Ausland
«Schweizer sollten keine Datteln mehr kaufen»
Von Claudia Kühner. Aktualisiert am 22.05.2010
Palästinensische Demonstranten in Jordanien verbrennen israelische Produkte. (Bild: Keystone )
Die alte Garde palästinensischer Politiker um Mahmoud Abbas und Salam Fayyad findet immer weniger die Unterstützung der Jugend. Hind Awwad und Basma Fahoum, zwei junge Aktivistinnen, nennen die Gründe. Die eine stammt aus Israel, die andere aus der Westbank, aber sie führen keine getrennte Agenda, sondern sehen sich als Teil des gesamten palästinensischen Volkes, das zehn Millionen Menschen zählt. Beide fordern ein uneingeschränktes Recht auf Rückkehr, setzen aber nicht auf Terror, sondern auf wirtschaftlichen und politischen Druck durch die internationale Öffentlichkeit. Die Boykottbewegung gewinnt an Kraft.
Eine neue Widerstandsform macht als «weisse Intifada» von sich reden. Was genau heisst das?
Hind Award: Es ist eine Form von gewaltlosem Widerstand. Den gibt es aber seit Jahrzehnten, auch wenn man immer nur von Gewalttaten gehört hat.
Was sind die Methoden?
Awwad: In Israel gedenken die Araber seit Jahren jenes Tages, an dem 1948/49 etwa 500 ihrer Dörfer zerstört wurden. Und in der Westbank gibt es regelmässig Demonstrationen und Boykotte.
Wer boykottiert was?
Awwad: In Israel selber wie in den besetzten Gebieten werden die Produkte von Firmen boykottiert, die hier aktiv sind, auch internationale Unternehmen. Ein grosser Teil der Zivilgesellschaft macht mit, soweit es irgend geht.
Sie sind doch völlig abhängig von der israelischen Wirtschaft und von internationalen Firmen.
Basma Fahoum: Das ist richtig. Ich kann kein Konto führen, ohne dass die Bank profitiert. Wir setzen uns aber entschieden dafür ein, dass die internationale Zivilgesellschaft entsprechende Firmen boykottiert. Schweizer sollten zum Beispiel aufhören, Datteln aus Israel zu kaufen.
Wie sollen Konsumenten unterscheiden, welche Produkte aus Israel, aus Siedlungen oder von palästinensischen Produzenten stammen, die man ja nicht boykottieren will?
Fahoum: Fast alles ist israelischen Ursprungs. Und fast jede israelische Firma hat in der einen oder anderen Weise auch mit den besetzten Gebieten zu tun.
Awwad: Es geht nicht so sehr um solche Unterscheidungen. Israel als Besetzer ist als Ganzes schuldig. Die Mehrheit der Palästinenser weiss, dass ein Boykott auch für sie einen Preis hat.
Was halten Sie von Ministerpräsident Fayyads Plan, zivile Strukturen aufzubauen und in Bälde einen Staat auszurufen?
Awwad: Wir Palästinenser müssen auf drei Grundrechten beharren – dem Ende der Besetzung inklusive Räumung der Siedlungen, der Gleichberechtigung aller Palästinenser in Israel selber und dem Recht auf Rückkehr der Flüchtlinge gemäss der Uno-Resolution von 1948. Fayyads Plan sieht nichts von alle dem vor. Nicht seine politische Vorstellung ist wichtig, unsere Rechte sind es.
Wie viel Unterstützung hat er in der palästinensischen Gesellschaft?
Awwad: Keine. Er ist nicht gewählt, er ist als Ministerpräsident der Autonomiebehörde eingesetzt und finanziert vom Nahostquartett, von den USA. Der Westen sollte ihm keine Legitimität verschaffen, welche auch immer.
Wer würde bei freien Wahlen denn gewählt? Etwa der im Gefängnis sitzende Fatah-Führer Marwan Barghouti?
Awwad: Wir würden uns für einen Volksaufstand entscheiden, nicht für eine Figur.
Welche politischen Kräfte geben heute den Ton unter den Palästinensern an?
Awwad: Ich möchte mich nicht auf die besetzten Gebiete beschränken. Aber die Palästinenser in Israel oder in der Diaspora werden heute ja gar nicht gefragt. Deshalb ist es unwichtig, ob da jetzt ein Fayyad oder ein Barghouti sitzt.
Basma Fahoum, Sie kämpfen für Gleichberechtigung als Israeli, aber auch für die Menschen in den besetzten Gebieten.
Fahoum: Ich bin in einer schwierigen Position. Wir israelischen Palästinenser sehen uns als Teil des palästinensischen Volkes. Drohen israelische Politiker zum Beispiel mit «Transfer» der Menschen aus den besetzten Gebieten, berührt das auch uns.
