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«Präsident Saleh und Sheikh Sadiq al-Ahmar bekämpfen sich bis aufs Blut»

Interview: Monica Fahmy. Aktualisiert am 01.06.2011 5 Kommentare

Regierungstruppen und Stammeskämpfer liefern sich im Jemen wieder blutige Kämpfe. Die Jemen-Kennerin Elham Manea schätzt im baz.ch/Newsnet-Interview die Lage ein.

1/31 In heftige Kämpfe verwickelt: Soldaten des jemenitischen Regimes in der Hauptstadt Sanaa. (11. Juni 2011)
Bild: Keystone

   

«Wir sehen einen Machtkampf innerhalb der Kerneliten Jemens»: Elham Manea, Politologin und Jemen-Kennerin.

Tote bei Gefechten in Sanaa

Schwere Kämpfe in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa: Bei Gefechten in der Nacht auf Mittwoch sind nach Angaben von Ärzten mindestens 37 Menschen getötet worden.

Unter den Opfern seien Mitglieder der Sicherheitskräfte und Kämpfer des mächtigen regierungskritischen Haschid-Stamms, der von Scheich Sadek al-Ahmar angeführt wird, teilte das Spital Al- Dschumhurija am Mittwoch mit.

Die ganze Nacht hindurch waren in Sanaa Schüsse zu hören, wie ein AFP-Korrespondent berichtete. «Andauernd sind Ambulanzen vorgefahren, um Opfer zu versorgen», sagte ein Bewohner.

Die Kämpfe zwischen Truppen des Präsidenten Ali Abdullah Saleh und Stammesmitgliedern waren am Dienstag nach einem vier Tage langen Waffenstillstand wieder aufgeflammt. Sie beschränken sich bislang auf das Viertel Al-Hasaba, wo Stammesführer Ahmar seine Residenz hat.

Nach Angaben von Zeugen wurde der Sitz des Innenministeriums von Panzerabwehrraketen getroffen. Beide Seiten machen sich gegenseitig dafür verantwortlich, die Feuerpause gebrochen zu haben. (sda)

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Frau Manea, der Waffenstillstand zwischen Jemens Präsident Ali Abdullah Saleh und Stammeskämpfern dauerte kaum einen Tag. Heute starben wieder Menschen. Wie schätzen Sie die Lage vor Ort ein?
Sie ist geprägt von Eskalation. Wir sehen zwei parallele Entwicklungen. Da ist die junge Generation, die wie die Jugend in Ägypten und Tunesien für ihre Rechte demonstriert. Sie will eine transparente Regierung, Freiheit, Demokratie und wirtschaftliche Perspektiven. Sie versucht, dies vor allem mit friedlichen Protesten zu erreichen. Auf der anderen Seite sehen wir einen Machtkampf innerhalb der Kerneliten Jemens. Präsident Ali Abdullah Saleh und Sheikh Sadiq al-Ahmar bekämpfen sich blutig. Al-Ahmars Familie spielte in den letzten 33 Jahren eine Schlüsselrolle in der Unterstützung Salehs.

Das hat sich nun geändert.
Ja. Zudem hat sich Salehs Halbbruder Ali Mohsen al-Ahmar von ihm abgewandt. Auch dies ist im Machtkampf der Kerneliten bedeutend und sehr problematisch. Denn die Unterstützung Salehs war wichtig für die Stabilität des Regimes. Wenn sie wegfällt, kann das ganze System kollabieren.

Wie sind Sheikh Sadiq al-Ahmar und die Demonstranten verbunden, die seit Februar für mehr Rechte demonstrieren?
Sadiqs Bruder Hamid al-Ahmar hat von Anfang an seine Unterstützung für die Protestbewegung erklärt. Sadiq al-Ahmar hat es später gemacht. Die Jugendbewegung selbst war zurückhaltend, überlegte sich dann aber, dass ihre Situation ohne die Hilfe eines Clans schwieriger wäre. Meiner Meinung nach war das ein fataler Fehler. In dem Moment, wo sie die Unterstützung al-Ahmars akzeptiert haben, hat sich ihre Bewegung in eine andere Richtung orientiert. Sadiq al-Ahmar hat sich jetzt zum Anführer erklärt.

Werden die Demonstranten das denn einfach akzeptieren?
Ihre Positionen sind nicht einheitlich. Es gibt in der Bewegung nicht einen Führer, es ist vielmehr ein Bündnis verschiedener Bewegungen, es gibt mindestens mehrere Dutzend. Die einen haben gesagt, wir akzeptieren es nicht, dass al-Ahmar sich zum Anführer ernennt, die anderen sagten, wir unterstützen ihn, weil er gegen Saleh kämpft.

