Ausland

Vom Tabu zum Thema

Von Ueli Locher. Aktualisiert am 19.03.2015 28 Kommentare

Für eine friedliche Koexistenz zwischen Israelis und Palästinensern – eine Replik zum Gastbeitrag von David Klein.

An vielen Fronten engagiert: Heks-Hilfslieferungen in den Philippinen im November 2013.

An vielen Fronten engagiert: Heks-Hilfslieferungen in den Philippinen im November 2013.
Bild: Keystone

In seinem Gastbeitrag «Luther, Hitler, die Kirche und die Juden» bezichtigt Autor David Klein unter anderen das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) zwischen den Zeilen des Antisemitismus und explizit einer permanenten antiisraelischen Agitation.

Ich weise diese undifferenzierten und polemischen Unterstellungen in aller Form zurück. Das Heks ist weder ein Feind des Staates Israel noch hat es jemals direkt oder indirekt dessen Existenzrecht infrage gestellt. Und es ver­urteilt jegliche Form von Antisemitismus aufs Schärfste.

Das Heks setzt sich weltweit in zahlreichen Ländern und mit verschiedenen Partnerorganisationen für die Friedensförderung und die gewaltfreie Konfliktbewältigung sowie für einen fairen und gerechten Zugang zum Land ein. So auch in Israel und Palästina. Dort unterstützt das Heks etwa Dorf­gemeinschaften im Westjordanland darin, Zugang zum eigenen Land zu erhalten, das sie wegen des fortschreitenden Baus israelischer Siedlungen und der damit verbundenen Verletzung internationalen Rechts zu verlieren drohen.

Das Heks und die ungelöste Frage

An der Seite der Schwachen und Rechtlosen zu stehen, heisst in vielen Fällen kritische zivilgesellschaftliche Organisationen zu unterstützen – auf allen Kontinenten und in vielen Ländern, in denen das Hilfswerk tätig ist. Zum Partnernetzwerk des Heks in Israel und Palästina gehören auch die israelischen Organisation Zochrot und das palästinensische Kompetenzzentrum für Flüchtlingsrechte Badil. Das Heks unterstützt unter anderem ein gemeinsames Projekt dieser beiden Organisationen, in dessen Fokus die seit 67 Jahren ungelöste und beidseits emotional hoch belastete Frage des Rückkehrrechtes der palästinensischen Flüchtlinge steht.

In Israel selbst ist dieses Thema stark tabuisiert. Die meisten Israelis befürchten, dass die Rückkehr palästinensischer Flüchtlinge das Ende des israelischen Staates bedeuten würde. Für viele Palästinenser wiederum ist die Rückkehr in die Heimat ein surrealer Traum. Viele kennen ihre Dörfer nur aus Erzählungen ihrer Grosseltern. Die Frage, was eine Rückkehr ins Israel der Gegenwart bedeuten würde, wurde bisher kaum gestellt.

Erfahrung in Belgrad

Ziel von «Zochrot» und «Badil» ist es deshalb, die Frage, wie eine Rückkehr im heutigen Kontext und auf der Basis des Existenzrechts Israels aussehen könnte, zum Gegenstand eines breiten Diskurses in beiden Gesellschaften zu machen. Davon ausgehend sollen pragmatische Prinzipien entwickelt werden, die sicherstellen, dass sowohl die Rechte der Flüchtlinge als auch die der Israelis geschützt werden.

Weil sich palästinensische Flüchtlinge und Israelis nur ausserhalb von Israel und den palästinensischen Gebieten treffen können, vermittelte und unterstützte das Heks 2009 ein Treffen von interessierten Flüchtlingen und Israelis in der serbischen Hauptstadt Belgrad. Belgrad wurde als Tagungsort gewählt, um dort mehr über den Konflikt im ehemaligen Jugoslawien und über das Rückkehrrecht, wie es dort umgesetzt wurde, zu erfahren.

Zum Beispiel Jaffa

Ein Jahr später trafen sich die Projektteilnehmenden ein zweites Mal in Istanbul. Hier versuchte man, das bisher Erarbeitete auf ein konkretes Beispiel in Israel anzuwenden: das Stadtviertel Manshiya in Jaffa, südlich von Tel Aviv. Zusammen mit Planern entwickelten die Teilnehmenden Modelle und debattierten umstrittene Fragen auf der Basis von Prinzipien des internationalen Rechts. Die Diskussion wurde so konkret, dass sogar darüber debattiert wurde, wie die Zukunft dieses oder jenes Gebäudes aussehen und wie es nach der Rückkehr der Flüchtlinge genutzt werden könnte. In diesen Diskussionen wurde für die Teilnehmenden plötzlich greifbar, wie die Realität eines friedlichen Zusammenlebens aussehen könnte – auch wenn es sich dabei vorerst lediglich um eine ferne Vision handelt.

Das Beispiel zeigt, wie David Kleins Unterstellungen diffamierende und verleumderische Züge tragen. Es geht ihm nicht um eine seriöse, konstruktiv kritische Auseinandersetzung mit der Arbeit des Heks, sondern lediglich darum, diese zu diskreditieren. Gefragt wären aber nicht Polemik und emotionale Überhitzung, sondern ein sachlicher und unvoreingenommener Dialog – auch zu umstrittenen Themen. Mit seinen bescheidenen Mitteln wird das Heks weiterhin versuchen, in Israel, Palästina und anderswo auf der Welt kleine Beiträge zur Annäherung und Aussöhnung von Konfliktparteien zu leisten. Unaufgeregt, dezidiert und respektvoll.

Ueli Locher ist Direktor des Hilfswerks der evangelischen Kirchen Schweiz (Heks). (Basler Zeitung)

Erstellt: 19.03.2015, 15:55 Uhr

28

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

28 Kommentare

N. Pauli

19.03.2015, 18:56 Uhr
Melden 104 Empfehlung 57

Ich habe es so satt. Andauern beschuldigt die jüdische Diaspora Organisationen, Hilfswerke, Politiker oder gar ganze Völkergemeinschaften. Nie wird das völlige Versagen der israelischen Politik der letzten 50 Jahre angeprangert. Soeben hat Israel die Zweistaatenlösung vehement abgelehnt und wieder eine "Scharfmacher-Regierung" gewählt. Israel soll sich endlich von der Opferrolle lösen. Antworten


ra koch

20.03.2015, 14:21 Uhr
Melden 43 Empfehlung 17

So beginnt das Verstehen, warum viele zur Flucht aus Europa aufrufen. Die Ideologen erhoffen sich einen Neuzuwachs gegen die erstarkende Opposition. Am liebsten wünscht man sich selbstverständlich maximal die Orthodoxen. Nun, wenn dann nur Säkulare, Arabischstämmige und Gemässigte kommen; verpufft der Aufruf geweisssagt:
Progressive suchen kaum den brennenden Orient auf.
Damit wird sic! gerechnet!
Antworten