Ausland

Vor der Despotendämmerung

Von Johannes Dieterich. Aktualisiert am 24.01.2011 4 Kommentare

Dank der Integration in die Weltwirtschaft wächst auch in Afrika ein Mittelstand heran.

Auch Laurent Gbagbos Zeit dürfte bald abgelaufen sein: Die zynischen Allüren des ivorischen Ex-Präsidenten werden von einer Mehrheit nicht länger toleriert.

Auch Laurent Gbagbos Zeit dürfte bald abgelaufen sein: Die zynischen Allüren des ivorischen Ex-Präsidenten werden von einer Mehrheit nicht länger toleriert.

Etwas Ähnliches hat Afrika noch nicht erlebt. In diesem Jahr werden in 22 Staaten des Kontinents die Wähler zu den Urnen gehen, um über die Führung ihres Landes zu entscheiden: eine beispiellose Lawine an Abstimmungen, die den ob seiner demokratischen Mängel berüchtigten Erdteil entweder salonfähiger machen oder noch tiefer in der Obskurität versinken lassen könnte.

Es hat nicht gut begonnen. Noch als Altlast aus dem vergangenen Jahr wird die Elfenbeinküste gegenwärtig von den Folgen eines gründlich verbockten Urnengangs erschüttert: Der ivorische Ex-Präsident Laurent Gbagbo hat demonstriert, wie skrupellos afrikanische Machthaber bei der Manipulation von Abstimmungen vorzugehen wissen. Dass nicht jener gewinnt, der die meisten Stimmen auf sich vereint, sondern wer die Spielregeln und die Auszählung kontrolliert, ist in Afrika schon fast zur Norm geworden.

Genug von zynischen Allüren

Zu Gbagbos Verhängnis wird indessen werden, dass er einen entscheidenden Stimmungswechsel auf dem Kontinent nicht wahrgenommen hat: Die zynischen Allüren der Big Men werden – zumindest von einer Mehrheit der Staatschefs – nicht länger toleriert. Sie haben erkannt, dass sich der Kontinent solche Possen alleine schon wirtschaftlich nicht leisten kann: Anders wäre nicht zu erklären, dass Gbagbo dermassen wirksam isoliert wurde. Und wer das Signal aus den Präsidentenpalästen nicht hören will, dem hat die tunesische Bevölkerung jetzt klargemacht: Wer sich nur ums eigene statt um das Wohl des Volkes kümmert, wird früher oder später entsorgt.

Denn Afrika ist kein Reservat für Despoten, Destrukteure und Desperados mehr. Nach den jüngsten Prognosen der Weltbank wird der Kontinent in den kommenden Jahren die nach den asiatischen Tigerstaaten am zweitschnellsten wachsenden Ökonomien der Erde stellen. Der Handel zwischen den mittlerweile die Weltwirtschaft tragenden Südnationen – vor allem Chinas Rohstoffhunger – hat in wenigen Jahren mehr erreicht als ein halbes Jahrhundert westlicher Entwicklungshilfe: Afrika ist dabei, sich ins globalisierte Wirtschaften einzuklinken. Langsam, aber stetig wächst auf dem Kontinent, was einst auch in Europa für die Despotendämmerung sorgte: der Mittelstand. Einigermassen gut verdienende Bürger haben kein Interesse an Krieg und Chaos: Sie wollen in Ruhe Geld verdienen.

Afrikanische Löwenstaaten

Ausgerechnet der vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag des Völkermords und der Kriegsverbrechen angeklagte Omar al-Bashir scheint das erkannt zu haben. Statt den Volksentscheid über die Abspaltung des Südsudan gegen die Wand zu steuern und den grössten Flächenstaat Afrikas in einen neuen Krieg zu stürzen, hat der Präsident des Sudan den bitteren Verzicht auf ein fruchtbares und erdölhaltiges Drittel seiner Nation als Voraussetzung für deren wirtschaftliche Zukunft in Kauf genommen: Weshalb die erste Abstimmung in Afrikas Superwahljahr so überraschend reibungslos verlief.

Die Elfenbeinküste auf der einen, der sudanesische Volksentscheid auf der anderen Seite des Spektrums: Die restlichen 21 Abstimmungen auf dem Kontinent werden sich, was Glaubwürdigkeit und Friedlichkeit angeht, wohl irgendwo dazwischen bewegen. Die Vorstellung wäre naiv, dass auf dem von Jahrhunderten der Sklaverei, des Kolonialismus und den Stellvertreterschlachten des Kalten Krieges zerrütteten Kontinents alles plötzlich und schlagartig besser wird: Auch Europa hat Jahrhunderte gebraucht, um Feudalstaaten in Republiken und Kriegsfürsten in Entrepreneure zu verwandeln. Auch wird es in Afrika noch lange Ungleichzeitigkeiten wie einst in Europa geben, wo in Frankreich das aufgeklärte Bürgertum triumphierte, während die Griechen, Serben und Albaner noch unter der osmanischen Fremdherrschaft darbten. Genauso wird es im anarchischen Somalia oder in der sogenannten Demokratischen Republik Kongo wohl noch lange drunter und drüber gehen, während in Ghana, Südafrika und Kenia der Mittelstand aufblüht.

Selbst Nigeria gibt zur Hoffnung Anlass. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten stehen sich in Afrikas erdöl- und bevölkerungsreichstem Staat bei den Wahlen im April keine Ex-Generäle oder andere korrupte Brontosaurier mehr gegenüber: Die beiden führenden Parteien stellten vielmehr als Kandidaten einen Ökologen und einen Korruptionsbekämpfer auf. Gut regiert, könnte sich der Erdölgigant innerhalb kurzer Zeit in einen afrikanischen Löwenstaat verwandeln, sind sich Experten einig: Auf ihre Exportkapazitäten stolze Staaten wie die Schweiz tun gut daran, die Entwicklungen auf dem Nachbarkontinent im Detail und mit differenziertem Blick zu verfolgen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.01.2011, 22:52 Uhr

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4 Kommentare

Max Wartenberg

24.01.2011, 08:47 Uhr
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Vor ein par Jahren noch wurde der Export von Rohstoffen aus Afrika von Intelektuellen als kolonialistische Ausbeutung Afrikas verschrien; heute ist er Einbindung ins globalisierte Wirtschaftsleben. Erfreulich, dass die Afrikaner die Kolonisierungsopfer-Mentalität nun endlich entsorgen und sich bewusst werden, dass sie selber für ihre Probleme verantwortlich sind und sie selber auch lösen müssen. Antworten


Gunnar Sturm

24.01.2011, 10:30 Uhr
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Alle Achtung, der Artikel hat Weitblick: Europa braucht eine neue Strategie im Umgang mit Afrika. Ich sehe jedoch am Beispiel Elfenbeinküste wie desinformiert das deutschsprachige Publikum ist. Die Themen sind zu komplex, zudem: die meisten Medien fallen auf die Propaganda, der von Frankreich beherrschten Diplomatie, herein. Antworten



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