Iraner den nuklearen Brennstoff tatsächlich zivil nutzen möchten, wie sie behaupten. Ihm ist auch klar, dass sich mit 630 Kilo schwach angereichertem Uran noch keine Atombombe bauen lässt. Dafür braucht es nach den Kriterien der IAEA mindestens 25 Kilo an hoch angereichertem Uran. Aus dem neusten IAEA-Bericht folgert Asculai dennoch, dass der Iran dieses Ziel bis Ende 2009, plus oder minus ein paar Monate, erreicht hat: «Es scheint, dass die internationale Gemeinschaft gewillt ist, dies geschehen zu lassen.»
Israels Verteidigungsestablishment will dem freilich nicht tatenlos zusehen. Laut der Zeitung «Haaretz» wird der Nationale Sicherheitsrat im Dezember ein Papier beraten, das die Ausarbeitung von Abwehrstrategien empfiehlt. Dazu zählt es auch Pläne für einen Angriff auf den Iran. Israel bleibe wenig Zeit, um eine Atommacht Iran zu verhindern, dabei solle es mit den USA, der Uno und den moderaten Kräften in der Region kooperieren, heisst es in dem Dokument. Der jüdische Staat müsse aber auch damit rechnen, auf diesem Feld plötzlich allein dazustehen. Darum sollten alle Handlungsmöglichkeiten erwogen werden, auch die militärischen.
Amos Yadlin, Chef des militärischen Geheimdienstes, gibt sich wesentlich entspannter. Die internationale Finanzkrise und der sinkende Erdölpreis setzten Teheran wirtschaftlich zu. Das Vormachtstreben der schiitischen Mullahs behage auch den sunnitischen Nachbarn nicht. Der Machtwechsel in Washington verspreche einen atmosphärischen Umschwung. Die Chancen, die offenen und verdeckten Konflikte in Nahost diplomatisch zu lösen, stünden «besser als auch schon», betonte Yadlin.
Ins gleiche Horn stösst ein Vorschlag, den 20 US-Experten jüngst dem Capitol unterbreiteten. Die Verfasser werden von Thomas Pickering und James F. Dobbins angeführt, der Erste ein früherer US-Botschafter bei der Uno und in Israel, der Zweite Sondergesandter für Afghanistan unter George W. Bush.
Die namhaften Nahostspezialisten, die diese zwei Diplomaten um sich versammelt haben, plädieren für eine Abkehr vom Wenn und Aber, mit dem die Gruppe Drei Plus (drei europäische Staaten plus Russland und China) bisher das Mullahregime zur Einsicht zu bringen versuchte. In fünf Punkten schlagen sie bedingungslose Verhandlungen vor, in die sich die Vereinigten Staaten direkt einbringen sollten, wie es Barack Obama bereits in Aussicht gestellt hat.
Pickering, Dobbins und die zugewandten Orte raten dem künftigen US-Präsidenten, von der Idee eines Regimesturzes in Teheran abzusehen, Menschen- und Bürgerrechten im Iran zusammen mit iranischen Akteuren Nachachtung zu verschaffen, Teheran in die Verantwortung um die regionale Stabilität einzubinden, der Regierung dort im Fall eines Einlenkens in der Atomfrage handfeste Vorteile zu offerieren und alles zu unternehmen, um den israelisch-arabischen Konflikt beizulegen. Um Israels Probleme langfristig zu lösen, seien nach allen Erfahrungen «vermutlich auch direkte oder indirekte Gespräche mit der Hamas und der Hizbollah nötig», unterstreichen die US-Experten weiter.
Für Gespräch mit Sanktionen
Asculai ist einem umfassenden Dialog nicht grundsätzlich abgeneigt. Ein Militärschlag gegen Natanz, erst noch einer, den Israel im Alleingang ausführte, wäre äusserst riskant, gibt er zu, er könne sich «tauglichere Lösungen» vorstellen. Bedingungslose Verhandlungen mit dem Mullahregime und dessen Verbündeten dürften das Regime aber nur zur Umkehr bewegen, wenn diese parallel zu viel strengeren Sanktionen angestrengt würden, glaubt der Israeli. «Es dürften nur noch Güter ins Land gelassen werden, die für die iranische Bevölkerung überlebenswichtig sind. Iraner sollten bloss noch reisen können, um über einen Stopp des Atomprogramms zu verhandeln. Solche Einschränkungen müsste ihnen Obama am selben Tag androhen, wie er die Gespräche mit ihnen beginnt.»
Hat das Mullahregime seine erste Atombombe nämlich gebaut, ist es für den israelischen Experten nur eine Frage der Zeit, bis es die Massenvernichtungswaffe auf Raketen montieren kann, die bis nach Tel Aviv reichen. «Israel und der Welt erwächst daraus eine tödliche Gefahr. So weit wollen wir es auf keinen Fall kommen lassen.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.11.2008, 22:15 Uhr
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