Können Sie die Wirkung Ihres ökonomischen Kampfes beziffern?
Fahoum: Natürlich gibt Israel keine Zahlen heraus. Wir wissen aber, dass zum Beispiel in Grossbritannien kaum noch israelische Produkte gekauft werden. Während des Gazakriegs meldeten israelische Farmer einen Verkaufsrückgang um 20 Prozent. Immer mehr Universitäten, Kirchen, Gewerkschaften, NGOs folgen dem Boykottaufruf. Massgebliche israelische Politiker und Militärs bezeichnen die internationale Boykottbewegung inzwischen als strategische Bedrohung. Unsere Kampagne bewegt also etwas.
Divestment ist ein weiteres Stichwort: Ein wichtiger norwegischer Pensionsfonds hat seine Investitionen in Israel abgestossen. Kennen Sie noch andere Beispiele?
Awwad: Es gibt eine Reihe ähnlicher Aktionen, vor allem in Skandinavien. Im restlichen Europa herrscht aber noch weitgehend die Furcht, als antisemitisch angeprangert zu werden, weil man nicht unterscheidet zwischen Judenhass und Kritik an der Besetzung.
Und in Amerika?
Awwad: Privatuniversitäten sind sehr aktiv. Das israelische Aussenministerium will keine offiziellen Abgesandten mehr dorthin entsenden, weil sie dauernd von Studenten unterbrochen werden. Die offizielle Politik sieht düster aus. Aber an der Basis tut sich einiges.
Was wissen Sie über die Schweiz?
Fahoum: Es gibt eine enge Zusammenarbeit im militärischen Sektor.
Awwad: Es scheint sich im öffentlichen Bewusstsein etwas zu tun, obwohl unsere Kampagne hier noch keine starke Unterstützung hat. Der Schweiz käme aber besondere Verantwortung zu als Depositärstaat der 4. Genfer Konvention von 1949, die den Schutz von Zivilpersonen in Kriegszeiten festhält.
Die OECD nimmt Israel als Mitglied auf, obwohl es auch hier Diskussionen über die Besatzung gab. Wie sehen Sie das?
Awwad: Das ist schlimm. Denn Israel erfüllt die Aufnahmekriterien nicht. Zum Beispiel schliessen die Statistiken, die vorgelegt wurden, auch die besetzten Gebiete ein. In Israel selber besteht punkto Lebensstandard eine grosse Diskrepanz zwischen jüdischen und arabischen Bürgern. Schon dies alleine würde eine Mitgliedschaft verbieten.
Fahoum: Fast 40 Prozent der israelischen Araber – und 60 Prozent der Kinder – leben unter der Armutsgrenze.
Wie ist die wirtschaftliche Entwicklung in den besetzten Gebieten? Die Israeli sprechen von Fortschritten, auch Salam Fayyad tut es. Ramallah ist eine fast florierende Stadt.
Awwad: Ramallah blüht, weil hier die Palästinensische Autoniomiebehörde sitzt und alles Geld hier investiert. Auch die Gelder, die durch internationale Entwicklungshilfeorganisationen, unter anderem aus der Schweiz, hereinströmen. Unter Okkupation kann es aber keine florierende Wirtschaft geben. Israel hat unsere Landwirtschaft, die Industrie, die Umwelt zerstört.
Wie sehen Sie die Spaltung der Palästinenser in Hamas und Fatah?
Awwad: Uns stellt sich die Frage so nicht. Das Problem sind die Flüchtlinge, die Besatzung. Hamas oder Fatah sind Teil unseres Volkes.
Realistischerweise wird es aber nie eine Rückkehr von drei Millionen Palästinensern nach Israel geben.
Awwad: Es geht nicht um drei Millionen. Wir sind insgesamt 10 Millionen, und 70 Prozent sind Flüchtlinge oder deren Abkömmlinge. Gemäss Völkerrecht gibt es ein Recht auf Rückkehr und auf Reparationszahlung. Es ist also nicht die Frage, ob das praktikabel ist oder nicht.
Fahoum: Juden aus aller Welt können sich in Israel niederlassen, Palästinenser, die einst dort lebten, dürfen das nicht. Gewährt man uns nicht dasselbe Recht, nenne ich das rassistisch.
Mit Hind Awwad und Basma Fahoum sprach Claudia Kühner
Palästinensische Demonstranten in Jordanien verbrennen israelische Produkte. Foto: Mohammad Abu Ghosh (AP, Keystone)
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.05.2010, 22:51 Uhr



