Attentäter zündete 20 Kilo Sprengstoff bei Spielplatz in Pakistan

Ein Selbstmordattentat in Pakistan hat mindestens 72 Tote und hunderte Verletzte gefordert. Im Visier hatten die Islamisten christliche Familien in einem Park.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bei einem Selbstmordanschlag in Lahore, Pakistan, sind mindestens 72 Menschen getötet und mehr als 230 weitere teils schwer verletzt worden. Unter den Opfern sind 29 Kinder. Der Attentäter sprengte sich im Gulshan-i-Iqbal-Park «in der Nähe des Kinderspielplatzes in die Luft, wo Kinder schaukelten», sagte Behördenvertreter Muhammad Usman. Zu der Tat bekannte sich Jamaat-ul-Ahrar, ein Ableger der radikal-islamischen Taliban.

Taliban bekennen sich zu Selbstmordanschlag neben Kinderspielplatz in Lahore. (Video: Reuters)

«Wir haben das Attentat von Lahore begangen, weil Christen unser Ziel sind», sagte Ehsanullah Ehsan, Sprecher der radikalen Taliban-Gruppierung Jamaat-ul-Ahrar, am Montag. Seine Gruppe plane weitere Anschläge, auch gegen Schulen und Universitäten. Die Jamaat-ul-Ahrar hatte sich 2014 von der Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP) abgespalten, schloss sich ihr später aber wieder an. An Ministerpräsident Nawaz Sharif gehe die Botschaft, dass man in Lahore Fuss gefasst habe. «Er kann machen was er will, aber er wird uns nicht stoppen können. Unsere Selbstmord-Attentäter werden solche Anschläge wiederholen.»

Der Attentäter wurde mittlerweile identifiziert: Es handelt sich um einen 28-jährigen Mann aus Süd-Punjab. Nach Medienberichten war er Lehrer an einer Religionsschule. Der Attentäter hatte sich in der Nähe eines Spielplatzes in die Luft gesprengt. Nach offiziellen Angaben brachte er etwa 20 Kilogramm Sprengstoff zur Explosion.

Opfer waren mehrheitlich Muslime

Die Mehrheit der Toten seien aber Muslime, sagte Polizeioffizier Haider Ashraf. «Alle gehen in diesen Park.» Auch der 53-jährige Arif Gill, der mit seiner Familie zum Osterfeiertag in dem Park war, sagte, es sei «ein Angriff gegen alle». «Dies ist kein Angriff gegen Christen, alle sind Opfer, es sind viele Muslime unter den Opfern, alle gehen in den Park zum Entspannen», sagte Gill. Bis zu sechs seiner Angehörigen seien verletzt, zwei davon schwer.

Die christliche Minderheit macht in Pakistan nur 1,6 Prozent der rund 200 Millionen Einwohner aus. Vor einem Jahr wurden bei zwei Selbstmordanschlägen auf Kirchen in Lahore 17 Menschen getötet. Die Angriffe führten zu Ausschreitungen tausender Christen, die den Behörden vorwarfen, nicht genug für ihren Schutz zu tun. Der jüngste Anschlag dürfte das ohnehin angespannte Verhältnis der Konfessionen weiter belasten.

Viele der Verletzten seien schwer verwundet, deshalb müsse von einer weiter steigenden Zahl an Toten ausgegangen werden, sagte Salman Rafique, ein Berater der Gesundheitsbehörden in der Provinz Punjab, zu der auch Lahore gehört.

Schreckliche Szenen

Augenzeugen sprachen von schrecklichen Szenen, die sich während und nach dem Selbstmordanschlag abgespielt hätten. Da die Detonation sehr stark gewesen sei, lägen Leichenteile in dem Park, der in einem Wohngebiet liegt, weit verstreut.

Der 35-jährige Javed Ali sagte, die Explosion habe in seinem Wohnhaus gegenüber des Parks die Fensterscheiben zerstört. «Alles wackelte, es gab Schreie und Staub überall.» Der Park sei überfüllt gewesen, weil sich dort wegen des Osterfestes viele Christen versammelt hätten. Die Verletzten wurden zunächst mit Rikschas und Autos ins Krankenhaus gebracht, wo sie provisorisch auf Fluren und am Boden versorgt wurden.

Auf Fernsehbildern waren weinende Frauen und Kinder zu sehen, die unter Schock inmitten von Blutlachen standen. Verletzte wurden auch von Privatleuten in deren Fahrzeugen in nahegelegene Kliniken gebracht, da nicht genügend Rettungswagen zur Verfügung standen. Zudem versammelten sich innert kurzer Zeit hunderte Menschen vor den Spital, um Blut zu spenden. Ein Augenzeuge berichtete AP, er habe 20 Kinder ins Krankenhaus gebracht und drei Leichen in ein Polizeiauto getragen.

