Ausland
Warum sich die Saudis bis an die Zähne bewaffnen
Interview: Matthias Chapman. Aktualisiert am 11.08.2010
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Erich Gysling, Journalist und Nahost-Experte. (Bild: Keystone )
Riesiger Waffen-Deal
Die USA planen laut einem Bericht des «Wall Street Journal» einen großen Waffendeal mit Saudiarabien: Für insgesamt 30 Milliarden Dollar sollen F-15 Kampfflugzeuge an das Land geliefert werden. Die Kampfjets sollen aber nicht in der voll ausgestatteten Version verkauft werden: Langstreckenwaffen-Systeme etwa werden fehlen. Grund dafür sind Proteste Israels. Die Zeitung schreibt unter Berufung auf Regierungskreise, dass Israel zwar immer noch Bedenken gegen den Deal habe, dank der Einschränkungen bei der Ausstattung aber nicht beim US-Kongress dagegen protestieren werde. Der Kongress kann Waffengeschäfte blockieren, sollten sie den Sicherheitsinteressen Israels zuwiderlaufen. Saudiarabien besitzt bereits ältere Versionen der Jets. Der neue Auftrag soll über die nächsten zehn Jahre abgewickelt werden.
Herr Gysling, Saudiarabien will offenbar von den USA für 30 Milliarden Dollar Waffen kaufen. Die Zahl scheint alle Grenzen zu sprengen. Warum jetzt, und warum in dieser Dimension?
Die Unsicherheit in der Region ist gross. Deshalb haben die Arabischen Emirate ihre Rüstungseinkäufe massiv gesteigert. Hier zieht Saudiarabien jetzt nach, indem es sein Waffenarsenal erneuert. Die Zahl von 30 Milliarden Dollar ist tatsächlich hoch, das wird sich aber auf mehrere Jahre verteilen.
Saudiarabien hält nach den USA und Japan die grösste Kampfjetflotte. Ist das nur Abschreckung, oder können die Saudis diese Hightechkriegsgeräte auch «sinnvoll» einsetzen?
Die Saudis werden von amerikanischen Militärs ausgebildet. Zwischen den beiden Ländern bestehen entsprechende Abkommen. Aber natürlich hat die saudische Luftwaffe viel Kriegsgerät, das einfach herumsteht. Sie wäre auch weder interessiert noch in der Lage einen Hightechkrieg zu führen. Die eingekauften Rüstungsgüter dienen tatsächlich in erster Linie der Abschreckung.
Sie sprechen von Unsicherheit in der Region, also einer Bedrohung von aussen für Riad. Haben die Waffenkäufe auch mit einer Bedrohung des Regimes im eigenen Land zu tun?
Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 – 16 der 19 Attentäter waren Saudis – weiss man, dass die islamistische Oppostion im Land viel grösser ist, als man das bisher angenommen hatte. Das saudische Regime fühlt sich in der Tat auch vor Angriffen aus dem Inneren des Landes nicht sicher. Die Käufe von amerikanischen Blackhawk-Helikoptern sind in diesem Licht zu sehen. Man will auch für diesen Fall gerüstet sein.
Wie gut ist die Verbindung zwischen der Herrscherfamilie und dem Militär?
Die ist sattelfest.
Wie können die USA auf einen so undurchsichtigen und mit viel Unsicherheit behafteten Partner in der Region setzen?
Dieses Risiko gehen die Amerikaner fast überall im Nahen Osten ein. Im Irak zum Beispiel haben sie die Milizen auf ihre Seite geholt und diese aufgerüstet. Nun zeigt sich, dass vermehrt solche Leute wieder zu al-Qaida oder al-Qaida-ähnlichen Organisationen überlaufen.
Führt für Washington kein Weg an Riad vorbei?
Offensichtlich ist das bis jetzt so. Das Verhältnis könnte aber ins Wanken kommen, weil in nächster Zeit das herrschende Regime ausgewechselt wird. Die jetzige Führung ist alt und wird das Zepter der nächsten Generation übergeben müssen. Nur zeichnet sich hier noch keine künftige Führungsriege ab. Hier kann man spekulieren, dass das noch herrschende Regime mit den Rüstungskäufen für die Übergabe sichere Verhältnisse schaffen will.
Es heisst, die USA wollten die Nachbarstaaten des Iran aufrüsten. Sollte der Iran aber jemals die Atombombe erlangen, bringt das doch gar nichts?
Man kann davon ausgehen, dass der Iran keinen Angriffskrieg führen wird. Ich halte die angeblichen Aussagen von Mahmoud Ahmadinejad, wonach er Israel am liebsten von der Landkarte verschwunden sähe, für nicht korrekt interpretiert. Wenn, dann will der Iran die Atombombe auch zur Abschreckung.
Wofür denn die vielen Waffen, wenn die Saudis keinen Angriff befürchten müssen?
Es kann zu Konflikten jedwelcher Art in der Region kommen, welche Saudiarabien treffen. Und Riad hat alles Interesse daran, die Strasse von Hormus freizuhalten. Das ist die für sie wichtige Wasserverbindung für die Öllieferungen. Und das würde das saudische Militär sicher mit Waffengewalt tun. Immerhin rund ein Drittel des weltweiten Ölhandels geht durch diese Verbindung.
Wird es in nächster Zeit zum Beschuss von iranischen Atomanlagen durch Israel kommen?
Zum Glück habe ich eine Wette verloren, bei der ich davon ausging, dass dieser Schritt bis Ende 2008 kommt. In den letzten Monaten ist dieser Konflikt aber wieder angestachelt worden. Israel tut so, als gebe es keinen anderen Ausweg, den Iran von der Atombombe abzuhalten. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 11.08.2010, 17:36 Uhr











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