Um das Ganze noch zu verkomplizieren, haben Islamisten, angeblich Al-Qaida-Mitglieder, am Sonntag die südjemenitische Stadt Zinjibar eingenommen. Wie schätzen Sie das ein?
Es gibt drei Möglichkeiten, was passiert sein könnte. Die erste Möglichkeit: Saleh spielt wie immer mit den Ängsten des Westens und bringt, wie es Ghadhafi und die anderen Autokraten machen, die al-Qaida ins Spiel, behauptet, dass ohne ihn die al-Qaida an die Macht käme. Die zweite Möglichkeit hat mit dem Kampf innerhalb der Kerneliten zu tun. Salehs Halbbruder hat sich ja von ihm abgewandt. Er hat gute Beziehungen zu Islamisten, Tariq al-Fadhli, ein prominenter Islamistenführer im Südjemen ist sein Schwiegersohn. Es ist denkbar, dass der Halbbruder durch al-Fadhli versucht, die al-Qaida für seine Zwecke einzuspannen. Die dritte Möglichkeit ist, dass al-Qaida tatsächlich übernommen hat. Man darf die Stärke der al-Qaida auf der arabischen Halbinsel nicht unterschätzen.

Welche Möglichkeit halten Sie für am wahrscheinlichsten?
Eine Mischung aus Möglichkeit eins und drei. Ich bin der Meinung, dass Saleh mit der Karte al-Qaida spielt, um sich an der Macht zu halten. Gleichzeitig gibt es wirklich ein Machtvakuum, das es der al-Qaida ermöglicht, sich besser zu organisieren. Die Kämpfe der Truppen Salehs gegen die Extremisten sind auf jeden Fall nicht inszeniert.

Der Kooperationsrat der Golfstaaten hatte Saleh einen Deal unterbreitet, der seinen Rücktritt vorsah. Saleh sagte zu, änderte dann aber seine Meinung, mehrmals.
Salehs politisches Verhalten in Krisen ist stets so. Es entspricht seinem Muster. 1994, vor dem Bürgerkrieg mit dem Südjemen, hat er sich genauso verhalten. Er hat sich jetzt auf die Eskalation vorbereitet. Saleh geht nicht freiwillig. Er wird wie Ghadhafi bis zum Ende kämpfen.

Wer hält überhaupt noch zu Saleh?
Das sollte man nicht unterschätzen. Etliche Mitglieder zweier wichtiger Stämme unterstützen ihn. Die Hälfte der Armee unterstützt ihn, die andere Hälfte seinen Halbbruder. Die Lage ist sehr ernst. Ich bin der Meinung, sie wird weiter eskalieren, bis eine Seite den Konflikt für sich entscheidet oder bis eine Gruppe innerhalb Salehs Clan ihn unter Druck setzt, zurückzutreten.

Was könnte der Westen tun?
Man überschätzt die Möglichkeiten des Westens. Egal, was die USA sagen, Saleh wird dennoch machen, was er will. Er denkt, er kann noch einmal damit davonkommen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.06.2011, 11:29 Uhr

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5 Kommentare

Jean Roth

01.06.2011, 11:52 Uhr
Melden 10 Empfehlung

Der Westen soll gar nichts tun.
Hier wird auf - im arab. Raum - gängige Art und Weise eine Fehde ausgetragen. Eine Demokratie kommt niemals zustande aber das ist das Problem der Jemeniten nicht der Europäer. Die Bruderländer, die Umma kann jederzeit eingreifen, vermitteln, die brauchen unsere " Hilfe " nicht. Die Europäer - auch mit Sarkozy werden nichts ändern, gar nichts.
Antworten


fuchsia berner

01.06.2011, 12:33 Uhr
Melden 4 Empfehlung

Demokratie = Eigen-/Mitverantwortung, Respekt auch gegenüber Frauen, viel Arbeit/Soziales denken. Das kann man nicht in den Köpfen "installieren" das muss wachsen. Diese Leute glauben, Demokratie bringe ihnen Reichtum, alles ist erlaubt und alles stehe ihnen zu, ohne Gegenleistung (Arbeit). Es ist zu hoffen, das sie diesen Prozess als WEG zu einem besseren Leben sehen, das sie ERARBEITEN müssen. Antworten



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