Ausland
Taliban spielen Katz und Maus mit US-Truppen
Von David Nauer, Moskau. Aktualisiert am 09.07.2009 2 Kommentare
Es sah aus wie ein gewöhnlicher Verkehrsunfall, aber es war eine besonders perfide Falle der Taliban. Bewohner eines Dorfes in der Logar-Provinz, unmittelbar südlich von Kabul, bemerkten gestern einen Lastwagen. Das mit Holz beladene Fahrzeug hatte sich überschlagen. Neugierig liefen Kinder und Erwachsene herbei, jemand rief die Polizei. Dann ging die Bombe hoch. «Die Explosion schleuderte mich mehrere Meter weit, ich hörte Schreie», erzählte ein Augenzeuge der BBC. Die traurige Bilanz: 25 Menschen starben, viele wurden verletzt. Der Guerillakrieg in Afghanistan wird immer brutaler. Seit Jahresbeginn sind über 180 ausländische Soldaten gefallen; allein in den vergangenen Tagen starben 15. Die meisten Gewaltopfer jedoch – das zeigt der jüngste Anschlag – sind Zivilsten: Männer, Frauen, Kinder.
Die internationale Streitmacht versucht verzweifelt, die Gewalt zu stoppen. Grosse Hoffnungen liegen auf der Verstärkung aus den USA. 17'000 Soldaten schickt das Pentagon zusätzlich an den Hindukusch. Dazu kommen Tausende zivile Helfer. In einer ersten Offensive stossen seit einer Woche 4000 frische US-Marines in die Provinz Helmand vor. Hier, im Süden, haben die Taliban ihre Hochburg.
Rebellen entkamen in Burkas
Bisher hatten die Briten versucht, für Ordnung zu sorgen. Vergeblich. Auch die Amerikaner stehen vor Schwierigkeiten. Hauptproblem: Der Feind ist unsichtbar, nur vereinzelt kam es bisher zu Gefechten. Die Gotteskrieger sind in die Nachbarprovinzen ausgewichen oder untergetaucht. Manche von ihnen entkamen offenbar als Frauen verkleidet – sie verstecken sich unter Burkas, den Ganzkörperschleiern, die viele Afghaninnen tragen.
Das Verteidigungsministerium in Kabul befürchtet, die geflohenen Taliban würden ihr Unwesen anderswo treiben. «Sie werden weiterkämpfen», so ein Sprecher. Bereits früher hatten die Radikalen mit den westlichen Truppen Katz und Maus gespielt. Solange die Ausländer Präsenz markierten, war jeweils weit und breit kein Aufständischer zu sehen. Doch kaum zogen die Soldaten ab, kehrten sie zurück und rächten sich an der Bevölkerung. Diesmal soll in Helmand alles anders werden. Die Amerikaner probieren hier ihre neue, dreiteilige Strategie aus. Motto: «Säubern, halten, aufbauen.» Die Marines wollen so lange bleiben, bis die Bevölkerung für ihre Sicherheit sorgen kann.
Helmand als Schlüsselregion
Im Kampf gegen die Gotteskrieger ist Helmand aus zwei Gründen eine Schlüsselregion. Erstens leben hier hauptsächlich Paschtunen, jenes Volk, welches den Hauptharst der Taliban stellt. Die Überlegung: Gelingt es, in Helmand Frieden zu schaffen, könnte es später in ganz Afghanistan gelingen. Zweitens dient die flache Wüstenprovinz den Radikalen als Schatzkammer. Bis zu 90 Prozent des afghanischen Opiums stammen von hier. Die Frommen verdienen Millionen an diesem schmutzigen Geschäft. Geld, mit dem sie Waffen kaufen und Kämpfer bezahlen.
Wohl auch deswegen wollen die Taliban Helmand nicht kampflos aufgeben. «Wir werden den Invasoren eine Lektion erteilen», prahlte ein Sprecher der Organisation gegenüber der Agentur AFP. Der Mann gab zwar zu, dass sich seine Kämpfer aus gewissen Regionen zurückgezogen haben. Man meide eben die direkte Konfrontation mit dem Feind, sagte er. «Wir setzen auf Bombenanschläge und Überraschungsangriffe.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.07.2009, 21:58 Uhr