Papst: Osterfest überschattet

UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilte den «entsetzlichen Akt des Terrorismus» aufs Schärfste. Die Verantwortlichen hinter dem Terrorakt müssten rasch zur Rechenschaft gezogen werden, forderte Ban laut einer Mitteilung der Vereinten Nationen. Er rief die pakistanische Regierung auf, alles ihr Mögliche zu tun, um religiöse Minderheiten und alle anderen Menschen in dem Land zu schützen.

Der Vatikan verurteilte den Angriff zu Ostern als Ausdruck «fanatischer Gewalt gegen die christliche Minderheit». Vatikan-Sprecher Federico Lombardi erklärte, Papst Franziskus sei über «das schreckliche Massaker» unterrichtet worden, das «einen Schatten der Traurigkeit und Angst auf das Osterfest wirft». Er bete für die Opfer.

USA sagen Unterstützung zu

Auch die EU und die USA verurteilten den Terroranschlag scharf. Die US-Regierung bezeichnete den Selbstmordanschlag als «feige» und «entsetzliche» Tat. Die USA stünden an der Seite des pakistanischen Volkes und der Regierung, erklärte der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates, Ned Price, am Sonntag. «Wir werden weiterhin mit unseren Partnern in Pakistan und der Region in dem unerschütterlichen Bemühen zusammenarbeiten, die Geissel des Terrorismus auszurotten.»

Pakistans Regierungschef Nawaz Sharif verurteilte die Tat und erklärte, er empfinde «Schmerz und Kummer über den traurigen Verlust von unschuldigen Leben». Armeechef Raheel Sharif kündigte an, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Indiens Regierungschef Narendra Modi rief seinen Kollegen Sharif an, um ihm sein Mitgefühl und seine Unterstützung auszusprechen.

Die Regionalregierung von Punjab ordnete nach dem Anschlag die Schliessung aller öffentlichen Parks an. Soldaten wurden zur Kontrolle abgestellt. Lahore hat mehrere Millionen Einwohner und gehört zu dem grössten Städten des Landes.

Spannungen zwischen den Religionen

Pakistan leidet seit langem unter Extremisten der Taliban, kriminellen Banden und Spannungen zwischen unterschiedlichen Religionsströmungen. In Punjab, der politischen Hochburg von Ministerpräsident Nawaz Sharif, ist es üblicherweise aber friedlicher als in anderen Teilen des Landes.

In der pakistanischen Hauptstadt Islamabad und der angrenzenden Garnisonsstadt Rawalpindi gab es derweil Zusammenstösse zwischen der Polizei und zehntausenden Unterstützern des Islamisten Mumtaz Qadri, der Ende Februar wegen der Ermordung von Punjabs Gouverneur Salman Taseer hingerichtet worden war. Taseer hatte eine Änderung des strengen Blasphemie-Gesetzes gefordert. (woz/fal/sep/sda/ap/reu)

(Erstellt: 27.03.2016, 21:01 Uhr)

Stichworte

Facebook-Panne

Nach dem Anschlag in Lahore ist Facebook ein Fehler unterlaufen. Zahlreiche Nutzer erhielten die Benachrichtigung: «Geht es dir gut? Du scheinst dich in dem von die Explosion in Lahore, Pakistan betroffenen Gebiet zu befinden. Informiere deine Freunde, dass du in Sicherheit bist.» Die Meldung ging jedoch auch an Personen, die sich zurzeit nicht in Pakistan aufhalten. So auch an Leute in der Schweiz.

Artikel zum Thema

41 Tote bei IS-Anschlag nach Fussballspiel im Irak

In einem Ort südlich von Bagdad zündete ein Attentäter in einem Fussballstadion eine Bombe. Der IS bekennt sich zu der Tat. Mehr...

Junge Studentin verübte Anschlag in Ankara

Nach dem Attentat in der Türkei gibt die Regierung Informationen zur Selbstmordattentäterin bekannt. Sie soll von der syrischen Kurdenmiliz ausgebildet worden sein. Mehr...

Fast jedes Land hat sein eigenes Molenbeek

Analyse Der Anschlag islamistischer Extremisten im Zentrum Europas gilt nicht nur der belgischen Hauptstadt Brüssel, sondern allgemein den europäischen Werten von Freiheit und Offenheit. Mehr...

Werbung

Blogs

Blog: Never Mind the Markets Zwei Notenbanker, zwei Doktrinen

Politblog Die wirkliche Pisa-Lektion

Service

Kino

Alle Kinofilme im Überlick

Die Welt in Bildern

Hart im Nehmen: Ein Schwimmer im chinesischen Shenyang nutzt eine aufgebrochene Stelle in einem zugefrorenen See, um ein paar Längen zu absolvieren. (9. Dezember 2016)
(Bild: Sheng Li) Mehr...